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Sterben: Womöglich einer der besten aktuellen Filme aus Deutschland

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Der Berlinale-Wettbewerbsfilm „Sterben“ handelt, anders als es sein vielleicht etwas provokanter Titel vermuten lässt, eigentlich genauso vom Leben in aller seiner Tragik und Hoffnungslosigkeit. Regisseur Matthias Glaser verarbeitet hier auch die Abgründe seiner eigenen Familie – und das mit erstaunlich viel Humor.

Die Familie Lunies hält, bis auf ihren Nachnamen, nicht mehr besonders viel zusammen. Die Kinder sind längst erwachsen, die Eltern Lissy (Corinna Harfouch) und Gerd (Hans-Uwe Bauer) nähern sich dem kritischen Alter. Gerd ist dement, wird nun in ein Heim müssen und, wie auch seine Frau, wohl bald … sterben – ah ja, da wird man hellhörig. Doch obwohl in diesem Film tatsächlich drei Menschen aus dem Leben scheiden, geht es um so viel mehr. Es geht um eine Beziehung, die plötzlich nicht mehr funktioniert, weil im Schmerz und in der Krankheit tatsächlich wieder jeder mit sich selbst beschäftigt ist. Natürlich, da stellt sich die Frage, wie man mit dem Tod der Eltern umgeht und irgendwie geht es auch darum, mitten im Leben und doch etwas neben sich zu stehen.

Wie die beiden Geschwister Tom (Lars Eidinger) und Ellen (Lilith Stangenberg). Tom wohnt in Berlin, Ellen in Hamburg. Tom ist ein in stilvollen Hipster-Kreisen zirkulierender Dirigent, Ellen nebenbei Zahnarzthelferin und hauptberuflich Kneipengängerin. Während Tom zielstrebig ist und doch so verloren, findet Ellen in ihrem Chaos einen merkwürdigen Trost – gegen alles sein, was richtig ist und wenn man gegen das Dagegensein sein könnte, dann wäre sie auch das noch, proklamiert sie berauscht. Sowohl Tom als auch seine Schwester sind nicht besonders angekommen in ihrem Erwachsenenleben und stehen dabei für eine Generation, die sich mit dem klassischen Familienmodell nicht mehr abfinden kann. Dabei sind ihre Eltern eigentlich sehr normal: Sie haben in einer norddeutschen Kleinstadt ein bodenständiges Leben in einer bescheidenen Wohnung geführt, das jetzt durch die Gebrechen ihres Alters ins Wanken gerät. Aber unter jeder noch so harmonischen Fassade liegen ungeklärte Konflikte und unerklärliche Gefühle. Wie die Tatsache, dass Tom seine Mutter, wenn er ganz ehrlich ist, immer nur verabscheut und sie ihn eigentlich auch nie richtig geliebt hat und dass er daher auch wirklich kein schlechtes Gewissen haben muss. Oder dass die beiden sich trotzdem so ähnlich sind. Oder dass Ellen ein so liebes und zerbrechliches Kind war und nun das Leben so sehr verachtet, dass sie es eigentlich nur noch berauscht erträgt. Dass sie so viel trinkt, dass sie am nächsten Tag kaum noch die Geräte der Zahnarztpraxis halten kann und ihren verheirateten Chef aufreißt, um sich mit ihm in eine hoffnungslose alkoholgeschwängerte Liebesaffäre zu stürzen.

Der Einzige, der einigermaßen mit sich selbst im Reinen wirkt, ist Vater Gerd Lunies. Aber der ist auch schon so weit in seiner Parkinson- und Demenzerkrankung fortgeschritten, dass man ihn eigentlich nur noch als verwirrten und bemitleidenswerten Schatten seiner selbst erfährt. Herzzerreißend ist die Szene mit seinem Sohn und sehr authentisch: Die beiden sehen sich ein letztes Mal im Altersheim und haben sich erschreckend wenig zu sagen, sodass Tom nach einer Weile behutsam den Nachhauseweg antritt. Sein Vater hält ihn nicht auf, möchte es sich aber nicht nehmen lassen, ihn zum Ausgang zu bringen, was ihm allerdings aufgrund seiner Gebrechen nicht mehr ganz gelingt. Bewegt erklärt Gerd seinem Sohn, wie sehr er sich gefreut habe, dass Tom da war, dass er sich immer freue, wenn er vorbeikomme. Da schwingt so viel Liebe mit und so viel Hilflosigkeit.

Der Film behandelt die Frage nach dem Sterben auch in der Figur des schwer depressiven Bernard (Robert Gwisdeck). Er ist Toms bester Freund und „Partner“ (ihr Spitzname füreinander, obwohl die beiden vielleicht wirklich auch so etwas wie Lebenspartner sind). Die beiden versuchen ein von Bernard geschriebenes Musikstück namens „Sterben“ zu inszenieren, sein Lebenswerk, sein Vermächtnis an die Welt, bevor er sich, wie Toms Exfreundin Liv (Anna Bederke) genervt von sich gibt, „schon wieder“ umbringen will. Tom fällt die zweifelhafte Ehre zu, das Stück nun dirigieren zu sollen. Immer wieder wird er von seinem „Partner“ bei seinen unermüdlichen Bemühungen jäh unterbrochen. Denn der perfektionistische Bernard hat latente Aggressionsprobleme, in denen sich sein bitteres Wesen an seinen Mitmenschen entlädt. Dennoch ist er ein tragischer und auf eine traurige Art liebenswerter Charakter, denn man merkt, dass seine Wut aus einem irrationalen Schmerz und dem quälenden Wunsch entspringt, nicht auf der Welt sein zu wollen. Lars Eidinger, Deutschlands selbst proklamierten „besten Schauspieler der Welt“ sieht man des Weiteren tatsächlich mal wieder eine Meisterleistung abliefern. Letztendlich gelingt es seiner Figur Tom, dem Orchester die Seele dieser vor ihm liegenden Noten zu vermitteln, und dann tut Lars Eidinger mal wieder, was er am allerbesten kann und was natürlich nicht fehlen durfte: Weinen!

Aber auch die übrige Besetzung legt beeindruckende Performances an den Tag, besonders Corinna Herfurth und Lilith Stangenberg, die ihre Rollen unfassbar glaubhaft verkörpern. Der Film stellt die Frage nach der Legitimität des selbstgewählten Suizids und nach der großen Liebe. Es geht um Enttäuschung, Konkurrenz, Sinnsuche und Vater werden. Wie man sieht, will der Film also extrem viel und nimmt sich dafür satte drei Stunden Zeit. Genug, um Charakterentwicklungen zu skizzieren, aber überraschenderweise nicht genug, um entnervt auf dem Sitz herumzurutschen. Obwohl der Film wirklich sehr lang ist, ein Sammelsurium an Geschichten und Schicksalen abbildet, die fast schon in eine Art „Familienepos“ ausufern, langweilt er nicht, denn man fiebert mit diesen unperfekten und doch so gut gespielten Charakteren mit und schließt sie immer weiter ins Herz. Außerdem liefert Ellens (Lilith Stangenberg) zugleich Fremdscham und Gänsehaut auslösende Theken-Gesangseinlage zu Bill Fays „Garden Song“ einen Ohrwurm, den man wohl in manchen Fällen noch Tage später nicht loswird.
Absolute Empfehlung für diesen Film, denn er hat alles, was eine gute Geschichte braucht: Tragik, Humor und schonungslose Ehrlichkeit.

„Sterben“ kommt am 25. April 2024 in die Kinos.


Foto: © Jakub Bejnarowicz / Port au Prince, Schwarzweiss, Senator @ Berlinale Stills