Die Stundenpläne sind voll und wir werden immer wissender, vermeintlich sogar zu Wissenden. Doch unsere Bildung entspricht lediglich einer Perspektive: einer europäischen. Das muss sich dringend ändern. 

Lange habe ich nicht hinterfragt, warum ich schon mal was von Kant gehört habe, aber kaum von Anton Wilhelm Amo. Klar, Kant war Europäer, Philosoph der viel zitierten Aufklärung, hat unsere Geschichte, die Moderne geprägt. Das Aufkommen der Moderne, dachte ich vor kurzem noch, war die Zeit des Fortschritts und des Humanismus. Allerdings hat Europa parallel zur “humanistischen” Moderne die ganze Welt kolonisiert und ausgebeutet, so auch Afrika, die Welt von Anton Wilhelm Amo, einem der ersten schwarzen Philosophen. Kant höchstselbst hat biologische Rassenkategorien entwickelt, um eben diese Ausbeutung zu rechtfertigen. Das alles ist jedoch eher selten Thema.

Blickt man tiefer, auch mal an Lehrplänen vorbei, wird schnell klar, die Bildung, die wir in Deutschland hauptsächlich konsumieren, folgt einem eurozentrischen Narrativ. Dieses Narrativ, das uns als humanistisch und fortschrittlich konzeptualisiert, lässt Schattenseiten der modernen Gesellschaft, wie den Kolonialismus, und andere Perspektiven unbeachtet.

Unser Bildungssystem reproduziert koloniale Denkmuster 

In den Lehrplänen werden hauptsächlich europäische Denker behandelt, Schulbücher reproduzieren immer noch rassistische Afrikabilder, es gibt kaum schwarze Professor*innen an deutschen Universitäten. Postcolonial Studies, Black Studies oder Black European Studies sind in Deutschland nirgends zu finden. Auch in anderen europäischen Ländern sind Black Studies rar, so werden diese erst seit 2017 in Großbritannien europaweit zum ersten Mal angeboten. Weiterhin kritisiert die Autorin Grada Kilomba, dass einige Weiße die afrikanische Wissenschaft als emotional oder persönlich beschreiben und selbst als Weiße afrikanische Kultur vermitteln.

Lediglich vordergründig wird Gleichberechtigung und Pluralismus an deutschen Bildungsinstitutionen proklamiert, das ist gut fürs Image. Problematisch an der aktuellen Lage ist, dass so Rassismus weiter begünstigt wird. Rassismus, der in der Kolonialzeit geprägt wurde, um die Unterwerfung indigener Gemeinschaften zu legitimieren und mit dem wir uns bis heute versuchen auseinanderzusetzen.

Was kann getan werden? 

Eurozentrismus im Bildungssystem wird zunehmend erkannt und kritisiert. Das entstehende Bewusstsein über die kulturelle Relativität von Wissen führt zur Infragestellung existierender Bildungsansätze fernab moderner Glaubenssätze. Insbesondere die Forschung im Bereich der Dekolonisierung beschäftigt sich damit, wie westzentrische Wissensstrukturen aufgebrochen werden können, um Rassismus vorzubeugen und multiperspektivische Weltanschauungen zu fördern. Konkret wird von Aktivist*innen auf dem Gebiet der Dekolonisierung, wie Michael Baker oder Josephine Apraku, ein pluralistischer Lehrplan gefordert, der bisher marginalisiertes Wissen inkludiert und die Zeit der Kolonialisierung kritischer behandelt. Bereits in der Schulzeit soll transparent gemacht werden, dass die Moderne nicht nur fortschrittlich war, sondern auch Motor für Rassismus, gewalttätig und vernichtend für andere Kulturen. Wie viel Wissen und Werke indigener Kulturen durch die Kolonisierung zerstört wurde, lässt sich kaum erahnen. Dieses Wissen soll nun wiederentdeckt und zugänglich gemacht werden.

Das Ziel dekolonialer Bestrebungen im Bereich Bildung besteht also in der Erschaffung einer transmodernen, pluralistischen Bildungswelt, in der vielfältige Ansichten koexistieren können. Klar, klingt das erstmal ziemlich utopisch. Wie soll all das Wissen integriert werden? Bereits jetzt quillen die Lehrpläne über und kann man überhaupt raus aus einer eurozentrischen Sicht, reproduziert man nicht unbewusst immer wieder die eigenen Muster? Wo soll man anfangen, damit andere Wissenstraditionen Beachtung finden und uns Empathie für bisher fremde Kulturen näherbringen können?

Am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der Technischen Universität Berlin wird aktuell eine Ringvorlesung zum Thema Bildung dekolonisieren gehalten. Jeden Mittwochabend wird hier noch bis Ende Februar über die Relativität von Wissen diskutiert. Expert*innen aus den Bereichen Bildungs- und Erziehungswissenschaften sowie Genderstudies referieren über erste Ansätze für ein Umdenken. Ein Vorschlag besteht zum Beispiel darin, stets zu hinterfragen, woher unser Wissen kommt und wer mit uns über dieses Wissen spricht, wer mit im „Raum“ ist und wer nicht und warum.

Wissen grundlegend zu hinterfragen und sich für das Nicht-Wissen zu sensibilisieren, beinhaltet die Bereitschaft Informationen, die wir uns über Jahre angeeignet haben aus neuen Perspektiven zu betrachten. Das kann ziemlich entlarvend und inspirierend sein.

P.S.: Hier geht’s zur Petition „Deutsche Kolonialgeschichte und rassismuskritischen Unterricht an Berliner Schulen“

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