Zwei Osloer Familien, eine Männerfreundschaft und ein neues sexuelles Erleben, das erfreulicherweise zu mehr als allgemeinen Gender- und Diversitätsdebatten führt: Der norwegische Spielfilm „Sex“ von Dag Johan Haugerud ist für den Panorama Publikumspreis nominiert.

Die Erwartungen an „Sex“ sind: viel Sex. Zwei befreundete Schornsteinfeger, beide verheiratet, die plötzlich homoerotische Neigungen entdecken und ausleben – das klingt erstmal nach Vehemenz und Fetisch. Die Vorstellung erfüllt sich nicht, Sexszenen bleiben aus. Es geht nämlich nicht unbedingt um Sex, und auch nicht ums Schwulsein, wie die Protagonisten ihren jeweiligen Partnerinnen versuchen zu erklären. Beide in ihren Mittvierzigern, Väter von Teenagern und seit Jahrzehnten mit der gleichen Frau zusammen, wundern sie sich erst über ihr neu entdecktes Wohlgefallen – der eine träumt wiederholt von einer lustvollen Begegnung mit David Bowie, der andere nimmt das spontane Angebot von Analsex mit einem Kunden an – als sie ihren Frauen davon berichten.

Vor allem das konkrete Sexerlebnis macht der Partnerin zu schaffen: Sie fühlt sich belogen und betrogen, weint, stellt ihre ganze Beziehung in Frage, und vor allem: ihre Liebe. Klingt erstmal plausibel, doch eigentlich – und das versucht der Mann ihr verzweifelt zu verstehen zu geben – mangelt es gar nicht an Zuneigung. Er tröstet und liebt sie, das zeigt sich schnell; und ihre Verletztheit tut ihm dementsprechend weh, er kann ihre Reaktion aber im Grunde nicht nachvollziehen. Für ihn sind Affären Betrug, Lügen, aber nicht das einmalige Nachgehen eines aus dem Nichts aufkeimenden Triebes. Er sei doch gar nicht schwul! Die Frage, ob Sex schlichtweg bedeutungslos ist, steht im Raum. Zu keinem Zeitpunkt wird über Monogamie gesprochen, über Offenheit oder Geschlossenheit von Beziehungen, geschweige denn von Polyamorie – richtige, wahrscheinlich wichtige Themen, falsche Generation.

Es ist ein einziger, paradoxerweise liebevoll ausgetragener Zwist zwischen ihren auf Logik, Rationalität und irgendwo wohl auch Konvention pochenden Fragen und seinen impulsgesteuerten Antworten. Gespräche, die in so einer Situation naheliegend sind, die aber auf Außenstehende absurd wirken: „Bist du etwa schwul? Willst du meinen Körper nicht mehr? Liebst du mich nicht mehr? Ich will die einzige sein, die weiß, wie dein Gesicht beim Orgasmus aussieht“. Was die Frau nicht glauben will, überzeugt die Zuschauerin schnell: Der Sex mit dem fremden Mann war für den Protagonisten kein Lückenfüller, denn er entstand nicht aus einem Mangel an Glück. Er war auch kein homosexuelles Erwachen. Vielmehr gründet er auf einem anderen Verständnis von Sex: Weg von Sex als Liebesbeweis, hin zu Sex als rein körperliches Bedürfnis.

Haugeruds Film ist im Grunde ein Appell an einen Perspektivwechsel. Immer wieder zoomt die Kamera auf Details, schwenkt ruckartig von einem Punkt der sommerlichen Urbanität Oslos zum anderen – man soll wohl immerzu an ihre Präsenz erinnert werden, was ein Gefühl von Voyeurismus vermittelt, das allerdings erleichtert. Denn man selbst muss sich gerade zum Glück nicht Mund und Herz wund reden, sondern darf schauen und hoffen, dass die beiden am Ende doch noch irgendwie (neu) zueinanderfinden.

Ähnlich überraschend wie der Mangel an expliziter bildlicher Darstellungen ist die Tatsache, dass die beiden Schornsteinfeger gar nicht miteinander geschlafen haben, sondern zwei Freunde sind, die sich gegenseitig von den jeweiligen Homosex-Erlebnissen berichten. Etwas ungläubig, aber ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, plaudern sie über ihre Erregung. Es wird eine Männerfreundschaft portraitiert, in der offen und ehrlich über Gefühle und Probleme kommuniziert wird – und gleichzeitig werden die Frauenfiguren, die über einen angenehm großen Sprechpart verfügen, nicht kompromittiert.

Im Gegenteil, ein Hauch von Feminismus zieht durch den Film: Als der von David Bowie-Träumende vor seiner Ehefrau davon schwärmt, der Rockstar sehe ihn im Traum an „wie ein Mann eine Frau ansieht“, antwortet sie trocken: „Also hattest du das Gefühl, er betrachtet und bewertet nur deinen Körper?“. Und ihr gemeinsamer, pubertierender Sohn fragt seine Ärztin, ob sie denn nicht etwas für seine arme Mitschülerin tun könne, deren Periodenschmerzen so schlimm seien – das sei doch ungerecht, dass Frauen jeden Monat so leiden müssten.

Was zeitweise abstrus und etwas überfordernd wirkt – mehrere Nebencharaktere, die genauso kluge, tiefe Worte mit den Protagonisten wechseln wie die beiden unter sich – erschließt sich letztlich als Generationendialog. Die Figur des dreizehnjährigen Jungen, der Ungerechtigkeit bewusst wahrnimmt und Youtuber werden will, aus Angst, keine andere berufliche Perspektive zu haben, ist wohl eindeutig der so nervtötend sensiblen und doch ziemlich beeindruckend politischen „Gen Z“ zuzuordnen. Die humorvoll umgesetzte Szene im Arztzimmer soll wohl Ignoranz im Babyboomerischen Sinne darstellen. Die beiden Paare stehen dazwischen; sie sind Teil einer unpolitischen, trägen Generation, die um nichts kämpfen musste. Ehe und Kinder wurden ihnen nicht aufgezwungen, sie haben sich irgendwann in ihren Zwanzigern einfach dazu entschieden, die Phase der sexuellen Austobung hinter sich zu lassen und eine Familie zu gründen. Nun holt sie die Midlife-Crisis ein und es drängen sich erstmals die banalsten aller philosophischen Fragen auf: Was ist der Sinn des Lebens? Was bedeutet überhaupt Liebe? Und warum machen wir das alles so, wie wir es tun – was hindert uns daran, anders zu leben?

Auch wenn stellenweise der Eindruck aufkommt, der Regisseur wolle möglichst viele Themen mit Gewalt in die Handlung einbinden – der Wortwechsel über Hannah Arendt mit dem Teenager-Youtube-Sohn etwa hätte nicht unbedingt sein müssen – gelingt es Haugerud, ungewöhnlich viele Charaktere ungekünstelt einem Zuschauer nahezubringen, dessen eigene Selbstreflektion genauso erfordert wird wie die Figuren sie von sich erwarten. Es wird sich nicht zu ernst genommen, aber auch nicht veralbert. Es ist die Aufrechterhaltung dieser Balance, die dem Film seine Qualität verleiht.

Eine Frage drängt sich zum Ende aber dennoch auf: Das Schornsteinfeger-Dasein wird groß und romantisch dargestellt – die beiden Freunde treffen sich zwischendurch auf ein Käffchen auf dem Dach. Bei dem augenscheinlichen Wohlstand der beiden Familien und der vielen Zeit, die sie sich für ihre (naja, schon privilegierten) Gespräche nehmen, denkt die Zuschauerin dann doch darüber nach, ob hier unbedingt Klassenbewusstsein demonstriert werden sollte, indem ein Arbeiterberuf gewählt wurde. Eine Lehrerehe wäre deutlich glaubwürdiger gewesen – gleichzeitig aber auch langweiliger, und dann hätten natürlich auch die tollen Aufnahmen von Himmel und Licht gefehlt.


Foto: Motlys @Berlinale Stills