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“Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es niemals eine Hamza-Kurtović-Straße geben wird.”: Interview mit Armin Kurtović

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Am 19. Februar 2019 wurde der 22-jährige Hamza Kurtović bei einem rassistischen Anschlag in Hanau-Kesselstadt in einer Bar ermordet. Dort soll der Notausgang verschlossen gewesen sein, die Polizei war nicht erreichbar. Wegen solcher Fehler prangert sein Vater, Armin Kurtović, seitdem Polizei und Behörden in Hessen an. Zusammen mit anderen Überlebenden und Angehörigen will er an die Opfer erinnern und die Aufklärung der Mordumstände vorantreiben. 

UnAufgefordert: Wie fühlen Sie sich nach dem Anschlag in Ihrer Heimatstadt Hanau und allgemein in Deutschland?

Armin Kurtović: Ehrlich gesagt, ich habe mich noch nie so fremd gefühlt. Meine Eltern sind 1986 nach Deutschland gekommen. Ich bin 1974 hier geboren. Ich kenne nichts anderes. Ich bin deutscher Staatsbürger. Wieso schickt man mir nach dem Attentat den Ausländerbeirat, einen Migrationsbeauftragten und einen Dolmetscher? Ist mein Deutsch so schlecht? Ich habe einen Politiker im Untersuchungsausschuss befragt. Ich habe ihn gefragt, wenn mein Sohn morgen eine Heidi heiratet, und es passiert wieder etwas, kommt dann wieder der Ausländerbeirat? Dann sagt er zu mir ‚nach dem Nachnamen nach zu urteilen schon‘. Also muss ich Schmidt, oder Müller heißen? Also soll ich mir die Haare blond färben? Das ist so. Das ist die Realität. Einmal Kanacke, immer Kanacke.

Haben Sie aktuell konkrete Forderungen, die Sie an die Behörden äußern möchten?

Die sollen ihre Aufgabe erledigen. Der Notausgang war abgeschlossen, das sage nicht nur ich. Es kann doch nicht sein, dass ich als Vater eine Strafanzeige machen muss, wegen des verschlossenen Notausgangs. Die Jungs, die den Anschlag überlebt haben, haben am nächsten Tag gesagt, ‚alle Türen waren verschlossen‘. Die haben das ausgesagt. Zwei Polizisten sagen, die Tür war abgeschlossen. Und der Staatsanwalt sagt nach 2 Jahren ‚kann ja sein, dass sie nur geklemmt hat‘. Aber die Wahrheit ist, dass die Staatsanwaltschaft Hanau eine Woche nach dem Anschlag wusste, dass der Notausgang verschlossen war und wer es angeordnet hat. Die wussten es und sind dem nicht nachgegangen. In meinen Augen ist das Strafvereitelung im Amt. Es gibt sogar Videoaufnahmen, dass zwei, drei Leute, bevor der Täter reinkommt zum Notausgang gehen, aber die Tür zu ist und deshalb wieder rauskommen. Das ist alles belegt. Es kann doch auch nicht sein, dass der Notruf seit 2002 nicht funktioniert. Wir reden von der 110. Und jetzt weiß es keiner, keiner ist dafür verantwortlich. Ich meine, jemand muss es ja in Auftrag gegeben haben. Jemand muss das ja, oder sind die so unfähig? Dann weiß ich nicht, welche Erkenntnis schlimmer ist. Ich glaube, es kann nicht sein, dass irgendwo auf der Welt ein Notausgang abgeschlossen ist, auf Anordnung der Polizei. Und dass man es so vertuscht. Und das ist nicht nur Staatsversagen, das ist Staatsterrorismus. 

Ich wollte nie etwas anderes, außer Gerechtigkeit. Ich hätte mir gewünscht, dass zehn Politiker hierherkommen, die etwas zu sagen haben, die Rückgrat haben, sich das alles angucken, und dann sagen: Ja, jetzt sollte es Konsequenzen geben. Der muss gehen und der muss gehen. Aber es ist nie passiert. Ich muss auch, wenn ich falsch parke, Strafe bezahlen. Da sagen sie auch: Du lernst es nicht anders! Und es ist besser, diese Polizisten anzuklagen, da sauber zu machen in dem Laden, damit die auch wissen, dass es nicht folgenlos ist. Der Polizeipräsident von Südosthessen, der für alles verantwortlich war, für den Notruf, für den Notausgang, für alles, der wurde nach dem Anschlag zum Landespolizeipräsidenten befördert. Damit er auch einen guten Einblick hat, wo er was vertuschen kann.

Stehen Sie in Kontakt mit verantwortlichen Politiker*innen, hatten Sie jemals Kontakt?

Seit dem Anschlag habe ich den Kontakt gesucht. Ich bin auf die zugegangen, lange bevor wir Akteneinsicht hatten. Ich habe auf die Probleme hingewiesen, was schiefgelaufen ist. Ich muss immer an meine Schulzeit zurückdenken, so fünfte bis siebte Klasse. Da gibt es doch diese Mathematikaufgaben in Textform. Und eine Frage wäre: Wie viel sind 13 von 19? Es waren ja 19 SEK-Beamte im Einsatz. 13 davon waren in rechtsextremen Chatgruppen und sogar ein Pädophiler dabei, das muss auch gesagt werden. Wie viel Prozent sind das? 70 Prozent. Dann haben wir den Polizisten, der dem Vater von Vili Viorel Păun ins Gesicht sagt, er hätte nicht gedacht, dass ein Zigeuner Zivilcourage hat. Wir haben den Polizisten, der meinen Sohn als ‘orientalisch-südländisch‘ bei der Leichenbeschauung bezeichnet. Und jetzt ist meine Frage: Wie hoch ist die Möglichkeit an einen anständigen Polizisten zu kommen, wenn irgendwas passiert? Liegt die bei 30 Prozent? Von einem Polizisten muss ich erwarten, dass er auf dem Boden des Grundgesetzes steht. Ich muss es von ihm erwarten. Und wenn er das nicht tut, ist er fehl am Platz.

Ich habe das im Untersuchungsausschuss gesagt und sage es jetzt nochmal: Im April 2020 habe ich angefangen die Behörden mit dem Notausgang anzugehen. Ich habe damals den Ministerpräsidenten angerufen und mit ihm telefoniert, das ist auch kein Geheimnis. Und habe ihm gesagt, was er dem Innenminister sagen soll über den Notausgang. Denn der Innenminister ist telefonisch nicht erreichbar. Ich wurde danach angerufen: Der Innenminister wisse Bescheid, der kümmere sich drum – da frage ich mich: Wieso hat er die Staatsanwaltschaft nicht beauftragt? Und wieso geht er weg, wenn er mich sieht? Und dann sagen die, ‚der verzweifelte Vater hat seinen Verstand verloren‘. Soll ich mich noch bedanken bei denen? Da muss man erstmal so abgebrüht und charakterlos sein, jemanden so etwas vorzuwerfen. Ich weiß nicht, wo wir hier leben. Wenn mir das einer vor dem Anschlag erzählt hätte, hätte ich gesagt, er lügt.

 

Kam jemals eine Entschuldigung?

Entschuldigung? Was für eine Entschuldigung? Die haben doch alles richtig gemacht. Hauptsache, die sitzen da oben an der Macht und haben die Hebel in der Hand. Und dann rechtfertigen sie alles. Beim ersten Treffen mit CDU-Politikern in Hanau, kamen die schon mit den Vorwürfen wegen Vili: ‚Was fährt der dem Täter denn auch hinterher?‘. Dass er fünfmal die Polizei gerufen hat, sich zweimal verwählt hat und dreimal durchgekommen ist, sieht man auf seinem Handy. Und dann stellen sie es so hin, als hätte man sowieso nichts verhindern können. Dass die sich zum Jahrestag überhaupt trauen, an den Friedhof zu kommen. Es geht nicht um die, es geht um die Menschen. Die haben eine Verantwortung uns gegenüber, nicht sich selbst. Das Problem ist, es fehlt ein Willi Brandt, der kommt, sich hinkniet und sich entschuldigt. 

Woraus ziehen Sie Ihre Kraft zum Weitermachen, trotz all der Steine, die einer Aufklärung in den Weg gelegt werden?

Wir sind es den Toten und den Lebendigen schuldig. Und ich bin es den Menschen schuldig, die ihr Vertrauen seit 20 Jahren jemandem hier gegeben haben, der es nicht verdient. Gucken wir uns an, was in den letzte 20 Jahren passiert ist, besonders in diesem Bundesland: NSU, NSU 2.0, der Terroranschlag von Hanau, Walter Lübcke, das hat eine Kontinuität. Das kommt nicht aus dem Nichts. Irgendwo hat es seine Ursachen. Irgendwie muss das alles aufgeklärt werden, damit so etwas nie wieder passiert. Und so wie ich die Sache sehe, hat die Landesregierung kein Interesse daran, es aufzuklären. Was habe ich denn zu erwarten, wenn der ehemalige Ministerpräsident von Hessen, Volker Bouffier, uns ins Gesicht sagt, darüber gibt es sogar einen Zeitungsartikel: ‚Eine möglicherweise rechtsextreme Gesinnung bei den Polizisten muss ja nicht heißen, dass die falsch handeln.‘ Das hört sich in meinen Ohren so an, wie: ‚Eine möglicherweise pädophile Veranlagung beim Kindergärtner muss ja nicht heißen, dass er sich an meinen Kindern vergeht.‘ Es kann doch nicht sein, dass Leute im Untersuchungsausschuss sitzen, die während die Angehörigen ihr Leid schildern, sich Kopfhörer aufziehen und sich die Bundeswahl von Friedrich Merz ansehen. Ich meine, für den Friedrich Merz sind das alles ‚kleine Paschas‘. Für mich sind das große Nazis. Sorry, dass ich das so sagen muss. 

Ist es eine Option für Sie Hanau zu verlassen? Haben Sie sich jemals Gedanken darüber gemacht?

Ehrlich gesagt, wollte ich mein Kind exhumieren und dieses Land verlassen. Mir wurde das Gefühl gegeben, dass ich niemals dazu gehören werde. Mein Sohn war weder vorbestraft, noch war er polizeibekannt, noch gab es irgendwelche Ermittlungsverfahren gegen ihn. Und die haben die Leiche des Täters besser behandelt als die meines Sohnes. Wenn die einen Schuldigen suchen, dann wäre ich willkommen. Ich kann das aus Erfahrung sagen. Wieso bekommen wir die Gefährderansprache, wir sollen keine Blutrache üben. Ich habe niemandem gedroht, ich wurde bedroht. Wieso hat man mir nicht gesagt, dass man mir droht? Entbehrlich. Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es niemals eine Hamza-Kurtović-Straße geben wird. Das wird’s nicht geben, weil die es nicht wollen. Es gibt eine Schule, die ist nach meinem Sohn benannt. Aber das haben wir bezahlt. Jetzt ist sogar dieses Mahnmal mitten in der Stadt ein Problem. Ich weiß, ich kann mich auf die Behörden nicht verlassen. Die werden mir nicht helfen, selbst wenn sie es können, werden sie es nicht machen.

Gibt es trotzdem irgendwas, das Ihnen Mut und Hoffnung macht?

Also ich weiß, es gibt nicht mehr Vieles, was mir Angst macht. Und seit es alles passiert ist, lassen die uns nicht zur Ruhe kommen. Ich muss sagen, dass die Behörden komplett versagt haben und ihrer Pflicht nicht nachgekommen sind. Die sind nur damit aufgefallen: Wegducken, verstecken und aus der Verantwortung ziehen. Keiner von denen ist zurückgetreten, oder hat die Konsequenzen gezogen. Sie stellen sich alle so hin, als hätte keiner was gewusst. Als wäre das alles irgendwo in Afrika passiert. Das ist die bittere Realität. Aussitzen, Schweigen, Wegducken, Verstecken, aus der Verantwortung ziehen, klein Reden. Ich bin sehr dankbar für jede einzelne Stimme, die nicht mich unterstützt, sondern der es gelegen ist, dass die Sache aufgeklärt wird. Dass Konsequenzen gezogen werden, damit es in Zukunft nie wieder passiert. Weil wenn es folgenlos bleibt, ist es ja vorprogrammiert, dass es nochmal kommt.


Illustration: Lucia Maluga