Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine dauert weiter an. Darum möchte das Hasso-Plattner-Institut ukrainischen Lehrkräften und Studierenden dabei helfen, das Studium fortführen zu können. Ein  Lernkanal steht bereits zur Verfügung – dieser muss nur noch mehr Verbreitung finden.

Mit der Online-Plattform openHPI soll ukrainischen Hochschulen und Universitäten dabei geholfen werden, “ihren Lehrbetrieb trotz der kriegsbedingten Beeinträchtigung zumindest online fortsetzen zu können.“ Dies hatte das am Campus Griebnitzsee in Potsdam ansässige Hasso-Plattner-Institut (HPI) Anfang Mai in einer Pressemitteilung verkündet. Zu diesem Zweck wurde mit openHPI for Ukraine ein Lernkanal eingerichtet.

„Bereits im März haben wir uns, als HPI, einige Gedanken gemacht, was wir in der aktuellen Situation tun können, um die Ukraine zu unterstützen“, erzählt Dr. Maxim Asjoma, Referent der Geschäftsleitung des Hasso-Plattner-Instituts. In den Überlegungen sei es darum gegangen, dass das HPI gezielt Akademiker*innen und Studierende unterstützen wolle, welche aufgrund des Krieges inzwischen in Europa verstreut sind. Die Idee: Ukrainische Dozierende könnten, unabhängig davon, wo sie sich aufhalten, „über die openHPI-Lernplattform ihre Lehre niedrigschwellig fortführen“, so Dr. Asjoma.

Unkompliziert, sicher und kostenlos

Der Lernkanal openHPI for Ukraine kann von den ukrainischen Dozierenden und Studierenden kostenfrei genutzt werden. Die Lehrkräfte können über ein Formular ihr Lehrmaterial hochladen und sich registrieren. Anschließend findet eine Überprüfung durch ein speziell dafür akquiriertes Team statt. „Sie schauen sich die Plausibilität an, also ob es sich wirklich um einen Dozenten von einer ukrainischen Universität handelt. Und sie überprüfen auch den Inhalt, damit auf dem Kanal keine Propaganda und kein Hass gepostet wird“, erklärt Dr. Asjoma das Vorgehen. Nach einer erfolgreichen Überprüfung wird den Dozierenden ein Link mit der jeweiligen Lerneinheit zugeschickt, welchen sie dann an ihre Studierenden, beispielsweise via Mail, weiterleiten können.

Um die Plattform nutzen zu können, wird eine Internetverbindung benötigt. Aber je nach Aufenthaltsort kann die Verbindung zum Internet unterschiedlich stabil sein. Doch genau für solche Fälle sei die Lernplattform optimiert worden.

In der Vergangenheit hatte das Hasso-Plattner-Institut mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Online-Plattform OpenWHO entwickelt. Diese Plattform wird genutzt, um Hilfskräften und Personal der Organisation Kurse anzubieten. In einigen Anwendungsfällen sei es allerdings dazu gekommen, dass die Hilfskräfte zu Orten fahren mussten, an denen es keine Verbindung zum Internet gab. Es seien Verfahren entwickelt worden, „wodurch die Kurse auf die Endgeräte heruntergeladen und dann offline absolviert werden können. Und sobald es wieder eine Internetverbindung gibt, wird das Ganze synchronisiert“, erläutert Dr. Asjoma. Da der Plattform OpenWHO, wie auch dem Lernkanal openHPI for Ukraine dieselbe Basistechnologie zugrunde liegen, können auch die ukrainischen Dozierenden und Studierenden die Plattform selbst mit einer unregelmäßigen Internetverbindung nutzen.

Das Angebot befindet sich noch in Bearbeitung

Seit Ende Mai ist der Lernkanal openHPI for Ukraine online. Dem Start sei laut Dr. Asjoma jedoch eine „Kaskade an Vorbereitungen“ vorausgegangen, da sich das Hasso-Plattner-Institut die „politische Unterstützung sichern“ wollte.

So hätte sich das HPI beispielsweise an das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie an den Deutschen Akademischen Austauschdienst gewandt. Der Deutsche Akademische Austauschdienst ist federführend an dem Projekt „Digitaler Campus“ beteiligt, welches vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Laut der Webseite des Deutschen Akademischen Austauschdienstes sei dieses Projekt „ein Portal vernetzter Plattformservices“, das sich vorrangig an internationale Studierende richten würde. Und der Lernkanal openHPI for Ukraine solle laut Dr. Asjoma „auch Teil des Angebots des Digitalen Campus‘ sein.“ Sie würden sich dadurch „eine weitere Verbreitung“ erhoffen, sagt er.

Allerdings ist der Digitale Campus noch nicht online. Auf Nachfrage teilte der Deutsche Akademische Austauschdienst mit, dass das Projekt zunächst als eine Beta-Version online gehen werde. Diese würde sich gezielt an geflüchtete Studierende und Studieninteressierte aus der Ukraine richten. Das Angebot des Hasso-Plattner-Instituts soll dort mit aufgeführt werden. Obwohl  intensiv an der Beta-Version gearbeitet werde, sei laut dem Deutschen Akademischen Austauschdienst ein Launch erst im Spätsommer oder Herbst 2022 zu erwarten.

Zudem habe das Hasso-Plattner-Institut Kontakt zur Ukrainischen Botschaft in Berlin aufgenommen, berichtet Dr. Asjoma. Das Anliegen sei hier zwar noch in Bearbeitung, allerdings hätte das HPI in der Zwischenzeit eine Rückmeldung von der Ukrainischen Regierung erhalten und ein direkter Kontakt sei demnächst wahrscheinlich, wie Dr. Asjoma mitteilt.

„Der Lernprozess der Studierenden sollte nicht unterbrochen werden.“

Maryna Kolisnyk ist eine von zwei Lehrkräften, welche den Lernkanal des Hasso-Plattner-Instituts derzeit nutzen. Sie ist Assistenzprofessorin an der Nationalen Mykola-Schukowskyi-Universität für Luft- und Raumfahrt in Charkiw. Von dem Angebot openHPI for Ukraine hatte sie erfahren, als sie am Hasso-Plattner-Institut eine Stelle als Gastprofessorin angenommen hatte. „Mir wurde angeboten diese Plattform zu nutzen, um mit meinen Studierenden in Verbindung zu bleiben und Vorlesungen im Studio aufzunehmen“, erklärt sie.

Kolisnyk berichtet davon, dass ihre Heimatstadt unter Beschuss stehe: „Meine Universität, an der ich als Assistenzprofessorin arbeite, liegt nahe der Grenze zur russischen Stadt Belgorod, von wo aus die Raketen abgeschossen werden. Während der Bombardierung verstecken sich die Studierenden, die in Charkiw geblieben sind, in Kellern, Schutzräumen oder in der U-Bahn.“

Doch trotz des Krieges in der Ukraine meint Kolisnyk: „Der Lernprozess der Studierenden sollte nicht unterbrochen werden.“ Allerdings hätten ihre Studierenden, welche in Charkiw geblieben sind, keine stabile Internetverbindung. Für diese Bedingungen sei openHPI for Ukraine also besonders geeignet, sagt sie. Und weiter: „Ich werde meinen Kollegen und Bekannten empfehlen, diese Plattform zu nutzen.“

Bislang werden auf openHPI for Ukraine jedoch lediglich drei Kurse angeboten – und in einem davon wird erklärt, wie die Plattform funktioniert. Ein Grund dafür könnte die noch fehlende Verbreitung durch wichtige Multiplikatoren sein. Bis diese aber mit der Bearbeitung durch sind, scheint das openHPI for Ukraine vor allen Dingen noch auf persönliche Empfehlungen angewiesen zu sein.


Foto: Dennis Günzel