Ich habe zwei große Leidenschaften: Männer und Feminismus. In den letzten zwei Jahren habe ich meine beiden liebsten Freizeitbeschäftigungen in einer Art Feldstudie vereint, mich mit 21 Männern getroffen und dabei gemerkt, dass Online-Dating zwar oft mit dem Argument „Ich lerne meine Partner*innen lieber auf die altmodische Art kennen“ abgelehnt wird, hier aber besonders veraltete Vorstellungen von diesem Kennenlernen herrschen.

Ben* treffe ich auf eine Flasche Wein am Kanal in Kreuzberg. Er trägt einen Anzug und statt Pappbechern vom Späti hat Ben echte Weingläser dabei. Direkt merke ich, dass er eine ganz bestimmte Vorstellung von einem Date und den Rollen von Mann und Frau bei diesem hat. Dabei steht seine stereotype Gentleman-Performance in einem verwirrenden Gegensatz zu seinem Verhalten: Im Gespräch kann er mir nicht in die Augen sehen, ringt nach Worten, wenn für einen Moment Stille entsteht und scheint überfordert damit, auf meine Fragen zu antworten.

Das ist aber natürlich nicht schlimm. Wichtiger Teil meiner Tinder-Datenerhebung ist es, auch jenen Männern offen gegenüberzutreten, die nicht dem Archetypen des Mannes entsprechen. Schließlich leiden auch Männer unter dem patriarchalen Druck, eine bestimmte Rolle erfüllen zu müssen. Immer wieder die lustigen, selbstbewussten und erfolgreichen Alpha-Typen zu wählen, reproduziert dieses Genderklischee. Das führt dann dazu, dass Männer wie Ben denken, sich hinter einer normativen Fassade des Versorgers und Verführers verstecken zu müssen.

Ich bin also hin- und hergerissen: Gebe ich jemandem eine Chance, der, auch wenn er es krampfhaft versucht, nicht der uns beigebrachten Norm entspricht oder bin ich egoistisch (und irgendwo auch sexistisch) und gehe? Nach 25 Minuten entscheide ich mich für letzteres. Und das liegt, Kampf gegen’s Patriarchat hin oder her, vor allem daran, dass ich mich nun mal leider mit aufgeschlossenen und kommunikativen Menschen am besten verstehe und Ben selbst für Smalltalk zu aufgeregt ist.

Noch während ich auf dem Weg nach Hause bin, bekomme ich eine Nachricht von Ben. Er hofft, ich sei nicht enttäuscht. Ich antworte: „Nein, enttäuscht auf keinen Fall. Nur ich denke, das mit uns passt nicht. Du scheinst mir eher zurückhaltend und ich bin sehr temperamentvoll.“ Er antwortet, dass er normalerweise weniger zurückhaltend sei und dass er sich freuen würde, wenn wir uns nochmal treffen würden. Weil ich jetzt wirklich sehr deutlich mit dem Korb werden müsste, lasse ich mich dazu hinreißen, ihm mein Instagram-Handle zu geben, in der Hoffnung, dass der Kontakt wie bei so vielen mittelmäßigen Tinder-Bekanntschaften früher oder später im Sand verläuft und man sich irgendwann einfach wieder entfolgt. Nicht so mit Ben.

Von da an scheint er kompensieren zu wollen, dass er sich nicht so prototypisch-männlich gegeben hat, wie er es sich vermutlich vorgenommen hatte. Er schreibt mir mehrmals die Woche, wann wir uns treffen wollen, reagiert auf jede meiner Storys mit einem Kompliment und übergeht es einfach, als ich sage, dass ich im Moment viel zu tun habe. Ja, ich hätte ihm auch deutlicher sagen können, dass ich wirklich gar kein Interesse an ihm habe, ich bin aber auch nicht herzlos. Ein Nein muss auch zwischen den Zeilen als solches erkannt werden. Doch Ben wurde beigebracht, dass Männer um die Frauen, auf die sie stehen, kämpfen müssen.

Dass er alle meine Signale ignoriert, zeigt, welches antifeministische Bild in seinem Kopf verankert ist: Männer erobern, Frauen werden erobert. Aktiv, passiv. Männer bringen den Wein zum Date mit und bemühen sich anschließend so lange um ihre Angebetete, bis diese schließlich zu einem zweiten Date einwilligt. Die Aufgabe der Frau: Sich zieren oder zumindest nicht selbst aktiv werden. Ich werde hier nicht die Frage von nature oder nurture beantworten können, aber 40.000 Jahre nach der Zeit der Jäger und Sammler klingt „Männer jagen, Frauen machen sich rar“ schwer nach Papa-Patriarchat.

Wie können wir diese armen Geschöpfe retten, die immer noch glauben, dass Frauen per se kein Interesse zeigen? Die glauben, dass es als Mann ihre Pflicht ist, Frauen zu umwerben, um sie zu überzeugen? Die glauben, dass Frauen erobert werden können? Im ersten Schritt sollten wir zumindest schon mal aufhören, unseren Freundinnen davon abzuraten, zu viel Interesse zu zeigen. Umso mehr wir Ratschläge aus dem 19. Jahrhundert befolgen, umso mehr bleiben diese Vorstellungen von aktiv und passiv bestehen und umso befremdlicher ist es, wenn eine Frau sich offen um einen Mann bemüht.

Genauso wie ich ernst genommen werden will, wenn ich kein Interesse an jemandem zeige, sollte ich die Entscheidungsmacht haben, jemandem deutlich zu zeigen, dass ich ihn mag, ohne direkt Gefahr zu laufen, „es ihm zu einfach zu machen“. Oft scheinen wir zu vergessen, dass sich auf Tinder-Dates nicht Vertreter*innen zweier Geschlechter treffen, sondern zwei Individuen, die sich von Anfang an auf Augenhöhe begegnen und sich im gleichen Maße zeigen sollten, dass sie Interesse haben. Das kann doch echt nicht so schwer sein.

Auf meine letzte Kolumne hin schreibt Ben mir ein letztes Mal. „Was ist das Fazit aus der Tinder-Date-Studie? Rückblickend war das halbe Stündchen Unterhaltung mit mir wohl sehr langweilig für dich.“ Stimmt, das Date war nichts besonderes. Alles drumherum zeigt aber, wie viel Arbeit noch vor uns liegt. Deshalb bekommst du trotzdem einen Text.


*Name von der Redaktion geändert

Illustration von Isabelle Aust

Alle Texte der Kolumne Tinder vs. Feminismus lest ihr hier.

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