Thessaloniki Weekly: Schöner Wohnen

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Foto: Nils Katzur

Thessaloniki ist nicht London, Madrid oder Paris. Thessaloniki ist eine Metropole auf dem Balkan. Die Griechen halten sie für die heimliche Hauptstadt ihres Landes. Das Nachtleben sei legendär und trotz Corona-Einschränkungen hält man daran fest. Auf dem Olymp, so sagt man, hausen die Götter. Direkt gegenüber gastieren Studierende aus aller Welt und feiern die „europäische Erfahrung“. Braucht es mehr Gründe für Erasmus?

Für Erasmus-Studierende findet sich in Thessaloniki immer eine Bleibe. Das geht in der Regel schnell und unkompliziert. Gute Neuigkeiten für all jene, die eher dazu neigen die lästige Wohnungssuche vor sich herzuschieben. Wer vom ohnehin schon irrsinnigen bürokratischen Aufwand verzehrt wird, verliert schnell den Blick fürs Wesentliche: Das Zimmer. 

Nach der unkomplizierten Wohnungssuche wird es nämlich schnell abenteuerlich. Es ist die immer gleiche Geschichte von Vertrauen und Verrat, fehlerhafter Kommunikation und der irreführenden Vorstellung, es werde schon alles gut gehen. Doch meist, und das musste ich lernen, fußten meine Befürchtungen auf jenen Projektionen, die ich als Vertreter einer deutschen Kartoffel einfach aufgenommen habe. In meinem Fall waren es die typischen Klischees gegenüber südeuropäischen Ländern: unbürokratisch, unordentlich und mindestens zwielichtig. 

Dabei hatte ich noch Glück, oder einfach nur das Glück, dass meine Wohnungssuche von Deutschland aus wider Erwarten gelungen ist. 20 Quadratmeter, ein Balkon, hohe Decken und sogar ein wenig Schmuck um die Lampen rum. Dazu das ganze mediterrane Flair mit dem Wäsche-draußen-aufhängen und den schönen Gassen. Was will man mehr! Meine Vermieterin Eleni ging höflich auf meine Nachfragen ein. Ich wollte Fotos, die genaue Adresse, einen Mietvertrag und die Kontodaten. Ich wollte nichts cash zahlen. Normal sind solche Anfragen nicht, jedenfalls nicht für griechische Verhältnisse. Die meisten Vermieter*innen meinen, dass man für die wenigen Monate keine Dokumente bräuchte, weil das zu aufwändig sei. Dabei bekommt man nicht selten schroffe Nachrichten zurück, warum man so frech sei und danach frage. Vor ab: Laut dem International Office der Aristoteles Universität sind das genau die Dinge, auf die man achten soll. Die Erasmus-Vertretung der Universität bietet nämlich von sich aus keine Wohnungsinserate an. Studierende sind also von Anfang an auf sich allein gestellt. 

Foto: Nils Katzur

Eine Sache fiel bei der Wohnungssuche besonders auf: Ich stellte fest, dass die Wohnungseigentümer über Facebook-Gruppen auf einen zukommen. Erasmus-Studierende sind für viele Eigentümer*innen (oder vermeintliche) ein lukratives Geschäft. Am Anfang hielt ich solche Avancen für die typische Betrugsmasche, mit der man Studierende aus dem Ausland abziehen kann. Tatsächlich lernte ich eine Italienerin kennen, der genau das passiert ist. Die Kaution von einer Monatsmiete sollte sie bei Ankunft jemanden geben, der sie vor der Wohnung traf. Nachdem die Kaution übergeben war, passte der Hausschlüssel nicht. Die Kaution war weg und eine Wohnung gab es auch nicht. Ich erhielt während meiner Suche ein Angebot, die Miete bar zu zahlen und jemanden in die Hand zu drücken. Dafür müsse die Kaution jedoch bereits vor der Schlüsselübergabe überwiesen werden. Wenn ich nachfragte wieso, bekam ich entweder keine Antwort oder den geflügelten Satz „Das machen wir immer so.“ Für eine Entscheidung erbat ich mich mir jedoch Zeit. Aber nicht zu lange, teilten mir die Eigentümer*innen mit. Es war entweder immer nur noch ein Zimmer von dreien frei, oder es stünden bereits andere Interessenten direkt vor der Haustür. Ich war verwirrt.

Eleni, die all meine pingeligen Fragen über sich ergehen ließ, erklärte mir die Situation. Viele Griech*innen sähen in der Vermietung ihrer eigenen Wohnung eine zusätzliche Einnahmequelle. Die Staatspleite von 2010 sei nie wirklich überwunden worden. Viele sind auf die zusätzlichen Einkommen angewiesen. Und dass die meisten die Miete bar haben wollen, sei jenen nicht zu verübeln, erklärte sie mir. Die Miete nicht als Einkunft zu versteuern sei gängige Praxis. Zum Vergleich: Die meisten Studierenden leben hier zur monatlichen Miete von 250 bis höchstens 350 Euro. Der griechische Mindestlohn beträgt nach der englischsprachigen Nachrichtenseite Keep Talking Greece etwa 500 Euro. 

Eleni hatte die Wohnung zusammen mit ihrer Schwester geerbt. Sie würde gerne selbst hier wohnen, könne es sich aber derzeit nicht leisten. Tatsächlich merkte ich, dass eigentlich alle Erasmus-Studierenden in Privatwohnungen leben, meist noch mit den Familienportraits der Besitzer*innen an der Kühlschranktür. Die meisten zahlen ihre Miete in cash. Beschweren tut sich keiner. Manche wohnen in einer der unzähligen Airbnb-Wohnungen, die Fluch und Segen zugleich sind, weil die Stadt flächendeckend damit gepflastert ist.  Manche verschlägt es für 170 Euro in fensterlose Zimmer oder dunkle Innenhöfe. Wer Pech hat, besitzt ein kleines Fenster keine zwei Meter von der nächsten Hauswand entfernt. Daher sollte man immer fleißig nach mehr Fotos fragen, selbst wenn das die Vermieter*innen nervt. Und wenn ihr aus meiner Geschichte nur eines mitnehmen könnt, dann das: Fliegt erst in das Land, geht in ein Hostel und sucht von da aus. Das spart Nerven. 

Wenn man in die Oberstadt schaut, werden die Häuser kleiner und irgendwie auch verschachtelter. In den Gassen stellt man den streunenden Katzen Milch raus und den Motorroller wäscht man vor der eigenen Haustür. Von da oben sieht man, wie sich die Mietburgen der Innenstadt an die Bucht schmiegen. Ein Freund sagte mir, dass man hier oben ein besonderes Graffiti findet. Auf Englisch steht da: Tourists go home! Ich glaube ihm, ohne es gefunden zu haben. Eine Nacht standen wir auf meinem pittoresken Balkon, der über die ganze Fassade läuft. Wir schauten auf die andere Straßenseite, und fragten uns, warum die meisten Fensterläden die ganze Zeit geschlossen bleiben. 

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