Lisa (25) hat an der HU Germanistik und Sinologie studiert, schreibt momentan an ihrer Bachelorarbeit und steckt bereits voll im Berufsleben. Nebenbei macht sie Musik, arbeitet als Model und hat 15.000 Follower auf Instagram. In ihrer Mittagspause spricht sie über Authentizität, Privatsphäre und Schönheit

UnAuf: Wie kam es zu deiner Instagram-Karriere?

Lisa: Nach dem Abi habe ich zwei Jahre hauptberuflich gemodelt, wobei für mich immer klar war, dass ich studieren will. Die Arbeit als Model lief gut nebenher, ich hatte relativ viele Jobs. Aber auf Jobs Seminararbeiten schreiben, mit dem Laptop auf der Fashion Week in Mailand sitzen, das war schon hart. Man darf nicht vergessen, dass auch Models Menschen sind, der Druck ist extrem. Auf Instagram aktiv bin ich seit ungefähr drei Jahren. Wobei ich sagen würde, meine aktive Phase ist da auch schon wieder vorbei (lacht).

U: Hast du Strategien bei deinem Instagram-Profil?

L: Anfangs hatte ich schon Strategien, zum Beispiel regelmäßig Bilder von Jobs zu posten, viele Stories zu machen und so weiter. Dann kam die Änderung des Algorithmus und ich habe mich geradezu getrieben gefühlt, dauernd Inhalte zu produzieren. Ich fand es am Anfang sehr schwer zu akzeptieren, dass das vielleicht einfach nicht mein Ding ist und ich vielleicht keine Influencerin im klassischen Sinne bin. Ich mache nicht dauernd Fotos von mir. Mittlerweile habe ich das gut akzeptiert und poste nur noch das, worauf ich wirklich Lust habe und was ich liebe.

U: Bist das du, die Frau, die wir auf Instagram sehen?

L: Das bin schon ich. Schließlich würde ich keine Dinge posten, hinter denen ich nicht stehe. Aber es ist natürlich auch richtig, dass man immer selbst entscheiden kann, welche Person man sein will. Da ist mir meine Privatsphäre wichtig, auch wenn es nach außen vielleicht anders wirkt. Ich habe erst vor kurzem angefangen, auch die Dinge zu posten, die mich bewegen — meine Musik zum Beispiel. Das kostet Mut. Aber ich bekomme viel positives Feedback.

U: Hast du das Gefühl, du kannst deine Follower wirklich beeinflussen?

L: Ich denke schon, dass ich Einfluss auf Menschen habe — allerdings nur auf sehr wenige. Die, die wirklich ein Interesse daran haben, Dinge auch anzunehmen. Und das gelingt mir auch nur, wenn ich wirklich überzeugt bin von einer Sache. Wenn ich mich hinstelle und ein Outfit promote — auch wenn es mir gefällt — ist das nichts, was mich erfüllt. Ich gehe oft mit Jogginghose ins Büro, Fashion interessiert mich einfach nicht so sehr. Aber wenn ich jetzt sage „hört euch diesen Künstler an“ oder „geht zu jenem Konzert“, dann wird das immer gut angenommen. Das bin ich.

U: Was stört dich an Instagram?

L: Das Thema Sexismus stört mich in letzter Zeit extrem. Zum Beispiel wenn ich teile, wie ich Musik mache und dann Kommentare bekomme zu meinen Beinen. Darum geht es aber gerade nicht. Dass vermeintliche Komplimente gemacht werden, gegen die ich mich wehre. Dabei geht es nicht nur um mich, sondern auch um alle anderen Frauen. Ich rege mich darüber nicht auf, das vermiest mir nicht den Tag. Trotzdem finde ich es wichtig zu reagieren. Und wenn ich nur einer Person aufzeigen kann, dass das nicht in Ordnung war, dann hat sich das schon gelohnt. An dieser Stelle gibt uns Instagram auch die Chance, das Bewusstsein der Menschen zum Positiven hin zu beeinflussen.

U: Würdest du sagen, du bist authentisch?

L: Das ist keine leichte Frage. Es ist für mich mittlerweile fast schon schwer, nicht authentisch zu sein. Authentisch sein heißt, sich selbst treu zu bleiben, Schwäche und auch Stärke zu zeigen. Wenn man jung ist und denkt, dazugehören zu müssen, ist das natürlich schwer. Deswegen genieße ich auch das Älterwerden total. Mit 18 hatte ich eine tolle Zeit, aber ich will auf keinen Fall zurück. Ich freue mich, einen Job zu haben, mein Leben selbst bestreiten zu können und ich bin gespannt auf meine Zukunft. Authentisch sein heißt auch, dauernd zu hinterfragen und zu reflektieren, was tue ich aus welchen Gründen. Es ist eine Gratwanderung, gerade im künstlerischen Bereich. Man muss sich selbst so nah sein, um Kunst zu produzieren aber gleichzeitig genügend Abstand haben, um die Kunst in die Welt zu bringen.

U: Was heißt für dich Schönheit?

L: Sich mit sich selbst wohlzufühlen. Im Grunde ist es das Wesen eines Menschen, was sie oder ihn schön macht. Optisch wunderschöne Menschen können durch Charakter hässlich werden und andersrum. Den Perfektionismus gerade unter Teenagern finde ich problematisch. Immer jüngere Mädchen mit immer mehr Hyaluron im Gesicht und gemachten Brüsten. Da hat Instagram leider einen starken negativen Einfluss, auch wenn langsam eine positive Werteverschiebung stattfindet. Es gibt so viele unterschiedliche Körper. Neulich war ich in der Sauna und dachte mir, die Frauen hier sind alle so schön. Alle unterschiedlich, aber jede für sich so unglaublich schön.

U: Vielen Dank für das Gespräch

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