Oxfam ist ein 1942 gegründeter internationaler Verband verschiedener Hilfs-  und Entwicklungsorganisationen. Er versucht unter anderem globale, nachhaltige Projekte in Bereichen der Bildung, Versorgung und Gesundheit umzusetzen. In den deutschlandweit 54 Oxfam-Läden werden Gebrauchtwaren verkauft, mit deren Erlösen sich die Organisation finanziert.

Im Interview spricht der Regionalleiter Nord und Ost für die Secondhandläden von Oxfam, Udo Rabenau, über die Dynamiken des Secondhand-Markts, die Idee Oxfams und die Zukunft von Secondhand.

UnAuf: Sehen Sie sich von der Professionalisierung und Kommerzialisierung des Secondhand-Markts, gerade in Anbetracht von Webseiten wie „ubup.com“, bedroht? 

Udo Rabenau: Vor einigen Jahren waren die Oxfam Shops – 54 gibt es in Deutschland zurzeit, verteilt auf 34 Städte – fast allein am Markt für gebrauchte Dinge. Wer seine aussortierten Kleidungsstücke nicht in einen Altkleidercontainer geben wollte, kam zu uns. In den vergangenen Jahren ist viel Bewegung in den Secondhand-Markt gekommen. Das freut uns erst einmal. Mode aus zweiter Hand hatte lange ein negatives Image, kam aus der Öko-Ecke. Das hat sich inzwischen total gedreht: Viele Menschen sind nachhaltiger unterwegs. Dadurch ist Secondhand präsenter, gesellschaftsfähiger geworden. Mit Online-Plattformen wie „Kleiderkreisel“ oder „ubup“  ist eine junge Zielgruppe in den Fokus des Secondhand-Marktes gerückt, mit maßgeschneiderten Angeboten für die internet-affine Generation. 

Solche Entwicklungen müssen wir bei den Oxfam Shops natürlich gut im Blick behalten – und der jüngeren Zielgruppe zeigen: „Hey, Oxfam Shops – die gibt’s auch!“ Denn wir möchten diese Kund*innen natürlich auch in unseren Geschäften sehen. Deshalb müssen wir ihnen zum Beispiel über Social Media erklären, warum die Oxfam Shops Secondhand-Läden mit einem coolen Konzept sind; dass es sich lohnt, bei uns vorbeizuschauen: Bei uns wird Überflüssiges flüssig gemacht – für einen guten Zweck!

Oxfam, das sind nämlich nicht die mit den Shops für Secondhand-Artikel. Oxfam Deutschland ist ein politisch tätiger Verein, der sich für das Ziel einer gerechten Welt ohne Armut einsetzt. Die Shops sind Teil der Finanzierung und außerdem ein niedrigschwelliges Angebot, mit Oxfam in Berührung zu kommen. Oder mitzumachen: Egal, ob du von irgendetwas zu viel hast, das du weggeben möchtest, ob du Zeit spenden und Skills im Einzelhandel lernen willst oder ob du einfach in Shopping-Laune bist: In den Oxfam Shops kannst du all diese Dinge tun – und damit gleichzeitig etwas ganz Tolles zu unterstützen. 

Das ist ein einzigartig. Die Waren in unseren Läden sind Sachspenden – wir nehmen gut erhaltene, gebrauchte Dinge an: Mode, Accessoires, Bücher, CDs, DVDs, Deko-Artikel oder Haushaltswaren. In den Shops arbeiten ausschließlich ehrenamtliche Mitarbeiter*innen, die uns ihre Zeit schenken. Und Kund*innen finden in den Oxfam Shops nicht nur tolle Sachen, die Gewinne kommen der Arbeit von Oxfam Deutschland zugute: Das Geld fließt in Nothilfe, Entwicklungsprojekte und Kampagnen. Das ist der Mehrwert des Shoppens bei Oxfam.  

Worin sehen Sie noch den Vorteil in Ladengeschäften und nicht etwa online, mit kostenlosen Retouren, Secondhand zu kaufen?

Ich glaube, dass der stationäre Handel trotz des starken Onlineangebots weiter eine Rolle spielen wird. Den Shoppingbummel schätzen viele als Einkaufs-Erlebnis – und er bietet die Möglichkeit, die Sachen vorm Kauf anzuprobieren, so dass Retouren zum Beispiel gar nicht nötig sind. Das allein ist ein wichtiger Beitrag zu nachhaltigerem Konsum und zur Müllvermeidung: Viele zurückgesendete Waren landen nicht wieder im Verkauf, sondern auf dem Müll. Unbenutzt oder ungetragen!

Ich hoffe, dass durch die „Fridays for Future“-Bewegung und womöglich sogar durch den Corona-Virus ins Bewusstsein gerät: Globalisierung ist eine Chance, aber auch ein Risiko – mit gravierenden Nebenwirkungen für Mensch und Natur. Wenn wir das bedenken, wenn wir ein spottbilliges Produkt kaufen wollen, das irgendwo unter prekären Verhältnissen produziert worden ist, und uns dann lieber doch für das schicke Secondhandteil aus dem Oxfam Shop um die Ecke entscheiden, geht es in eine gute Richtung. 

Die Oxfam Shops haben einen wichtigen USP – also ein Alleinstellungsmerkmal –, der sie von Internetanbietern unterscheidet: In den Oxfam Shops kaufen die Kund*innen im Kiez vom Kiez. Die gespendeten Artikel kommen aus dem Umfeld des Ladens – und die Kund*innen stammen oft ebenfalls aus der Umgebung. Die Menschen in unseren Läden sind außerdem Teil einer Community, die sich mit Oxfams Arbeit und Zielen identifiziert. Dafür sind die Shops Dreh- und Angelpunkt: Sie sind Oxfam zum Anfassen!

Sie sagen, dass sie den Vorteil ihrer Geschäfte darin sehen, dass sie zum Kiez, zur  Community gehören, die schon nachhaltig denkt, die auch will, dass die Gelder in entsprechende Hilfsprojekte gehen. Was ist allerdings mit solchen Playern, die gebrauchte Kleidung auf professionelle, einheitliche Art und Weise präsentieren und weit über Ebay-artigen Privatverkauf hinausgehen? Sind die nicht ein ganz neues Level an Konkurrenz? 

Absolut – das sind ernstzunehmende Mitbewerber. Die Händler, die Sie ansprechen, haben die Möglichkeit, sehr zeitgeistige Sachen zu vermarkten. Sie bieten angesagte Streetwear oder Designersachen an – die alten, coolen Adidas-Jacken oder die tollen Nike Air-Superturnschuhe. Solche High End-Artikel kommen in den Oxfam Shops unter Umständen gar nicht an. 

Regionalleiter Udo Rabenau. Foto: iKlick Fotostudio Oxfam

Dass es Mitbewerber gibt, werte ich positiv. Es schenkt Secondhand und der Idee, bewusster und nachhaltiger zu konsumieren, insgesamt mehr Aufmerksamkeit. Für Oxfams politische Idee ist das super. Solche Anbieter werden außerdem nie 100 Prozent des Markts abdecken können. Am Schluss komme ich trotzdem morgens auf dem Weg zum Bäcker oder zur Uni an meinem Hamburger, Berliner oder Münsteraner Oxfam Shop vorbei und denke vielleicht: „Was ist denn das für ´ne coole Jacke, die die da rumhängen haben?“ 

Das gilt es wohl zu hoffen. Also, denken Sie, dass trotz aufkeimender Bewegungen des großen Markts, Ihnen die Kunden nicht wegbrechen werden, Sie weiter wachsen werden, weil die Leute bei Ihnen ohnehin zum größten Teil aus diesen Gründen der Wohltätigkeit und Nachhaltigkeit einkaufen. Ist das richtig? 

Ja. Ich gehe davon aus, dass weiterhin viele Menschen bei Oxfam einkaufen – und den Shops ihre gebrauchten Dinge spenden. Unser Plus sind die Regionalität, der gute Zweck hinter den Shops – und unsere hohen Standards bei der Auswahl der Secondhandartikel. Unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen nehmen nur wirklich gut Erhaltenes an. Artikel, an denen auch die neuen Besitzer*innen lange Freude haben können. 

Nehmen wir den Textilmarkt: Der Überschuss an Kleidungsstücken ist immens. Jedes Jahr werden 100 Milliarden neue Klamotten hergestellt. Wohin damit? Laut einer Studie von Greenpeace aus dem Jahr 2015 besitzen erwachsene Deutsche im Durchschnitt 95 Kleidungsstücke – insgesamt sind das 5,2 Milliarden. Jedes fünfte Teil – eine Milliarde – wird aber so gut wie nie getragen, eine weitere Milliarde nur selten aus dem Schrank geholt. Das sind zusammen knapp 40 Prozent aller Hosen, Röcke, Shirts und Hemden der Deutschen – und von denen trennen sich die Menschen meist schnell wieder: Fast jeder Zweite hat angegeben, in den letzten 6 Monaten Kleidung weggeworfen zu haben.

Das Ex und hopp in der Mode mag an der sogenannten Fast fashion liegen: Klamotten werden immer schneller produziert – und immer billiger. Darunter leidet die Qualität: T-Shirts sind oft nach ein paar Wäschen durch. Sie landen auf dem Müll. Mit solcher Ware kann ein Online-Händler für Secondhand nicht viel anfangen. In Oxfam Shops finden Sie so was erst recht nicht.  

Die Gegenbewegung ist, sich bewusst für Artikel aus zweiter Hand zu entscheiden: Kleidertausch ist laut Greenpeace bereits bei etwa einem Viertel der 18- bis 29-Jährigen beliebt. Und genau die sind vielleicht auch aufgeschlossen, die Oxfam Shops für sich zu entdecken. So könnten wir künftig auch andere Zielgruppen erreichen.

Das heißt, es ist auch geplant die Shops noch jünger zu gestalten? 

Wir haben unglaublich treue Stammspender*innen und Stammkund*innen.  Sie haben die Oxfam Shops als gute Einkaufsmöglichkeit mit einer guten Idee erkannt und fühlen sich bei uns aufgehoben. Sie bleiben daher oft sehr lange an unserer Seite. Das gilt für die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen der Shops genauso: Viele Freiwillige sind seit der Filialeröffnung dabei – zehn, 15 oder mehr Jahre. Diese enge Bindung finde ich total irre. Nur darf das nicht zum Stillstand führen.

Wir sind seit einiger Zeit auf dem Weg, frischer und moderner zu werden: In der Bergmannstraße in Kreuzberg haben wir vor anderthalb Jahren einen ansprechenden und repräsentativen Shop eröffnet: Er ist hell, offen und großzügig. Er hat inhaltlich zwar keine andere Ware, aber Mode, Bücher und Haushaltswaren wirken dort anders als in unseren Standard-Shops. Ähnlich frisch und jung sieht es im Oxfam Shop MOVE, in dem auch Events wie Modenschauen aus Upcycling-Mode stattfinden, und bei Oxfam in Potsdam und München-Pasing aus. Dort haben wir die neue Ladenbauidee schon umgesetzt – mit Bezug zu Oxfams Arbeit und dem Nachhaltigkeitsgedanken: Die Kleiderständer sind aus Wasserrohren, die auch in Projekten im Globalen Süden verwendet werden; die Bügel sind aus Altplastik und Gras. Toll, oder? Diese Shops kommen gut an – bei Älteren und Jüngeren.

Wenn wir aber hoffentlich auf so eine Zukunft zusteuern, in der wir erstmal weniger produzieren und hochwertiger. Wenn ich sage: „Nach zwei Monaten ist dieser Pulli nicht mehr für mich, der könnte aber noch jemanden gefallen und ist im Super-Zustand.“ Glauben Sie, wir können da zu einem Punkt kommen, an dem der Großteil der Secondhand-Ware für einen guten Zweck verkauft wird? 

Das hoffe ich. Konsumgüter und Mode sollten nicht zu Wegwerfware werden. In die Herstellung fließen so viele Ressourcen – allein die Produktion einer Jeans verbraucht 7.000 Liter Wasser. Und erst die CO2-Emissionen der Modeindustrie … Unser Klamottenrausch ist nicht nur unter Umweltgesichtspunkten eine „Naturkatastrophe“. Die Menschen in den Textilfabriken zahlen ebenfalls ihren Preis dafür: Die Arbeitsbedingungen sind prekär und gehen durch den Einsatz von giftigen Chemikalien extrem auf die Gesundheit. Die Produkte sind also der Wertschätzung wert. Wenn sie mir selbst nicht mehr gefallen, aber noch intakt sind, sind sie in zweiter Hand sehr gut aufgehoben – besser als auf dem Müll. Und wenn dann noch ein wohltätiger Gedanke daran hängt: umso besser.

An diesem Bewusstsein hat sich in den letzten Jahren schon viel verändert, wenn auch noch nicht genug. Aber wenn ich mir heute die Bio-Supermarktketten und ihr flächendeckendes Netz an Filialen anschaue, dann sehe ich: He, da ist Bewegung im Spiel! Gesunde Nahrungsmittel zu kaufen – das entstammt einer Nische, der Reformhaus-Idee. Ich kann mich noch erinnern, dass in den 1980er-Jahren jemand, der oder die sich gesund ernährt hat, als „Körnerfresser“ schräg angesehen wurde. Das war negativ besetzt. Heute ist es hip, seinen Bioschrot zu kaufen und das Brot selbst zu backen. Und auf die Stulle kommt vielleicht der Honig, dessen Erlös zum Teil an ein wohltätiges Projekt in Zentralafrika geht. 

Stimmt, das ist natürlich auf ähnliche Weise wie ihr Konzept legitim. Weil es eben auch auf Nachhaltigkeit abzielt und auf Fürsorge für Mitmenschen. 

Genau – und ich glaube, dass sich ein solches Bewusstsein auch im Secondhand-Bereich durchsetzen kann. Es  kann genauso hip sein, gebrauchte Dinge an die Oxfam Shops zu geben oder sie dort zu kaufen. In Großbritannien ist das zum Beispiel viel selbstverständlicher: 1947 wurde in Oxford der erste Oxfam Shop gegründet. Er existiert heute noch – und es sind an die 600 Läden hinzugekommen. Allein im Vereinten Königreich.

In Deutschland sind es immerhin 54 Läden – und im Lauf des Jahres 2020 wollen wir einen 55. in Berlin-Weißensee eröffnen. Das ist für 80 Millionen Menschen wenig und noch längst nicht flächendeckend. Aber wenn sich Secondhand als Idee stärker durchsetzt, wird sich auch der Markt vergrößern – ähnlich wie bei den Bio-Supermärkten. Ich kann mir vorstellen, dass es dann nicht nur die Oxfam Shops gibt, sondern vielleicht sogar „Icon-Shops“  bestimmter Marken, die dort ihre eigenen, gebrauchten Produkte verkaufen. 

Das ist natürlich ein totales Schlaraffenland. Einmal produziert, zweimal verkauft. 

Das wär´s, oder? Die Oxfam Shops werden auf jeden Fall weiter machen und auch weiter wachsen – nach der Pandemie. 

Kommen wir zur Krise. Wie steht es da gerade um Ihre Geschäfte?

Oxfam Deutschland hat die Situation von Beginn an genau beobachtet – wir haben aus der Nothilfe und der Entwicklungsarbeit viel Erfahrung bei der Bekämpfung von Epidemien und Krankheiten. Viele unsere Ehrenamtlichen, die in den Shops arbeiten, sind 60 Jahre und älter. Damit zählen sie zur Risikogruppe. Die Verantwortung unseren Freiwilligen gegenüber nehmen wir sehr ernst; ihr Schutz ist uns wichtig. Deshalb haben wir uns entschieden, alle Secondhand-Läden vom 16. März an bis auf weiteres zu schließen – bevor der bundesweite Lockdown kam. 

Wie ist jetzt die Situation? Die Oxfam Shops sind gemeinnützig, aber dennoch  Wirtschaftsunternehmen. Die Läden sind eine wichtige Einnahmequelle für Gelder, die Oxfam Deutschland in seiner Arbeit einsetzt. Das fehlt nun. Erst einmal konnten wir das abfedern. Auf Dauer ginge das nicht: Die Mieten für die Filialen zum Beispiel laufen ja weiter. 

Aber es mussten jetzt noch nicht unmittelbar staatliche Hilfen in Anspruch genommen werden? 

Nein, das ist bislang nicht passiert. Und wenn jetzt in Kürze Lockerungen erfolgen, ist das vielleicht auch nicht notwendig. Dann schaffen wir das. Vor einem Problem stehen wir allerdings: Wie gesagt zählen viele freiwillige Shop-Mitarbeiter*innen aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe. Und die Pandemie ist noch längst nicht vorbei. Wir möchten die Ehrenamtlichen weiterhin schützen – und stellen es deshalb jeder und jedem frei, ob er oder sie seine Arbeit bald wieder aufnimmt oder weiter pausiert. Das bedeutet aber auch, dass uns Personal fehlen wird. Damit die Wiedereröffnung der Oxfam Shops ab Anfang Mai nicht daran scheitert, hoffen wir, dass jetzt viele Menschen, die nicht zu einer COVID-19-Risikogruppe gehören, Lust haben, für ein paar Wochen oder Monate unsere Teams ehrenamtlich zu unterstützen. Drei bis fünf Stunden pro Woche könnten sie hinter der Kasse stehen, Spenden annehmen –  und sich „nebenbei“ für eine gute Sache engagieren.  

Der Spiegel schrieb kürzlich, Amazon lege derzeit „den Grundstein […] dauerhaft systemrelevant zu werden“. Kunden sind dazu gezwungen vieles online zu kaufen oder gar nicht. Sie sagen, sie sind fest im Kiez verankert. Sehen Sie sich deshalb dahingehend sicher, dass die Kunden wieder zurückkehren?

Absolut – wie gesagt: Wir haben viel Stammkund*innen und sprechen zusätzlich neue Zielgruppen an. Außerdem glaube ich, dass Online nie ohne Offline funktionieren wird. Es gibt bestimmt Menschen, die fast alles über das Internet kaufen. Aber selbst die brauchen manchmal einen „touchpoint“, eine Interaktion. Ich selbst nutze für mich auch alle Einkaufsmöglichkeiten, aber ich liebe das Analoge und nachhaltige Konzepte wie das der Oxfam Shops. Ich glaube, dass es nicht nur mir so geht, sondern dass etliche Menschen so etwas wollen und in Zukunft gezielt danach suchen.

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