Sogenannte Raubverlage veröffentlichen Studien, ohne diese auf wissenschaftliche Standards zu prüfen. Nach außen hin sind sie häufig kaum von seriösen Verlagen zu unterscheiden. Einige Lobbyverbände nutzen das für sich.

Wer online nach dem Verlag „Omics International” sucht, findet sich auf einer Seite mit wild blinkendem Logo wieder. Auf der Startseite kündigt sie an, mit über 1.000 wissenschaftlichen Organisationen zusammenzuarbeiten. Weiter unten sind Journale aus unterschiedlichen Disziplinen wie Medizin, Computertechnik und Politikwissenschaft verlinkt, daneben Erfahrungsberichte von Forscher*innen, die so schnell wechseln, dass sie kaum zu lesen sind. Verlage wie Omics gehören zu den sogenannten „Open-Acces”-Verlagen, die Publikationen und Forschungsergebnisse kostenlos zugänglich machen. Wissenschaftliches Material frei zur Verfügung zu stellen, ist kein grundsätzliches Problem.

Ein Recherchekollektiv von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung konnte im vergangenen Jahr allerdings zeigen, dass viele dieser Verlage Studien publizieren, ohne diese auf wissenschaftliche Standards zu prüfen. So hatten die Journalistin Svea Eckert und ihr Kollege Peter Hornung ein Paper eingereicht, das aus computergenerierten, zusammenhangslosen Sätzen bestand, ebenso eine frei erfundene Studie, die beweisen sollte, dass Bienenwachs gegen Krebs helfe. Die Verlage meldeten sich mit Hinweisen zur Verbesserung zurück, beispielsweise fehlte eine Unterschrift unter einer Grafik. Nach Ausbesserung wurden beide Studien veröffentlicht.

Raubverlage: Alternative zu aufwendigen Prüfverfahren

Normalerweise durchlaufen Studien mehrere Verfahren, bevor sie durch einen Verlag publiziert werden. Die gängigste Methode ist dabei das sogenannte Peer-Review-Verfahren, bei dem eine Studie von Peers (dt. Kolleg*innen), also anderen Wissenschaftler*innen aus demselben Fachbereich, geprüft wird. Gegebenenfalls werden die Studien zur Überarbeitung an die Autor*innen zurückgesandt und dann erneut geprüft. Bis zur Veröffentlichung dauert es dadurch manchmal mehrere Jahre.

Wer dieses aufwendige Verfahren umgehen möchte, findet in Open-Access-Verlagen eine unkomplizierte und kostengünstige Alternative. Nicht alle Open-Access-Verlage sind gleichzeitig Raubverlage, also Verlage, die keinerlei Prüfung der Veröffentlichungen auf wissenschaftliche Standards vornehmen. Allerdings habe die Zahl der Veröffentlichungen in Raubverlagen laut NDR-Recherche deutlich zugenommen.

Mehr als 5.000 Wissenschaftler*innen sollen demnach in Deutschland innerhalb der letzten zehn Jahre bei einem solchen Raubverlag veröffentlicht haben. Dennoch warnen einige Forscher*innen davor, die Lage zu überdramatisieren. Die Zahl 5000 klinge nach einem Skandal. Dass dadurch aber auf unlauterem Wege Ruhm und Ehre in der Wissenschaft zu erreichen sei, entspräche nicht den Tatsachen. Es seien meist nur eine Handvoll Verlage, in denen die Publikation in der Branche wirklich etwas zähle, erklärt so beispielsweise Thomas Beschorner, Professor für Wirtschaftsethik, im Juli 2018 in der ZEIT.

Auch der Ausdruck „Fake Science”, den das Rechercheteam ins Leben gerufen hatte, vermittle ein falsches Bild: „Die Verwendung des von US-Präsident Donald Trump eingeführten Propagandabegriffs Fake im Zusammenhang mit den Wissenschaften ist ein gefährlicher sprachlicher Missgriff, erweckt er doch den Anschein, als würde sich Wissenschaft stets irgendetwas ungeprüft ausdenken, um es anschließend in die Welt zu posaunen”, schreibt Thomas Beschorner, Professor für Wirtschaftsethik, im Juli 2018 in der ZEIT.

Raubverlage: Nutzung durch Lobbyverbände

Auf ein anderes Problem wies die Journalistin Svea Eckert auf der re:publica 2019 hin: Es gebe viele Lobbyverbände, die die Raubverlage nutzten, um dort Studien zu veröffentlichten, die die eigene Position untermauern. Diese Studien werden dann als Argument in den Gesetzgebungsprozess eingebracht, um diesem den Anschein von Wissenschaftlichkeit zu verleihen. Als Beispiel nennt Eckert Studien der Tabak- und Zuckerindustrie.

Allerdings ergaben die Recherchen auch, dass der Anteil der Lobbyist*innen, die in pseudowissenschaftlichen Verlagen publiziert haben, im Vergleich zu Universitäten und Forschungseinrichtungen deutlich geringer ausfalle. Offenbar haben nicht alle Forscher*innen, die in Raubverlagen veröffentlichten, bewusst getäuscht. Oft sei es kaum möglich, zwischen seriösen und pseudowissenschaftlichen Verlagen zu unterscheiden. Auch für Studierende und Forscher*innen, die sich auf fremde Forschungsergebnisse stützen und aus wissenschaftlichen Journalen zitieren, kann es schwierig sein, echte Studien von „Fake Science” zu unterscheiden.

Eckert rät dazu, sich anzuschauen, wo ein Verlag seinen Hauptsitz hat. Viele Raubverlage seien in Indien oder Pakistan angesiedelt. Zudem geben einige Forschungseinrichtungen sogenannte „white lists” heraus, auf denen seriöse Verlage gelistet sind, beziehungsweise „black lists” mit den Namen von bereits identifizierten scheinwissenschaftlichen Verlagen. Gegen Omics wurde 2016 ein Verfahren durch einen US-amerikanischen Gerichtshof eingeleitet. Im März 2019 wurde der Verlag wegen „irreführender Praktiken” zu einer Geldstrafe von 50 Millionen US-Dollar verurteilt.

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