Eine Außerirdische verliebt sich in einen Wissenschaftler. Ist Liebe wirklich menschlich? Und wenn ja, wie sieht sie dann aus? Unsere Kolumnistin Malin hat im neuen Stück von Pollesch eine überraschende Antwort darauf gefunden. Sie lobt sogar den Kitsch. Vorhang auf für Folge 11: Pollesch-Premiere

Liebe – einfach außerirdisch, so heißt der neue Coup des Intendanten René Pollesch, den er am Deutschen Theater in Berlin inszeniert. Mit der mehrmals verschobenen Premiere stieg der Druck auf Autor und Regisseur gleichermaßen, das Publikum ist gespannt auf das, was nun auf der Bühne landen soll. Denn Pollesch produziert Stücke wie wenig andere. Sowohl an der Volksbühne als auch am DT reihen sich die Vorstellungstermine auf, aber wieviel halten sie von dem, was sie zu versprechen scheinen?

Mit Erleichterung lässt sich feststellen, dass Pollesch sich nicht so ernst zu nehmen scheint, wie die Produktionsdichte vermuten ließe. Mit Liebe – einfach außerirdisch spricht er das für die nächste Spielzeit des Deutschen Theaters programmatische Thema des Transhumanismus an. In dystopischer Manier reisen Aliens auf die Erde. Ihre Mission? Einen Wissenschaftler ausfindig machen, dessen jüngste Experimente die bevorstehende Zerstörung ihrer gesamten Galaxie verursacht hat. Trystan Pütter, Sophie Rois und Kotbong Yang stellen das kuriose Trio dar, dem sich trotz akkurater technischer Vorberechnungen des Auftrags ein großes Problem entgegenstellt. Denn zwischen der Außerirdischen Nina und dem Wissenschaftler entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die uns gekonnt vor die Frage stellt, was Liebe eigentlich bedeutet und wie willkürlich die Zuordnungen zwischen Gefühlen und Gesten in Wahrheit sind.

In seiner Inszenierung erinnert Pollesch dabei deutlich an Brecht, wenn eine Leinwand heruntergefahren wird, auf der sich erst Susi und Strolch und schließlich Rose und Jack küssen. Bunt und kitschig ist die Inszenierung, die damit spielt, wie paradox die Liebe wirklich ist. Aus der Zeit gehoben erscheint das einander Hinterherlaufen in Zeitlupe, das Hinterherjagen hinter den Gefühlen – die Abstrusität der Liebe. Die Wirklichkeit muss dabei zurückgelassen werden, um ein Bild derselben zeichnen zu können. Die Außerirdischen sind in der Lage die Gestalten beliebiger Menschen anzunehmen, Unsichtbarkeitsmodi anzustellen und sich in Raum und Zeit ungebunden zu bewegen. Aber was ihnen gründlich verborgen bleibt, ist das Gefühl der Liebe. Hier klingt an: Ist es das, was uns menschlich macht?

Nichts bleibt unerwähnt

Mit dem Kitsch geht eine Überbetonung des Offensichtlichen einher, die dem Publikum wenig Raum für Spekulationen lässt. Ziehen sich die Außerirdischen und der Wissenschafter in den Hintergrund der Bühne zurück, um dem nachzugehen, was man, so der Ton, nur hinter geschlossenen Türen macht, dann erscheint erneut die verfremdende Leinwand, die einen Blick hinter die Kulissen gestattet. Zu sehen ist ein Bauarbeiter-Striptease von Trystan Pütter, erotische Geplänkel und die Zigarette danach auf dem auf der Bühne platzierten Turm (selbstverständlich ohne Irrtümer als phallisch zu interpretieren).

Dass es sich bei letzterem um einen symbolischen Höhepunkt dessen handelt, was auf der Bühne gespielt wird, erreicht kaum die letzten Reihen, da beginnt schon die wortwörtliche Erwähnung dieses neckischen Nebeneffekts. Nichts bleibt unerwähnt oder der Interpretation überlassen, die Konversationen stumpf und die Pointe platt. Aber es kommt dem Stück hier zugute, dass sich eben diese Eindrücke als Zweck des Stücks sehen lassen, in dem auf die Spitze getrieben wird, wie unser Verhalten aus einer Außenperspektive heraus wirken mag.

Das Thema des Stücks ist klug gewählt und scheint Anstoß einer neuen Spielzeit zu werden. Die Ernsthaftigkeit, die Liebe – einfach außerirdisch vermissen lässt, kann so hoffentlich weitergeführt werden zu einer Auseinandersetzung damit, wie sich unser Verhalten analysierend ins Verhältnis zum dem, wie wir leben wollen, setzen lässt.


Foto: Bence Balla-Schottner/ unsplash