Ich habe zwei große Leidenschaften: Männer und Feminismus. In den letzten zwei Jahren habe ich meine beiden liebsten Freizeitbeschäftigungen in einer Art Feldstudie vereint, mich mit 21 Männern getroffen und dabei gemerkt, wie viel es eigentlich gibt, von dem ich keine Ahnung habe. Männer erklären mir das dann aber zum Glück.

Max* und ich treffen uns in einer Bar in Prenzlauer Berg. Er ist nicht unbedingt attraktiv im klassischen Sinn, trotzdem finde ich ihn, wahrscheinlich weil er ein bisschen zu selbstbewusst ist und mich von Anfang an ein bisschen von oben herab behandelt, anziehend. Dass ich hier ein Genderklischee reproduziere, sehe ich selbst. Wie ich sozialisiert bin und worauf ich deshalb stehe, kann ich trotzdem nicht ändern.

Beim ersten Glas Wein stecken wir erstmal den Rahmen ab: Wer weiß mehr über Politik, Kultur und Wirtschaft. Wie beiläufig erzählt er von seiner Arbeit im Bundestag, listet auf, mit welchen Politiker*innen er per du ist und tut dabei so, als sei das etwas ganz Normales, als hätte er seinen Arbeitsplatz ohne Grund in seiner Tinder-Bio erwähnt.

Da ich mich nicht von seinem Prahlen beeindrucken (oder eher: einschüchtern) lassen will, werfen wir beide abwechselnd mit unserem Wissen um uns und verlieren uns in politischen Diskussionen. Und obwohl Max mir unsympathisch ist, finde ich das Ganze und ihn spannend.

Wir verabreden uns also noch ein zweites Mal. Bei diesem Date habe ich keinen Spaß. Was beim letzten Mal noch ein spannendes und aufgeheiztes Kräftemessen und Austesten von Grenzen war, ist jetzt einfach nur unangenehm und anstrengend. Max scheint die ganze Zeit gelangweilt von dem zu sein, was ich erzähle, gleichzeitig scheint er zu testen, wie versiert ich in den Themen bin, die er aussucht. Natürlich ist nicht jede Dynamik zwischen zwei Individuen automatisch etwas Strukturelles und mit Sicherheit sind Max und ich keine Seelenverwandten. Gleichzeitig ist er aber nicht der erste Mann, der mich zunehmend belächelt und persönlich angreift, umso anspruchsvoller die Diskussion wird, umso mehr ein Wettkampf entsteht und umso mehr ich das Gefühl habe, mit meinen Argumenten zu gewinnen. Die These liegt auf der Hand.

Irgendwann habe ich keine Lust mehr auf diese feindselige Stimmung und schlage vor, über etwas Oberflächlicheres zu sprechen. „Noch oberflächlicher?“, sagt er und ich frage mich, ob das einfach ein misslungener Witz ist oder ob ich aufstehen und gehen soll.

Wie so oft bleibe ich aber länger sitzen als nötig. Wir sprechen über’s Laufen. Max weiß, dass ich laufe: Auf meinem Tinder-Profil sind Fotos von Wettkämpfen, seine erste Nachricht war eine Frage zu einem Foto vom Marathon in Hamburg. Anstatt aber jetzt daran anzuknüpfen, vielleicht ein anerkennendes Wort zu verlieren oder sich zumindest auf Augenhöhe auszutauschen, erklärt er mir, wie er trainiert: Manchmal läuft er auch.

Ich bin nicht unbedingt überrascht. Ausnahmslos keine meiner 21 Tinder-Bekanntschaften hat mir bisher ein Kompliment zum Laufen gemacht oder gefragt „Wie ist das so, ein Marathon?“. Stattdessen reißen sie das Thema an sich und erklären mir, obwohl sie es selbst noch nie probiert haben, dass jeder einigermaßen fitte junge Mensch einen Marathon schafft (nein), dass man einen Marathon auf gar keinen Fall ohne Pulsuhr laufen kann (doch) und dass sie selbst vor zwei Jahren auch mal 21 Kilometer gelaufen sind, das war mega anstrengend (ach, echt). Sportler*innen wissen aber, dass Sport immer anstrengend und eine Leistung über die eigenen Grenzen hinaus ist, egal ob man nun 42 oder zwei Kilometer läuft. Deshalb lobe ich am Ende dann meist ihn und die Welt ist wieder in Ordnung und die Rollen wieder verteilt.

Während ich mich in Diskussionen über Politik oder Wirtschaft noch leichter verunsichern lasse, besonders, wenn mein Gegenüber eine starke Meinung vertritt, gibt es Themen, bei denen ich mir sicher bin, einiges zu sagen zu haben. Laufen gehört dazu. Oder auch wie ich mich als Frau im heterosexuellen Dating fühle. So gibt es kaum etwas, das mich zur gleichen Zeit so amüsiert und so sprachlos macht wie Männer, die mir etwas erklären, von dem ich eigentlich mehr weiß.

Das beste und aktuellste Beispiel: Die Reaktionen auf den ersten Text der Kolumne. Während mir ungefähr 50 Frauen geschrieben haben, sie hätten sich wiedergefunden, haben mir genau zwei Männer geschrieben. Der eine hat einen Witz gemacht, der andere hat mich in meinen Instagram-DMs mit einer ungefragten Rezension beglückt: “Cooler Text, nur das Ende liest sich nicht ganz rund. Paul* ist ein Arsch.”

Ich muss also erklären, dass Details der Liebesgeschichte keine Rolle spielen, weil Paul und ich nur StellvertreterInnen und als Individuum unwichtig sind. Und vor allem: Wir sind keine Einzelfälle. Paul ist kein schlechter Mensch, und ich fühle mich persönlich angegriffen, als er mir widerspricht und schreibt: “Also meine Partnerinnen schreiben mir auch mal.“ Die Message: Binäre Rollen gibt es, auch im heterosexuellen Dating, nicht mehr. Spring’ also einfach mal über deinen Schatten und trau dich, dich bei ihm zu melden.

Kurz bin ich verunsichert, ob ich meine individuelle Unfähigkeit, mich von heteronormativen Gendervorstellungen zu lösen, mit einem strukturellen Problem verwechsle. Doch dann macht es mich einfach nur wütend, dass diese Ignoranz und Blindheit für die eigenen Privilegien, die er mir ungefragt entgegen schleudert, mich derart verunsichert. Anders als mit Max wird hier nämlich nicht nur meine Kompetenz angezweifelt, sondern mein ganzes Empfinden wird mir abgesprochen. Und zwar von jemandem, der nicht in der Position ist, es überhaupt infrage zu stellen.

Natürlich hat nicht jede*r Gendernormen im gleichen Maße internalisiert wie ich. Dass mir aber ein cis-Mann schreibt, dass ich von Einzelfällen spreche und mir dann meinen eigenen Text erklärt, ist bezeichnend für das ganze Problem.

Am Ende fühle ich mich, als hätte ich ihm Unrecht getan. Schließlich ist auch er Opfer der Struktur, und der Einzige, der sich zumindest mit dem Text auseinandergesetzt und konstruktiv geäußert hat.
Also entschuldige ich mich dafür, überreagiert zu haben, typisch Frau. Er sagt, dass es schon okay ist und schickt mir ein Foto, auf dem er geschminkt ist und ein Kleid trägt. Und so hat mir mal wieder ein Mann Feminismus erklärt und ganz nebenbei das Konzept Gender abgeschafft.

Max habe ich übrigens nicht wiedergesehen. Am Ende unseres zweiten Dates hat er gesagt, er treffe sich nur mit Leuten, von denen er etwas lernen kann. Das hab ich dann natürlich nicht verstanden. Er weiß doch schließlich schon alles.


*Name von der Redaktion geändert

Illustration von Isabelle Aust

Den ersten Text der Kolumne Tinder vs. Feminismus lest ihr hier.

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