Prof. Dr. Hans-Dieter Burkhard ist seit 1992 Professor für Künstliche Intelligenz (KI) am Institut für Informatik der HU. Mit Kollegen der TU hat er die Schnittstellen von Soziologie und Informatik erforscht. Mit der UnAuf hat er über die Entwicklungen von KI gesprochen

UnAuf: Als Alan Turning 1950 die Frage nach der Denkfähigkeit von Maschinen stellte und seine Arbeit am Turning-Test aufnahm, gewann Künstliche Intelligenz (KI) die Aufmerksamkeit von Wissenschaft und Öffentlichkeit…

Hans-Dieter Burkhard: Zunächst einmal kritisch, KI ist nicht erst seit Mitte des 20. Jh. interessant. Schon die alten Griechen hatten Ideen von Robotern und bauten spannende Automaten. Und so ging das über die Zeit hinweg.

UnAuf: Als Resultat der Jahrtausende also, hat Marvin Minski 1956 die Artificial Intelligence wie folgt definiert: AI is the science of making machines do things that would require intelligence if done by men. Ist die Definition noch aktuell?

HDB: Nö. War sie nie. Er sagt ja, „benötig Intelligenz, wenn ein Mensch das tut“. Und jetzt weiß keiner, was die Intelligenz beim Menschen ist. Wenn wir überlegen was Intelligenz bedeutet, dann denken wir an etwas, das schwer ist oder noch nie einer gemacht hat. Auf der anderen Seite erfordert das, was wir alltäglich machen, auch viel Intelligenz. Bloß diese alltäglichen Fähigkeiten sind uns angeboren oder wir haben sie als Kind erlernt. Sie sind eigentlich viel intelligenter als Schachspielen. Das ist auch der Witz, warum wir Fußball spielen wollen. Wir wollen untersuchen, wie der Körper mit dem Geist zusammenarbeiten kann. Zu glauben, dass Intelligenz nur eine Sache des Geistes ist, liegt schon mal etwas daneben. Ich würde sagen, eine KI ist eine Menge von vielen Versuchen, intelligente Tätigkeiten die der Mensch kann auch die Maschinen tun zu lassen. Und da zeigt sich auch schon, dass die Maschinen ganz anders sind. Ein wichtiger Punkt, der in den meisten Definitionen fehlt.

UnAuf: Was macht eine KI so anders?

HDB: KI kann schnell rechnen und riesige Datenmengen verarbeiten. Aber sie kann eine Kaffetasse oder einen Fußball nicht so leicht erkennen, wie wir das können. Was die Maschine kann, kann der Mensch schlecht und ungern. Das macht es schwer sie zu vergleichen.

UnAuf: Wie können wir uns das schnelle und umfangreiche Arbeiten einer KI vorstellen?

HDB: Beispielsweise gibt man dem Computer 10.000 Fälle, lässt ihn nach Zusammenhängen suchen und die gefundenen Kriterien auf weitere Fälle anwenden. Amazon hat das in der Einstellungspolitik gemacht. Und was kam raus? Frauen wurden benachteiligt, weil in der Vergangenheit mehr Männer eingestellt worden sind. Die Maschine hat genau das gelernt. Sie fragt ja nicht nach. Sie ahmt nur nach.

UnAuf: Obwohl das Thema der KI schon lange bekannt ist, reißen sich die Medien danach. Welche Ursache hat die angestiegene Aufmerksamkeit?

HDB: Die Idee ist nicht neu, die technische Realisierung schon. Mithilfe von Computer und Sensortechnik können wir jetzt besser nachvollziehen, was unsere Nerven machen. Beim Maschinenlernen symbolisieren Programme, dieNeuronen im Gehirn. Erst ist es nur möglich gewesen mit drei Schichten von simulierten Neuronen zu arbeiten, die lernen konnten. Jetzt gibt es das sogenannte deep learning, washeißt mit 20 oder 100 Schichten zu arbeiten. Der Begriff macht sich medial sehr gut: deep learning, deep thinking, deep mind; hat aber mit Tiefsinnigkeit nichts zu tun.

UnAuf: Wie viele Versuche sind nach dem neusten Stand notwendig, damit eine Maschine etwas lernt?

HDB: In der Praxis zeigen wir der Maschine Millionen Bilder von Kaffeetassen und sie macht sich dann ein Bild davon. Ein Mensch braucht vielleicht nur drei Bilder.

UnAuf: Wir tragen unsere KI´s heute in der Hosentasche und hängen viel im Netz, aber sie sind ständig vernetzt. Kommunizieren Roboter mehr als wir Menschen?

HDB: Das ist auch so eine Sache. Klar, sie können ständig über Funk verbunden sein, aber die Frage ist, was für Nachrichten sie austauschen können. Wenn der eine Roboter sagt: hinter mir ist die Tür, was sagt das dann dem anderen Roboter, der nicht weiß wo ersterer steht? Er müsste ein Bild von ihm und seiner Umgebung haben, das alles was bei dem Menschen selbstverständlich auch eine Rolle spielt. Wenn sie in einer Fabrik zusammenarbeiten können, mit festgelegten Abläufen, prima. Im Autoverkehr, indem nur autonome Autos fahren, wo der erste in der Kollonne sagt: ich bremse jetzt, und der letzte das auch sofort weiß, toll. derzeit ist es so, dass meistens noch das siebte Auto auffährt.

UnAuf: Können Sie sich trotz technischer Neuerungen vorstellen, dass das Interesse an KI wieder abklingt?

HDB: Das hat immer Wellen gegeben. In den 80er Jahren gab es schon mal tolle Versprechungen: wir bräuchten keine Ärzte mehr, das machen alles die KI. Und da hat sich rausgestellt, dass es doch nicht so einfach geht. Dann war es plötzlich wieder total ruhig und es gab keine Fördermittel mehr. Dann kamen diese neuronalen Netze, woraufhin es wieder einen Schub gab. Das lief dann aber auch nicht so gut. Dann hat es in Bezug auf das Lernen wirklich wieder einen Durchbruch gegeben. Es ist natürlich auch viel Hype dahinter. Es ist noch lange noch nicht da, wo wir es hinhaben wollen.

UnAuf: Wo wollen wir denn hin, haben Sie ein Beispiel dafür?

HDB: Die Kamera kann nun die Katze erkennen, aber wenn man die Katze nur ein wenig abändert, dann denkt der Computer es wäre ein Affe oder vielleicht sogar ein Autoreifen. Die Verfahren sind bei weitem noch nicht so zuverlässig wie bei uns. Manchmal merken sich KI nur den Namen des Fotografen, oder Details im Hintergrund des Bildes und assoziiert damit dann ein Pferd.

UnAuf: Stimmt es, dass Deutschland in der KI weit hinter den USA und China zurück hängt?

HDB: Also wir sind theoretisch sehr gut. Eine ganze Reihe von Leuten, die in Amerika Karriere gemacht haben, bei Google oder sonst wo, kommen aus Deutschland. Aber weil bei uns die Industrie noch nicht soweit ist, um das Wissen verwerten zu können, gehen sie.

UnAuf: Besteht seitens der Bundesregierung der Bedarf aufzuholen?

HDB: Na doch, die Regierung hat eben erst ein Milliarden Programm aufgelegt, wo bisher aber noch kaum ein Euro geflossen ist. Das ist jetzt meine persönliche Meinung, aber viele Kolleginnen und Kollegen denken auch so: man müsste europaweit mehr zusammenarbeiten. Man müsste auch versuchen so etwas wie Google, Amazon, Facebook etc. auch für Europa zu installieren. Solange wir das nicht tun, sind wir abhängig.

UnAuf: Ist KI fake?

HDB: Wenn Menschen KI dazu benutzen, um Fake zu erzeugen, ganz klar. Auch wenn die Fähigkeiten von KI überzogen werden, ist das fake. Aber KI an sich ist kein Fake.

UnAUf: Was kann mithilfe von KI gefaked werden?

HBD: Ich würde es eher Missbrauch als Fake nennen. Aber das hat jede Technik. Der Buchdruck und der Rundfunk wurden missbraucht und jetzt geschieht das mit der Computertechnik. Um die Leute auszuspionieren hat man früher Briefe geöffnet, heute liest man E-Mails. Früher hat man in der Zeitung irgendwas geschrieben. Heute gibt es irgendwelche Loser auf Facebook, die man natürlich auch imitieren kann. Einen Haufen Follower (bzw. Social Bots) zu erzeugen, bedarf aber nicht einmal KI, sondern lediglich simple Programmierung.

UnAuf: Können mit Hilfe von KI solche Fakes entlavt werden?

HDB: Ja. Es ist wie ein Krieg. Der eine greift an, der andere wehrt sich, dann greift wieder einer an usw. Es kommt immer einer und findet noch was besseres. Derzeit haben wir beispielsweise noch mit der Erkennung von fake news zu kämpfen.

UnAuf: Muss in Zukunft jeder Informatiker werden, um sich in der digitalen Welt zurecht zu finden?

HDB: Nein, das ist sehr bequem. Google sagen wo ich hin will ist einfach. Wenn man sich aber tiefergehend, beispielsweise mit Datenschutz, beschäftigen will, dann sollte man sich auch mit Informatik beschäftigen.

UnAuf: Was denken Sie, ist KI eine Gefahr oder eine Chance?

HDB: Beides, ganz klar. Das ist nichts neues, es ist wie bei jeder Technologie. Mit Dynamith kann man Tunnel oder Bomben bauen. Mit Computertechnik kann man bessere medizinische Diagnosen treffen oder Kriegsdrohnen bauen.

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