Kristina Marlen ist Sexarbeiterin in Berlin. Im Interview spricht sie über gesunde Sexualität und über das Hinterfragen von Vorurteilen.

UnAuf: Wie bist Du zu Deinem Beruf gekommen?

Kristina Marlen: Ich komme aus einem feministisch geprägten Mutterhaus und habe mich sehr früh schon mit feministischen Themen befasst. Genderstudies war für mich wahnsinnig spannend, auch weil es da nicht nur die soziologische Komponente von Feminismus gibt, sondern es geht um Körperpolitiken und Geschlecht in der Sprache, und das hat mich für eine Zeit aufgrund meiner eigenen Situation sehr angesprochen.

Geschlecht als Performance, Verkörperlichung von sozialer Praxis im weitesten Sinne, waren Themen, die mich dann sehr interessiert haben. Und dann hatte ich aber den Eindruck, wenn ich das weiter studiere, dann hebe ich immer mehr ab. Obwohl mich die Themen bis ins Mark bewegt haben, schien mir das Leben an der Uni abgeschnitten und abstrakt. Diesen Widerspruch fand ich irgendwann nicht mehr anregend, sondern störend.

Also hattest du Angst dann gar nicht mehr aus der Blase rauszukommen?

Ich habe irgendwann einfach festgestellt, dass ich selbst was Körperliches machen muss. Ich musste mich sozusagen erstmal „wahr machen“. An der Uni war mir zu wenig Utopie, zu wenig Ansatzpunkt für echte Veränderung, Ich hab dann sehr viel mit meinem eigenen Körper gemacht. Ich habe getanzt, ich habe auch viele körperliche Grenzerfahrungen gesucht.

Was sind für dich körperliche Grenzerfahrungen?

Also das erste waren Praktiken, wie extremer Sport und Tanz, das ist ja immer auch eine totale Grenzerfahrung. Sexuell habe ich mich ausprobiert, auch im BDSM Bereich. und später kamen sanftere Sachen wie Yoga oder Körperarbeit dazu, in denen ich mich wieder über das Spüren entdeckte – das war auch ein Sensibilisierungsprozess.
Irgendwann habe ich mich gefragt: Okay, das ist jetzt alles sehr spannend, aber das hat jetzt noch nicht alles so Hand und Fuß. Also entschied ich mich relativ kurzfristig dazu Physiotherapeutin zu werden. „Kind“, sagte ich mir selbst, „so hast Du wenigstens einen ordentlichen Beruf“.

Mit dem medizinischen Wissen, aus der Physiotherapie und dem Körperwissen, das ich ja auch angesammelt habe, entwickelte ich eine Körperarbeitsmethode, die sehr tief geht und in der ich über Berührungen und Bewusstheit Menschen in ihren Körper bringe. Über Berührung wird sich der Mensch seiner selbst gewahr und kommt ins Spüren für auch abgespaltene Anteile der Persönlichkeit. Es ist eine Aufgabe, Menschen wieder „nach Hause“ zu bringen. In körperlichen Themen häufig auch psychische oder seelische Sachen; Heilung ist immer ein Prozess auf vielen Ebenen.

Ich stellte fest, dass es mir fehlt, die Sexualität mit einzubeziehen – und das habe ich dann gemacht. So bin ich zur Sexarbeit gekommen. Das ist natürlich nur eine Art, diese Geschichte zu erzählen. Ein anderes Mal erzähle ich dir mal die nicht jugendfreie Version.

„Sexarbeit gibt den Menschen die Möglichkeit sexuell zu sein, angenommen zu sein; sich damit wertgeschätzt zu fühlen”, sagte Kristina Marlen. Illustration: Paulina Hillebrand

Und was ist dann für dich Sexualität?

Wow, was für eine Frage! Aus meiner Praxis als Sexarbeiterin würde ich einfach sagen, das ist eine totale starke Kraft, die im Menschen ruht, eine ganz vitale freudige Kraft, die sehr nach vorne weist, die was sehr Lebendiges hat. Die es gilt auch zu leben und anzunehmen. Sich das zu erlauben, ist eine Herausforderung, und wir haben es häufig verlernt.

Das Sexuelle hat ja auch immer was zu tun mit Kontrollverlust und mit Loslassen. Ekstase ist Flow. In unserer Kultur deuten wir das Sexuelle aber häufig eher als etwas, dass man auch noch optimieren sollte; ein noch perfekterer Körper, ein begehrenswerteres Tinderprofil – es gibt eine Sexualisierung, die ich aber nicht sexuell nennen würde, im Gegenteil: sogar sexualfeindlich. Es soll nicht riechen und nicht nass sein, es soll keine Falten haben und keine Hautunreinheiten. Sex muss immer geil sein und spektakulär, irgendwie eben auch „besser“. Aus meiner Praxis weiss ich, dass es darauf nicht ankommt.

Du selbst bezeichnest Dich als queer. Auf deiner Internetseite erklärst du, dass du durch deine eigene sexuelle Orientierung den Raum für alle Geschlechter öffnen willst. Was bedeutet das?

Queer“ ist ein Begriff, der inzwischen vielfältig verwendet wird und dadurch etwas unklar wird. Für mich ist es immer ein politischer Begriff und bezeichnet die Tatsache, dass Sexualitäten und Geschlechter , die nicht der Norm entsprechen, diskriminiert sind. Es gehört zu meiner Lebensgeschichte , dass ich mich mit den vorhandenen Geschlechterrollen häufig nicht identifizieren kann. Das war nicht immer einfach, ist aber auch eine Chance.

Ich bin cis-weiblich, aber bin immer mit Rollenzuweisungen von Weiblichkeit kollidiert; zudem ist meine sexuelle Orientierung einfach sehr divers. Ich würde sogar meine Sexarbeit als sexuelle Orientierung bezeichnen und falle komplett aus dem Rahmen der sogenannten „heteronormativen Ordnung“. Im bürgerlichen Verständnis sollte es ein loses Ding wie mich gar nicht geben. Queer ist für mich aber fast auch eine Lebenseinstellung insofern, als dass ich sehe wie viel Leid Heteronormativität auslöst.

Wem diese Vokabel nichts sagt, kann man es vielleicht übersetzen – oder runterbrechen – mit Geschlechtsstereotypen, die für alle Geschlechter Leid verursachen. Das sehe ich und das kann ich fühlen. Es ist nicht ein Ergebnis meines Denkens, meines kritischen Denkens, sondern das ist meine konkrete Erfahrung in meinen Sessions, in meinen Workshops, in meinen persönlichen Begegnungen. Ich sehe, wie viel Freiheit, wie viel Glück entsteht, wenn Menschen einen Raum betreten, der irgendwie anders strukturiert ist, also wo es die Möglichkeiten gibt, sich auch anders geschlechtlich zu erleben. Und mit Geschlecht zu spielen, zum Beispiel und sich da von klassischen Frauen- und Männerrollen zu lösen.

Plötzlich merken die Leute: Aha, ich muss mein sexuelles Begehren gar nicht so leben, wie ich es immer dachte. Das ist also nur ein Konzept, und ich kann auch andere Sachen ausprobieren und das eröffnet den Raum, dass Leute, die das vielleicht vorher von sich nicht behauptet hätten, ihre eigene Queerness entdecken.

Heteronormativität und Leid. Wie zeigt sich das? Kann man das unter den Begriff der Scham fassen? 

Nein, ich glaube Scham ist nochmal ein anderes Thema, kann aber damit verbunden sein. Zum Beispiel, wenn ein Mann weint und seine Gefühle zeigt, oder Angst hat, kann ihn das beschämen, oder er wird beschämt, weil es nicht in das normative Konzept von Männlichkeit passt. Frauen sollten sich immer schämen, wenn sie sexuell zu aktiv sind, so die Tradition, sie gelten dann als Schlampe oder Hure. Die weibliche Sexualität ist ohnehin von Scham geprägt: Frauen schämen sich sehr häufig für ihren Körper, und es spiegelt sich in unserer Sprache: Schamlippen, Schamhügel, Schamhaar. Scham ist ein Werkzeug für Unterdrückung.

Wenn ich vom Leid spreche, dass Hetereonormativität verursacht, würde ich auch sagen, dass das so ganz klassische Rollen von Männlichkeit und Weiblichkeit sind – also wirklich die Klassiker – , also für Männlichkeit eben Stärke, Dominanz und Durchsetzungskraft; und bei der Weiblichkeit das Empfangen und Annehmen. Wen Leute auf diesen Rollen hängenbleiben, macht es das Sexuelle Fühlen und Handeln eng. Das ist so schade, weil unser Horizont so weit sein könnte.

So krass wie es ist, aber das sind leider nochmal Klischees, mit denen wir es hier zu tun haben und Schönheitsideale und Rollenverhalten, das damit einhergeht. Wenn Menschen nicht lernen, dass das nur eine Möglichkeit ist von vielen, und diese Freiheit nicht erleben, dass die sich auch ganz anders verhalten können, als das gesellschaftlich vorgegeben ist, dann führt es meines Erachtens zu Leid, weil viele Persönlichkeitsanteile abgespalten werden. 

Ist Sexarbeit Heilarbeit?

Also für mich ist es das total. Das ist der Grund, warum ich das jetzt seit über 10 Jahren mache und wahrscheinlich auch noch meine nächsten 20 Jahre machen werde. Weil es tatsächlich Heilarbeit ist. Erstmal hab ich mich selbst auch viel in der Sexarbeit geheilt. Ich habe meine eigenen sexuellen Traumata auch in der Sexarbeit heilen können. Ich habe ganz viel von meinen Ängsten und von meinen Grenzen in der Sexarbeit bearbeitet, befragt, meine Möglichkeiten erweitert und das ist letztendlich auch das, was ich den Menschen eröffne, die bei mir sind. Bewusst seine eigenen Grenzen zu ertasten und zu verschieben, das kann heilsam sein, weil man sich stets neuen Raum (zurück-) erobert.

Ich glaube, was auch sehr viel Stress im Sex erzeugt, sind die Vorstellungen davon, wie etwas zu sein hat: wie geil es sein muss oder wie heiß, oder wie gut man dabei aussehen muss, wie atemberaubend man jemand rumgekriegt hat, wie toll ein Orgasmus war. Das führt meistens zu Leiden und es ist sehr erlösend, wenn man sich darauf einlässt, was eigentlich wirklich da ist und das dann auch fühlt.

Gegenüber der Sexarbeit gibt es unglaublich viele Vorurteile. Gehst du aktiv gegen Vorurteile vor, oder lässt du sie links liegen? 

Mein ganzer politischer Aktivismus geht ja darum, ein realistischeres Bild von Sexarbeit zu zeichnen und damit dem Stigma entgegenzuwirken. Wir in der Hurenbewegung wollen den Horrorszenarien, die medial immer wieder erzählt werden, ersetzen durch ein breiteres Verständnis von dem, was wir machen und was wir auch leisten für die Gesellschaft.

Sexarbeit gibt den Menschen die Möglichkeit sexuell zu sein, angenommen zu sein; sich damit wertgeschätzt zu fühlen. Das ist gross, und es passiert häufig nicht einmal in Beziehungen. Da wird unsere Arbeit einfach nicht wertgeschätzt! Stattdessen wird immer die Erzählung reproduziert von einer hilflosen Frau, die keine Kontrolle hat. Das entspricht nicht der Realität! 

Es stimmt, dass es Arbeitsplätze in der Sexarbeit gibt, die unbedingt verbessert werden müssen und Menschen unter Bedingungen arbeiten müssen unter denen ich nicht arbeiten könnte. Dafür braucht es wirklich Initiativen, auch finanziell, um Menschen in Notlagen zu helfen. Darum geht es aber gar nicht, politisch will man eigentlich die Abschaffung von Sexarbeit, so wird gerade der Diskurs geführt.

Die Art wie über Sexarbeit gesprochen wird, da steckt eben ein ganz großes Ressentiment, eine konservative Kraft, die zum Ziel hat, dass Sexualität ihren Platz hat unter dem Dach der heterosexuellen Zweierbeziehung. Das gilt es immer wieder auch zu benennen, dass es nicht um den Schutz von Menschen geht, wie es ja vorgegeben wird. In Wirklichkeit geht es darum, die sexuelle Moral aufrecht zu erhalten. 

Also haben die Vorurteile eine entmündigende Funktion?

Ja, weil wenn es wirklich um den Schutz von Sexarbeiter*innen ginge, würden völlig andere Maßnahmen getroffen werden. Alle Regelungen die in letzter Zeit eingeführt worden sind oder die diskutiert werden, führten zur Kontrolle, Repression und Gefährdung von Arbeitsplätzen der Sexarbeiter*innen. Keine trug zur Verbesserung unserer Lebens- und Arbeitsbedingungen bei. Es wird in der ganzen Debatte auch nicht mit uns gesprochen, sondern immer über uns und das ist eine so entmündigende Form, die unvergleichlich ist mit irgendeinem anderen Diskurs. 

Ist Sexarbeit dann feministisch? 

Also für mich ist Sexarbeit deswegen feministisch, weil es für mich wichtig ist, über meinen Körper frei entscheiden zu können, und auch über meine Sexualität frei entscheiden zu können. Das heißt, wenn ich Lust habe oder es für sinnvoll erachte oder aus anderen Gründen möchte, Sex mit unterschiedlichen Leuten zu haben und dafür Geld zu nehmen, dann möchte ich das tun können.

Wir haben eine jahrhundertealte Tradition der Unterdrückung insbesondere der weiblichen Sexualität. Die meisten sexualrepressiven Systeme haben auch was zu tun mit der Kontrolle weiblicher Sexualität. Das hängt zusammen mit Reproduktionspolitiken, mit Körperpolitiken und der Frage ob Frauen über ihren Körper selbst bestimmen können oder nicht. 

Diese weibliche Lust und das weibliche Begehren werden geleugnet. Diese Tradition möchte ich brechen und sozusagen das Stigma der Hure, worin auch immer das Stigma der sexuell aktiven Frau steckt. Und es ist für mich ein ur-feministisches Anliegen dieser lustvollen Frau Raum zu verschaffen, sie sichtbar zu machen, sie spürbar zu machen und sie zu leben. 

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