Home Kultur „Ich will, dass ihr was spürt“: Welche politische Verantwortung haben Musiker*innen?

„Ich will, dass ihr was spürt“: Welche politische Verantwortung haben Musiker*innen?

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Sophie Filip, Sängerin der Hamburger Band Guacáyo. Foto: Roscha Naleppa
Sophie Filip, Sängerin der Hamburger Band Guacáyo. Foto: Roscha Naleppa

Sophie Filip von der Hamburger Band Guacáyo warnt vor Musik mit dem Zeigefinger, macht sich aber stark für die subtile Kraft der Kunst. 

Als Band-Mama, wie die Sophie Filip sich mit einem Schmunzeln vorstellt, hat sie mit den Jungs in ihrer Band Guacáyo eine Bühne für ihre Stimme und ihre Gedanken gefunden. Die 29-Jährige schreibt und singt die Texte für die Band. Ihre drei Bandmitglieder müssen dann damit leben, erzählt sie lachend. 2015 haben sich Sophie, Jannes, Tim und Tobi zu Guacáyo zusammengeschlossen, seit 2017 stehen sie live auf der Bühne. 2019 bekam die Band mit Justus einen neuen Schlagzeuger, mit dem sie im letzten Jahr auch auf Tour durch Deutschland waren. 

Wer sich mitnehmen lässt von den Gefühlen, der Stimmung, hört in Sophie Filips Songtexten Themen wie Feminismus, Widerspruch gegen Profitgier und Schubladendenken, Umweltschutz und Liebe aufgegriffen. Aber wie politisch darf Musik denn eigentlich sein? Braucht jeder Song eine Message oder kann man beim Tanzen nicht auch mal einfach nur Spaß haben, ohne die persönliche Meinung der Künstler*innen aufgezwungen zu bekommen?

Auch Guacáyo seien sich nicht immer einig über die Inhalte der Texte. Sophie habe vor allem Angst, „Zeigefingermusik“ zu machen. Davon gäbe es da draußen schon so viel und man könne niemandem die eigene Meinung aufzwingen, findet sie. Das Ziel von Guacáyo sei es, auf eine subtilere Art, über Emotionen die Message zu transportieren und wirken zu lassen. Darin sähen sie mehr Potential, sagt Sophie. 

Die Hamburger Band Guacáyo. Foto: Roscha Naleppa
Die Hamburger Band Guacáyo: Justus, Tim, Sophie, Tobias (v.r.n.l.). Foto: Rebecca Müller

Gemeinschaft und Verbindung wollen sie schaffen, erzählt Sophie. „Die brauchen wir, um etwas zu bewegen, weil sie uns unglaublich viel Kraft gibt.“ Dabei sei es ihr immer wichtiger geworden, sie selbst zu sein. Sich als Gemeinschaft zu sehen, bedeute für sie auch, jeden so zu sehen, wie er ist, die eigenen Grenzen aufzeigen zu können, zu lernen, „Nein“ zu sagen. „Nur so können wir wissen, wo jeder steht.” Nur weil ihre Stimme jetzt eine Reichweite habe, sei sie keine Königin, erzählt Sophie. „Ich bin so wie ihr alle.“ 

Künstler*innen tragen Verantwortung

Musiker*innen haben eine Vorbildrolle, sie werden gesehen, ihr Verhalten wahrgenommen, sie gewinnen Vertrauen. Dazu können sie Menschen beeinflussen, indem sie Gedanken in der Musik eine Stimme geben können. Sophie könne mit dieser Verantwortung, besonders wenn sie auf der Bühne stehe, besser umgehen, seitdem sie sich erlaube, zu fühlen und sich bewusst mache, auch unsicher sein zu dürfen, sagt sie. „Meine Verantwortung ist eigentlich, ich zu sein und authentisch zu sein. Ich möchte, dass wir es hinbekommen, für das zu leben, was wir wollen und für das aufzustehen, was uns wichtig ist.“ 

Dabei sei es schwierig, die Waage zu finden zwischen Professionalität und Authentizität. Immerhin sei es auch ihr Job, ein gutes Konzert abzuliefern, ein Thema, was auch innerhalb der Band anfangs für Uneinigkeiten sorgte. Trotzdem habe sie es sich zum Ziel gesetzt, mehr von sich zu zeigen, menschlich und greifbar zu sein. 

„Why am I here? And in whose shoes? Why would I win what I can easily lose?“, singt Sophie Filip in dem Song Thornspikes.  

„Es ist wichtig, das zu machen, was man selber will, egal was einem die eigene Gesellschaftsrolle vorschreibt”, kommentiert sie.

Natürlich bestehe bei einer politischen Message in Songtexten auch die Gefahr, diejenigen Hörer zu verlieren, die mit ihren Inhalten nicht konform gingen. „Mir gehts nicht darum, Musik zu machen, um dann möglichst viel Musik zu verkaufen, ich möchte viele Menschen erreichen und viele Menschen zum Fühlen bringen. Und natürlich ist dann die politische Message nicht das Hauptding, sondern: fühlt euch rein.“ In dem Musikvideo zu Lady lässt sich diese Energie des Fühlens gut nachvollziehen. „Oh how I feel the anger rise. Collective pain from all these years still hear the outcries: Woman let us rise! Unite and get this right!”

Sophie habe eine Vermutung, warum Lady, ihr persönlichster Song, der mit Abstand beliebteste der Band geworden sei. Wenn sie Songs schreiben, dann gäbe es erst einmal Akkorde, dann eine Melodie, ein Gefühl und ganz zum Schluss kommt der Text, berichtet sie. Für Sophie sei das Gefühl am wichtigsten. Jeder sollte etwas spüren, wenn er ihre Musik höre. Hauptsache es bewege sich etwas. 

Das Gefühl sei das Wichtigste 

Wenn Sophie Musik hört, möge sie diese wegen des Gefühls, das sich dabei in ihr entwickle, manchmal passen dann die Lyrics auch nicht zu diesem Gefühl, sagt sie. „Der Jackpot ist, wenn man ein Gefühl hat und die Lyrics das untermalen. Ich glaube, das ist ein Erfolgsrezept für Veränderung, für einen potentiell politischen Song, der eine Auswirkung hat.“ Mit Lady habe sie einen Song geschaffen, der aus der Erfahrung entstand, im Bett nicht „Nein“ sagen zu können, wenn jemand mit einem schlafen will. Eine Erfahrung, die bei Sophie vor allem zu einem Gefühl der Unsicherheit geführt hat. „Wie kann das überhaupt sein? Wie schwach bin ich?“ Schwäche, die sie in Lady überwinde und vermittelt: „Ich bin stark und ich kann machen, was ich will., sagt Sophie. „But I’m the fucking owner of this place, And I will gladly teach the rules to my personal maze: Ring before you come in, You better ring before you come in!”, heißt es.

Ein weiteres Thema, das ihre Musik sehr beeinflusse, sei die menschliche Selbstschutzfunktion, die Ohren zu verschließen, wenn es um uns herum alles zu viel wird. Es gäbe zu vieles, das uns nicht gefalle, dann zögen wir uns zurück, sagt Sophie. „But you don’t mess your head about it, we don’t mess our heads about it.”, singt sie in Drop in the Ocean. Wenn sich diese Abkapselung nicht löse, seien wir taub gegenüber unserer Umwelt, stumpfen ab, können Realitäten ausblenden und vergessen, meint Sophie. Hier sehe sie großes Potential für Musik. „Let’s get up and make it real, It ain’t a drop in the ocean – ‘cause every drop forms the ocean”, heißt es weiter. Mit ihrem poppigen Mixgenre, glaubt Sophie, habe Guacáyo einen großen Querschnitt an Menschen, die einen Zugang zu ihrer Musik finden.

Sophie Filip, Sängerin der Hamburger Band Guacáyo. Foto: Roscha Naleppa
Sophie Filip, Sängerin der Hamburger Band Guacáyo. Foto: Rebecca Müller

„Politisch ist etwas, das berührt und bewegt – etwas, das die Gesellschaft stimuliert, aber gleichzeitig auch trägt. Ich will, dass ihr was spürt – das ist wichtig für die Gesellschaft. Also ist jeder Song politisch, nur vielleicht nicht offensichtlich. Für Sophie ist Musik Bewegung. Musik bewege uns, emotional, sie bewege unsere Beine und sie bewege politische Initiativen. Sie dürfe Spaß machen und politisch sein, findet Sophie, das sei sogar wichtig, denn sie kann die Kraft haben, zu inspirieren und zu mobilisieren. Auf die Frage, ob sie das Gefühl habe, dass sie mit Guacáyo etwas bewegen könne, sagt sie aus tiefstem Herzen „Ja“, und ergänzt: „Ja, aber es ist schön, sich das bewusst zu machen.“  

Ich nehme aus unserem Gespräch mit, dass es vor allem darauf ankommt, man selbst zu sein. Nur wer spürt, wer Emotionen zeigt, wer weiß wie und wer er ist, der kann sich auch einsetzen für das, was ihm wichtig ist. Wir müssen lernen, wieder aus vollem Herzen „Nein“ und natürlich auch „Ja zu sagen, auf unsere ganz persönliche Weise. In ihrem eigenen Stil, irgendwo zwischen Reggae und Pop, fordern Guacáyo uns auf, durch ihre Musik eigene Gefühle zu spüren und uns zu bewegen, mit allem, was wir haben. „And I hope that I can finally see: I am not guilty for being me”, dichtet Sophie in Thornespikes.

Die Message in ihren Songs könne sie niemandem aufzwingen, wenn man nicht hinhören will, sei das auch ok, findet Sophie und fügt dann aber nach einigem Überlegen hinzu: „Aber eigentlich doch – hört hin und wenn es nur einmal ist.“


Titelbild: Sängerin Sophie Filip. Foto: Roscha Naleppa (Anm. d. Red.)