Ich habe zwei große Leidenschaften: Männer und Feminismus. In den letzten zwei Jahren habe ich meine beiden liebsten Freizeitbeschäftigungen in einer Art Feldstudie vereint, mich mit 21 Männern getroffen und dabei gemerkt, wie anstrengend es ist, gegen Gendernormen zu kämpfen. Manchmal kann und manchmal will ich es nicht.

An dem Tag, an dem Tom* und ich uns auf eine Falafel in Moabit treffen, habe ich nur bedingt Lust, mich zu unterhalten. Also nehme ich es hin, dass unser Date genau so auch in den 50ern hätte stattfinden können. Ich lehne mich zurück und Tom übernimmt das mit dem Sprechen. Ab und zu werfe ich eine Frage ein, und er erzählt weiter: Von seinem Mathematik-Studium, seinen Sportverletzungen und davon, wie es ist, so groß und stark und männlich zu sein, wie er es ist. Und weil er mir keine einzige Frage stellt und ich an diesem Tag nicht die Energie habe, mir selbst den Raum im Gespräch zu nehmen, sage ich nichts.

Nach einer halben Stunde, in der ich viel über Kreuzbandrisse und Toms Morgenroutine gelernt habe, verabschiede ich mich und denke: „Den sehe ich nie wieder.“ Nicht etwa, weil ich ihn nicht wiedersehen wollen würde, sondern weil ich mir sicher bin, ihn gelangweilt zu haben. Indem ich aber einfach nur dasaß und ihn habe sprechen lassen, habe ich nicht nur meinen Part der binären Rollen, sondern auch Toms Vorstellungen eines gelungenen Dates erfüllt: Am nächsten Tag schreibt er mir, dass er es schön fand und fragt, wann wir uns wiedersehen.

Diese Erfahrung bestätigt Genderrollen, die ich schon lange überwunden geglaubt habe. Auch wenn sich die Feministin in mir dagegen wehrt, hat mein Gehirn dank Tom ganz tief unten abgespeichert: „Ganz bequem nichts tun ist im Dating der garantierte Weg zum Erfolg.“

Weil ich aber neugierig bin, wie wir uns verstehen, wenn ich mich danach fühle, mir selbst Raum im Gespräch zu nehmen und nicht darauf zu warten, dass er ihn mir gibt, treffen wir uns nochmal. An diesem warmen Sommerabend sitzen wir auf einer Brücke, trinken Wein und gucken den Sonnenuntergang an. Dieser Abend hätte einer der schönsten des Sommers werden können, würden wir nicht im Patriarchat leben. Da das aber nun mal leider der Fall ist, unterbricht mich Tom, als ich gerade dabei bin, etwas zu erzählen, und sagt: „Du bist aber nicht so eine, die immer gendert, oder?“

Ich mache deutlich, dass ich das an der Stelle nicht ausdiskutieren will, weil ich weiß, dass eine solche Diskussion das Date für mich ruinieren würde. Tom ignoriert diese Grenze aber und verliert sich in einem Monolog darüber, dass Gendern der Verfall von Sprache sei, dass Geisteswissenschaften eh abgeschafft gehören, dass die Frauenquote Blödsinn sei und dass es Studien gebe, die belegen, dass Mädchen wirklich schlechter in Mathe sind. Sein Studium ist einfach nichts für Frauen.

Und obwohl er eine Grenze, die ich gezogen habe, übergangen ist, bemühe ich mich zunächst, für mich und meine Meinung einzustehen, merke aber schnell, dass ich keine Chance habe. Alles, was ich versuche, auszudrücken, all die Argumente, die in meinem Kopf Sinn ergeben, kommen mir beim Aussprechen weinerlich und viel zu abstrakt vor.

Also sitze ich mit Tom auf der Brücke, trinke meinen Wein und lasse mir erklären, wieso Frauen wirklich „das schwächere Geschlecht“ sind. Und zum ersten Mal fühle ich mich als solches. Nicht etwa, weil ich es qua natura bin, sondern weil Tom und ich mich durch unsere Sozialisierung dazu machen. Ich weiß nicht, ob er oder ich mir im Weg steht. Ob ich nicht kann oder ob er mich nicht lässt. Aber ich bin wütend, dass ich, als es am allerwichtigsten ist, still bleibe.

Während er spricht, höre ich nicht, was er sagt, sondern denke darüber nach, wie das mit der Karriere je etwas werden soll, wenn ich so wenig in der Lage bin, für meine Meinung einzustehen, auch wenn ich mir sicher bin, im Recht zu sein. Ich denke darüber nach, wie wütend es mich macht, dass ich mich selbst hinterfrage anstatt Tom. Ich denke an all die starken Frauen in meinem Umfeld, die so lange diskutiert hätten, bis sie das Gefühl hätten, alles gesagt zu haben. Die sich nicht in diese passive Rolle drängen lassen würden.

An diesem Tag will ich Tom widersprechen, kann es aber nicht, weil ich nicht weiß, wo ich anfangen soll, ihm zu erklären, wie falsch das alles ist. Manchmal fühle ich mich aber auch einfach wohl in meiner Heteronormativität, zum Beispiel bei unserem ersten Date: Kein Aushandeln der eigenen Position, keine energieraubende Diskussion, kein Mann, der mir Feminismus erklärt, sondern einfach nur ein Flirt mit jemandem, den ich attraktiv finde. Fast so, als ließe sich Online-Dating nicht mit Feminismus vereinen, warte ich also ab, bis Tom fertig damit ist, mir die Unterschiede zwischen uns zu erklären, lächle und wechsle das Thema. Ich will ja nicht das Date ruinieren, nur weil ich mit diesem Feminismus-Quatsch angefangen habe.


*Name von der Redaktion geändert

Illustration von Isabelle Aust

Alle Texte der Kolumne Tinder vs. Feminismus lest ihr hier.

2 KOMMENTARE

  1. Ich mag deine Texte. Manchmal nerven sie mich auch, aber nur stellenweise (und selbst dann eher wie ein angenehmes Kribbeln, dass mich zu einem Widerspruch oder einer Provokation reizen würde, säße ich da jetzt mit dir auf der erwähnten Brücke. Ich weiß natürlich nicht, ob dass Absicht ist von deiner Seite, oder einfach nur aus versehen passiert oder einfach zeigt, wer oder wie du bist). Also lese ich deine Texte weiter und komme am Schluss mit einem sehr angenehmen Gefühl aus ihnen wieder hervor. Leichter vielleicht(?). Danke dafür. Und ich glaube, dass ich in etwa nachvollziehen kann, worüber du schreibst. Obwohl ich selber auch biologisch ein Mann bin und auch heterosexuell tendiere. Aber was da draußen so alles als Mann (aber auch Frau) herumläuft… und dabei mit viel Humorlosigkeit und Einseitigkeit mehr als alles andere nur seine eigene Dressur als Persönlichkeit oder Charakter an das Gegenüber bringen will… Das ist manchmal sehr schmerzhaft anzusehen und auszuhalten und so weiter und so fort.
    Viele Männer machen das ja nicht nur mit Flirtpartnern sondern mehr so als generelle Form des “in-der-Welt-sein”… Manchmal möchte ich dann nur weglaufen. Oder irgendetwas idiotisches sagen, nur um die “Beziehung” sofort zu brechen (aus purer Verzweiflung und Hilflosigkeit (?). Das Gegenüber wirkt meistens selbst so selbstsicher und überzeugt. (Noether, Kovalevskaya, Chisholm … waren wohl alle keine “richtigen” (?) Frauen)).
    Oh weh, was ein verwurschtelter Text.
    Kurz: danke für deinen Text.

  2. Was ich dich eigentlich fragen wollte: (entschuldige bitte, bei meinem ersten Kommentar ist mir da mein eigener Kommentar in die Quere gekommen) ich arbeite in einer kleinen Akademie im Ausland als Deutschlehrer, Deutsch als Fremdsprache und so. Und ich würde gerne wissen, ob es für dich in Ordnung wäre, dass ich mit den Schülern meiner Gruppen (natürlich nur mit jenen, die ein entsprechendes sprachliches Niveau haben) ab und zu einen deiner Texte lese und als Diskussionsbasis verwende?

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