Thessaloniki ist nicht London, Madrid oder Paris. Thessaloniki ist eine Metropole auf dem Balkan. Die Griechen halten sie für die heimliche Hauptstadt ihres Landes. Das Nachtleben sei legendär und trotz Corona-Einschränkungen hält man daran fest. Auf dem Olymp, so sagt man, hausen die Götter. Direkt gegenüber gastieren Studierende aus aller Welt und feiern die „europäische Erfahrung“. Braucht es mehr Gründe für Erasmus?

Sie fallen einem überall auf. Ich sehe sie auf Plätzen, an großen Kreuzungen oder vor den Ladenzeilen. Laufe an ihnen vorbei und erschrecke bei dem Gedanken, sie übersehen zu haben. Sie sind klobig, dunkelblau und vergittert. Die Einsatzbusse der griechischen Polizei gehören in Thessaloniki zum Stadtbild. Über die Monate habe ich mich daran gewöhnt. Beim Anblick eines solchen Busses bemerkte ein Freund mal, dass man klar erkenne, die Griechen schmeißen gerne Steine. Aber etwas zeigen die gepanzerten Kleinbusse allemal: Der Staat hat Angst vor seinen Studierenden. Und die Beinschoner der Polizist*innen sehen aus, als würden sie nicht nur einstecken, sondern auch austeilen. Vor den Einfahrtsstraßen der Universitäten stehen häufig Streifenwagen. Polizisten mit Schilden und Stöcken – die Staatsmacht. Auf den Campus dürfen sie nicht.

In den Universitäten steht der Protest offensichtlich an jeder Wand. Hier spiegelt sich das Demokratieverständnis eines ganzen Landes wider. In den Foyers der Institute hängen Transparente der linken Studierendengruppen. Sie sind dauerhafte Zeugen des Protests griechischer Studierender gegen die Zustände an ihren Hochschulen und die des Landes. Sie verschwinden nicht. Durch das sogenannte Universitätsasyl bleibt der griechischen Polizei seit 1974 der Zugang zum Universitätsgelände verwehrt. Somit können universitätsinterne, politische und soziale Probleme ohne Unterlass offen angesprochen und diskutiert werden.

Das erinnert den griechischen Staat tagtäglich an jene Militärdiktatur, die von 1967 bis 1974 das Land regierte und jenen Meinungsaustausch unterdrückte, der nun offen gelebt wird. 1973 waren es Studierende des Athener Polytechnikums, die zum ersten Mal offen die Verhältnisse in ihrem Land anprangerten. Die damalige Regierung antwortete mit Panzern auf dem Campus, mindestens 23 Menschen starben. Seitdem dient das Universitätsasyl dem Schutz der Meinungsfreiheit und soll den griechischen Staat jeden Tag an seine Grenzen erinnern. Dennoch wird dieses Privileg griechischer Universitäten auch kritisch betrachtet. Professor*innen warnten mich zu Beginn meines Aufenthaltes, den Campus in der Nacht zu meiden. Sicherheitskräfte gebe es keine, die Chance nachts ausgeraubt oder angegriffen zu werden sei hoch. Nicht selten käme es zu Vergewaltigungen und der Drogenhandel würde durch die fehlende Polizei unvorstellbare Dimensionen annehmen.

Langzeitstudierende sollen zwangsexmatrikuliert werden

Nun überraschte die konservative Regierung von Premierminister Kyriakos Mitsotakis die Studierenden mit einem neuen Vorschlag zum Universitätsasyl. Mit einem neuen Gesetzesentwurf will sie gegen sogenannte „Bummelstudenten“ und das Universitätsasyl vorgehen. Man wolle Recht und Gesetz auch in den akademischen Einrichtungen durchsetzen und eine „Campus-Polizei“ einführen. Hochrangige Regierungsvertreter*innen sprachen von Drogen, Exzessen und Gewalt an den Universitäten. Dass sie zugleich gegen Langzeitstudierende vorgehen wollen, ist hierbei kein Zufall. Die Studienzeit soll begrenzt werden. Wer nach vier Jahren nicht „fertigstudiert hat“, hat nur noch zwei weitere Jahre. Wer dann noch keinen Abschluss hat, wird exmatrikuliert. Dass viele dieser „Bummelstudenten“ viel Zeit für ihr politisches Engagement aufbringen, ist dem griechischen Staat wohl bekannt. So spielten sich in den vergangenen Wochen tragische Szenen ab und es kam bei Protesten immer wieder zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und Studierenden. Wie die Tageszeitung Ta Nea schätzte, seien von den Maßnahmen landesweit über 235.000 Studierende betroffen. Manche schauen besorgt nach Athen und befürchten eine Diktatur 2.0, sollte ein Großteil dieser Studierenden als politische Stimme verhallen. Eine griechische Kunststudentin hat den Frust und die Angst für mich mal so zusammengefasst: „It´s a f**king dictatorship.“

Wie viel bekommt der Erasmus-Studierende von den Protesten mit?

Der vom Dauerkater geplagte Erasmus-Studierende erfährt diese Zustände nur, wenn er sie erfahren will. In unserer augenscheinlichen Wohlfühlblase schauen wir von den Balkonen in die protestierende Masse jener Studierender, für die es um alles geht. Für uns ist das eine erträgliche Kulisse. Hammer und Sichel sind ein beliebtes Postkartenbild für die Freund*innen zuhause und ich ertappte mich bei dem Gedanken, einfach mal mitzulaufen. Ton, Steine, Scherben-Romantik ist das, wenn in der Insta-Story der Molotowcocktail glühend zerspringt und liegengelassene Bierflaschen als Munition recycelt werden. Von spektakulären Aufnahmen ist dann die Rede.

In dieser Situation frage ich mich, wie Erasmus-Studierende ernsthaft mit griechischen Studierenden sympathisieren könnten. Dürfen wir das? Wären wir gerne gesehen? Können wir uns erlauben, für jene auf die Straße zu gehen, deren Verhältnisse wir nicht wirklich kennen? Die Bilder von den Straßenkämpfen passen nicht in das Bild eines sorgenfreien Auslandssemesters, das sich jeder erzählen möchte. Da wird doch eher im kleinen Wohnzimmer um den Couchtisch wie um das goldene Kalb getanzt.

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