Pflege ist kein großes Thema im Studium. Aber demographischer Wandel, Pflegenotstand und das würdevolle Altern sind Themen, die alle etwas angehen. Warum reden wir nicht über Pflege – und wie sollten wir das ändern?

Was haben die Studiengänge Ingenieurswissenschaft, Gender Studies und Medizin gemeinsam? Sie alle haben etwas mit Pflege und demografischem Wandel zu tun – theoretisch zumindest. Je mehr die Digitalisierung in der Pflege Einzug erhält, desto wichtiger wird es, dass sich angehende Ingenieur*innen damit auseinandersetzen, wie Roboter und Künstliche Intelligenz (KI) menschenwürdig in der Pflege eingesetzt werden können. In der Alten- und Krankenpflege sind vier von fünf Erwerbstätigen Frauen – Geschlechterklischees lassen grüßen. Und in der Medizin spielen Pflegebedürftige insofern eine besondere Rolle, als sie zum Beispiel andere Medikamente oder Mengen dieser brauchen.

Pflege ist ein Querschnittsthema, das alle Gesellschafts- und Wissenschaftsbereiche betrifft. Trotzdem: An den Universitäten wird Pflege kaum behandelt. Ein Blick ins Vorlesungsverzeichnis der letzten Semester macht das deutlich. Im Wintersemester 2019/20 beispielsweise hat die Humboldt-Universität (HU) nur einen Kurs angeboten, der den Begriff Pflege im Titel trug – von insgesamt 4.780 Veranstaltungen: An der Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftlichen Fakultät fand das Seminar Pflege und Körperbehinderung statt.  An der Freien Universität (FU) gab es ebenfalls einen Kurs, an der Technischen Universität (TU) hingegen keinen einzigen. Im Sommersemester 2019 haben die drei Berliner Hochschulen insgesamt einen einzigen Kurs mit dem Titel Pflege angeboten.

Saskia ist 25 Jahre alt und studiert im 10. Semester Medizin. Sie hat in diesem Sommer ihr praktisches Jahr begonnen, danach ist sie ausgebildete Ärztin. Wenn man sie fragt, was sie in ihrem Studium zum Thema Pflege gelernt hat, denkt sie kurz nach und sagt dann selbst überrascht: „Fast nichts”. Sie erinnert sich bloß an drei Veranstaltungen, die mit dem Thema zu tun hatten: Das Pflegepraktikum, eine Blockveranstaltung zur Geriatrie und ein 1 ½ stündiges Seminar. Pflegespezifisch war nur das Seminar. Wer dieses verpasst, „hat im Medizinstudium praktisch nichts zum Thema Pflege gehört“, erzählt Saskia.

Warum kommt das Thema Pflege kaum vor?

Ralf Lottmann hat selbst im Pflegedienst gearbeitet, ehe er in Sozialwissenschaften und Gerontologie promovierte. Er ist heute wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent an der Alice-Salomon-Hochschule. Seine Seminare drehen sich schwerpunktmäßig um Themen wie Pflege und Alter. Seine Wahrnehmung: „Das Thema ist nicht schick oder trendy.“ Im Gegenteil: „Viele Dozierende wollen mit Pflege und Altern nichts zu tun haben“. Deshalb tauche es auch selten im Lehrplan auf. Aber warum wird Pflege negativ stigmatisiert und stereotypisiert? Lottmann ist sich sicher, dass das an unserem negativen Altersbild liege. Altern gilt heute vor allem als großer Verlust: Partner und Freunde sterben weg. Man verliert körperliche und kognitive Fähigkeiten, wie zum Beispiel schnell zu rennen, hoch zu springen, oder sich neues Wissen einfach anzueignen.

Alter wird verknüpft mit Falten, Abbau und Hässlichkeit. Man hat weniger Sex. Man ist allein. Die Konsequenz dieser negativen Stigmatisierung ist, dass Themen wie Alter und Pflege am liebsten verdrängt werden. Studierenden fällt das besonders leicht, denn meist betrifft sie das Thema nicht direkt. Sie stehen am Anfang ihres Lebens, pflegebedürftige Angehörige wie Großeltern wohnen oft in einer anderen Stadt und werden von den Eltern gepflegt. Die eigenen Eltern sind meist noch jung und fit. Aus dieser Position heraus ist es leicht, das Alter als Ganzes zu verdrängen oder sogar zu verneinen.

Ein weiterer Grund, warum Pflege so schlecht auf dem Lehrplan wegkommt, dürfte unsere effizienzorientierte Gesellschaft sein: Zwischen Praktikum, Regelstudienzeit und Nebenjob wäre gar keine Zeit für so etwas wie ein freiwilliges Zusatzmodul zum Thema Pflege – auch wenn die Schnittstellen zum eigenen Fachgebiet da sind. So empfindet das auch die Medizinstudentin Saskia: „Ich hätte gerne mehr zu dem Thema gehört. Aber unser Lehrplan ist proppenvoll.“ Es sei unglaublich schwierig, alle Themen im medizinischen Bereich unterzubringen – und irgendwo müsse man Abstriche machen.

Um Pflege kümmern sich die Pflegenden

Pflege taucht auch deshalb nicht im Lehrplan auf, weil sich keiner so richtig dafür verantwortlich fühlt. Saskia erklärt beispielsweise: „Wir Mediziner sind vor allem für den Schritt davor verantwortlich – für die Prävention, Therapie und Rehabilitation, nicht für die Pflege“. Lottmann kennt das Phänomen der Verantwortungsverlagerung. So funktioniere unsere Gesellschaft arbeitsteilig: „Pflege ist Pflege und da kümmern sich die Pflegenden drum“, formuliert er spitz. Das wird auch deutlich, wenn er seine Studierenden fragt, warum sie sein Seminar besuchen, anstatt die „trendige Erlebnispädagogik“: Fast alle haben einen persönlichen Bezug zum Thema Pflege. Sie kümmern sich um pflegebedürftige Angehörige oder haben selbst in der Pflege gearbeitet. Anders als die meisten Studierenden konnten sie die Verantwortung nicht wegschieben: Sie hat sie bereits persönlich eingeholt.

Aber verantwortlich sind nicht nur die Studierenden, die von dem Thema persönlich betroffen sind. „Studierende haben eine gesellschaftspolitische Verantwortung, sich für das Thema zu interessieren“ sagt der Gerontologe und ergänzt: „Das darf ihnen nicht egal sein – sonst können wir den demographischen Wandel nicht meistern!“ Denn die Studierenden von heute säßen auf den Führungsposten von Morgen. Deshalb, so schlussfolgert Lottmann, sei es wichtig, dass sie sich mit dem Thema Pflege auseinandersetzen.

Aber auch für die eigene Persönlichkeitsentwicklung sei es wichtig, über Pflege zu sprechen, meint Lottmann: „Wir sind alle nackt geboren und verletzlich von der ersten bis zur letzten Stunde – das Thema Pflege erinnert uns daran“. Wer sich mit dem Thema auseinandersetze, der setze sich automatisch auch mit anderen großen Themen auseinander, zum Beispiel: Die eigene Verletzlich- und Endlichkeit. Außerdem werden fast alle, früher oder später, unweigerlich mit dem Thema konfrontiert: Wenn ein Angehöriger zum Pflegefall wird. Wer sich dann schon frühzeitig damit auseinandergesetzt hat, kommt meist besser damit zurecht.

Pflege raus aus der Nische

Für Lottmann ist Pflege ein Herzensthema. Er wünscht sich, dass es von dem „Negativ-Stigma“ gelöst wird, aus der Nische herauskommt und seinen festen Platz im Lehrplan findet. Aber er will auch keine*n Studierende*n dazu zwingen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sondern für dessen Potenzial für sich und die Gesellschaft werben. Auf der einen Seite steht der Appell, Pflege reflektiert und bewusst zu thematisieren – auf der anderen Seite die Freiheit der Lehre.

Solange Studierende sich nicht aus eigenem Antrieb für Pflege interessieren, wird das Thema nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient hat. Nichtsdestotrotz ist er optimistisch: „Ich habe den Eindruck, dass die Aufmerksamkeit langsam kommt“. Da ist das allabendliche Klatschen auf den Balkons zu Ehren des überlasteten Pflegepersonals in Corona-Zeiten oder die versprochene Prämie von 1.500 Euro. „Das sind neue Signale“ sagt er. Und da ist Saskia, die begeistert von ihrem Pflegepraktikum erzählt und sagt: „Nach meinem Pflegepraktikum hätte ich mir auch vorstellen können, eine Ausbildung zur Pflegekraft zu machen“. Aber dann kam die Zusage zum Medizinstudium.


Titelbild: Gerd Altmann/pixabay (Anm. d. Red.)

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