Die HU reflektiert ihre Erinnerungskultur neu. Nobelpreisträger zu sein, ist nicht mehr das einzige Kriterium, das entscheidet, wer geehrt wird.

Protestierende der Black-Lives-Matter Bewegung warfen im Juni in Bristol die Statue des
Sklav*innenhändlers Edward Colson ins Wasser. Sie lösten dadurch ein neues, weltweites
Nachdenken über Erinnerungskultur aus. Die Debatte über Kolonialismus und den Umgang
mit dieser Geschichte ist in Deutschland jedoch nicht neu. Schon Ende der 60er Jahre
brachten Studierende in Hamburg Statuen zweier Kolonialherren zu Fall. Die Imperialismus-Kritik der Studierenden fand in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit zu der Zeit aber keinen
großen Zuspruch. Heute ist das anders. Wurde auch in Deutschland die Geschichte des
Kolonialismus lange nicht reflektiert, beziehungsweise fand nur in akademischen Kreisen
Aufmerksamkeit, so gibt es heute ein Bemühen, nicht länger die Folgen zu revidieren, erklärt der Historiker Kim Todzki in einem Interview mit der Zeit.

In Berlin werden Straßennamen umbenannt, die diskriminierend sind. Ein Blick auf die
Erinnerungskultur der Humboldt-Universität zeigt, dass es auch wichtig ist, zu überlegen, an welcher Statue oder welchem Gemälde der tägliche Weg zur Vorlesung vorbeiführt. Nicht nur vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte Deutschlands, sondern auch anderer Makel in den Biografien der durch Denkmäler Geehrten.

Prominent ist die Ahnengalerie der Nobelpreisträger im ersten Stock des historischen
Hauptgebäudes der HU. Nicht zu übersehen, wenn man den Weg über den Haupteingang und die marmornen Treppen hoch zu den Seminarräumen und Hörsälen wählt. Direkt an der Wand neben dem Eingang des Senatsaals, wie auch an den linken und rechten Wänden hängen berühmte, mit dem Nobelpreis geehrte Wissenschaftler. Gemein haben diese Persönlichkeiten, dass ihr Weg sie einst auch an die Berliner Universität führte. Auffällig ist, dass es sich nur und ausschließlich um alte, weiße Männer handelt. Das wirkt rückschrittlich.

Entführung eines Porträts

Das findet auch die historische Kommission der HU, die eine Neugestaltung der Galerie konzipiert. Aufmerksamkeit auf die Erinnerungskultur der HU lenkte allerdings schon 2014 eine studentische Initiative mit dem Namen „Wissen im Widerstand“: Jedem, der den rechten Treppenaufgang wählt, springt oben angekommen ein leerer Bilderrahmen ins Auge. Ein erklärender Text ersetzt das Bild von Adolf Butenandt, der 1939 den Nobelpreis für Chemie erhielt.

Die studentische Gruppe entführte das Porträt am 5. Dezember 2014. Grund dafür war die Beteiligung Butenandts an rassistischen Forschungen während der NS-Zeit, seine NSDAP-Mitgliedschaft und seine Vertuschungs- und Beschwichtigungsversuche nach 1945. Der Rahmen wurde nach dieser Aktion bewusst frei gelassen. Das heißt er wurde mit einem
Text gefüllt, um die Diskussion über die Erinnerungskultur an der Universität zu eröffnen. Die Frage nach der Auswahl der Erinnerten, welche die HU repräsentieren, wird so neu gestellt.

Welche Personen oder Personengruppen fehlen vielleicht oder sind unterrepräsentiert?
Prof. Dr. Gabriele Metzler ist Teil der historischen Kommission, die die Universität beratend
bei der Umgestaltung der Galerie unterstützt. Bis Anfang des Wintersemesters solle das neue Konzept vorm Senatssaal hängen. Die „Entführung“ des Bildes von Butenandt hätte das Präsidium als Aufforderung verstanden, kritisch über die Erinnerungskultur an der HU
nachzudenken, erklärt Metzler. Für was steht diese Universität und was soll sichtbar gemacht werden? Diese Fragen seien richtungsweisend.

Reden wir von Verantwortung

Drei Akzente sollen bei der Umgestaltung gesetzt werden: In erster Linie bestimmend für die Auswahl der Erinnerten ist der Punkt der exzellenten „Wissenschaft“ und der „Bildung durch Wissenschaft“. Ein zweiter Punkt sei dann aber auch die Verantwortung, die Wissenschaftler*innen für ihr Handeln tragen müssen und eine dritte Kategorie ist ihr Wirken in die Gesellschaft.

Dabei werden auch Leerstellen in der Bildergalerie mitgedacht, wie zum Beispiel Frauen.
Diese hätten laut Dr. Metzler nicht den gleichen Zugang zu Forschungsmitteln und zu wissenschaftlichen Positionen gehabt. Dabei gab es auch herausragende weibliche
Wissenschaftlerinnen. In einem Versuch, diese sichtbar zu machen, gibt es im Seitenflügel
eine Galerie nur mit Frauen. „Die Frauen hängen im Seitenflügel, weil sie Frauen sind, und
die Männer hier hängen hier, weil sie exzellente Wissenschaftler sind – das geht nicht“, sagt
Dr. Metzler.

Jedes neu ausgestellte Bild soll kontextualisiert werden, bezogen auf die drei Hauptkriterien. Die Umstände, in denen die Wissenschaftler*innen agiert haben, werden demnach aufgezeigt. Zum Beispiel stellt sich die Frage, in wie weit sie sich an politische Systeme haben anpassen müssen, um weiter forschen zu können. Dr. Metzler beschreibt eine starke intrinsische Motivation eines jeden Akademikers für seine Forschung. Diese hätte auch zu Entscheidungen geführt, die als falsch bzw. nicht humanitär bezeichnet werden können.

Als Beispiel nennt die Historikerin Fritz Haber, welcher seiner Verantwortung als Wissenschaftler nicht nachgekommen sei. Haber wurde bekannt durch das Haber-Bosch-Verfahren, der Produktion von Kunstdünger, welches die Landwirtschaft enorm vorangetrieben hat. Er war aber auch maßgeblich an der Entwicklung von Giftgas im ersten Weltkrieg beteiligt. Später zeigte er kein Bedauern für sein Handeln. So eine Figur könne nicht weiterhin unkommentiert und unreflektiert als großartige Persönlichkeit der HU ausgestellt werden.

Benennen wer fehlt

Reden wir über Verantwortung gilt es aber auch, Geschichten wie die von Otto Hahn zu
erzählen. Er arbeitete im Zweiten Weltkrieg an der Entwicklung einer Atombombe mit. Er
positionierte sich dann aber politisch anders, als er erkannte, was eine solche Waffe anrichten konnte. Ende der 1950er Jahre beteiligte er sich außerdem an der Göttinger Erklärung, die sich gegen das Aufrüsten der Bundeswehr mit Atomwaffen aussprach. Lise Meitner, die mit Otto Hahn zusammen forschte, soll in Zukunft mit ihm in der Bildergalerie ausgestellt werden. Als Frau hatte sie damals nicht die gleiche Chance auf eine Ehrung wie ihr männlicher Kollege. Deshalb würden die Frauen mitintegriert und „als das gewürdigt, was sie sind, nämlich hervorragende Wissenschaftlerinnen“, betont Dr. Metzler.

Nicht nur die Frauen fanden lange Zeit keine Aufmerksamkeit in der Erinnerungskultur der
HU. Es gibt auch andere Leerstellen, wie POC (People of Colour). Um weitere Identifikations-Möglichkeiten zu schaffen, werde zumindest auf diese Lücken hingewiesen.
Aber es wäre nicht unbedingt möglich, Persönlichkeiten, die diese Personengruppen bedienen, auszustellen, sagt Dr. Metzler. „Wir können die Geschichte nicht neu erfinden. Historisch ist die Humboldt-Universität immer eine dominant Weiße Universität gewesen, und sie ist, in manchen Fächern bis heute, aber zumindest über lange Jahrzehnte ihrer Geschichte, eine männliche Universität.
Wir sehen, wie langsam sich Veränderungen zeigen und wie lange es braucht, Veränderungen auch durchzusetzen. Aber ich glaube, es ist schon ein wichtiger Schritt, ganz offensiv auch einmal zu benennen, wer da eigentlich fehlt im Bild“, so Dr. Metzler.

Dieses Reflektieren über das Fehlen von Personen führt hoffentlich auch zu einem
inkludierenden Handeln und Umdenken. Wichtig ist, zu erkennen, dass es nicht nur eine
weiße, westliche Wissensproduktion gibt und gab. Demnach müssten wir, laut Dr. Metzler, auch hinterfragen, was wir für selbstverständlich halten. Wir seien nämlich geprägt durch die epistemologischen Ordnungen, in denen wir uns bewegen.

Durch die Umgestaltung der Bildergalerie setzt sich die HU also schließlich mit ihrer
Erinnerungskultur kritisch auseinander. Studierende hatten schon vor sechs Jahren die
Schwierigkeiten in den Biografien der Nobelpreisträger erkannt. Durch ihre Aktion riefen sie
zum Umdenken auf. Veränderungen setzen sich langsam durch, sagt Dr. Metzler. Wenn die
Bildergalerie in ihrer neuen Form aber wirklich bis zum Anfang des neuen Semesters hängt,
setzt sie in der aktuellen Debatte einen lobenswerten Akzent.

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