Home Politik Ein Besuch bei „Anne Will“: Unbehaglich-Sitzend über Corona diskutieren

Ein Besuch bei „Anne Will“: Unbehaglich-Sitzend über Corona diskutieren

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Für Zuschauer*innen dauert eine Talkshow nicht nur rund eine Stunde. Photo by Scheier.hr/ Unsplash
Für Zuschauer*innen dauert eine Talkshow nicht nur rund eine Stunde. Photo by Scheier.hr/ Unsplash

Ernst solle man gucken und immer schön konzentriert, sodass die Zuschauer*innen zuhause denken: „Die sind aber alle unglaublich schlau, da im Publikum.“ So in etwa das Briefing des Produktionsleiters, bei einer Live-Aufzeichnung vom Talkformat „Anne Will“ zum Thema Corona. Doch vorerst begrüßt im verschlafend-anmutenden Adlershof eine kleine Schlange, wie bei einem der ruhigsten Konzerte aller Zeiten – Industrielles Feeling des Veranstaltungsorts inklusive.

Es mutet bereits komisch an, wenn man die Tickets bucht. Neben „The Voice of Germany“ und der neusten Show von Mario Barth, finden sich eben solche für die politische, öffentlich-rechtliche Talkshow „Anne Will“. Der spießige Flair einer solchen Sendung lässt sich, auch in Anbetracht ihres umstrittenen Beitrags zur Debattenkultur des Landes, wohl nicht gänzlich zerstören. Das Format bietet für so viele Schlagzeilen und zu so viel Diskurs Anlass, wie der Bundestag scheinbar nur selten.

Dennoch vergrößert sich die Absurdität von „Anne Will“, wenn man realisiert, dass Spitzenpolitiker*innen, ein Markus Söder, eine AKK, zum Diskutieren erst einmal aus Berlin-Mitte herausfahren: Zu den Studiokomplexen in Berlin-Adlershof. Keine Frage, mit der S-Bahn sind sie gut zu erreichen. Doch daran, dass sich ein Söder in die Öffis setzt lässt, sich zweifeln. Eine gemütliche Fahrt in die Randbezirke steht also für alle Teilnehmer der Sendung an, ob Publikum oder Gast: Wie aber ist es, ein Teil der brav klatschenden Masse, bei „Anne Will”, zu sein? Wie läuft das ab? 

Ein unnötig geräumiges, überwiegend leeres Foyer erwartet mich und meine Freunde. Eine kostenlose Saftschorle vor Beginn könnte dazu gedacht sein, uns von einer übergroß-anmutenden Datenabfrage seitens der Veranstalter*innen abzulenken. Bei „Maybritt Illner” sollen – nebenbei bemerkt – Sekt und Wein drin sein. Da Handyklingeln im Live-Fernsehen wohl sogar noch weniger hermacht als an Weihnachten in der Kirche, wandern diese mit den Jacken für einige Zeit in die Garderobe.

Beim ersten Anblick des spießigen Sets, das sich wie in Hollywood, hinter einer Holzrückseite auftut, sind die Handys aber schnell in Vergessenheit geraten. So einnehmend ist diese sonderbare, bestausgeleuchteste Fläche, die der Betrachter je wird sehen können. Die bekannten edlen Holzvertäfelungen, die gedeckt weißen Sessel und bewusst breitflächig abgerundeten Kanten. Wir Zuschauer*innen werden geleitet, wie im Flieger, dirigiert und gesetzt, sodass ja keine Lücke bleibt. Kurzzeitig rutschen wir dafür verwirrt hin und her. 

Der Produktionsleiter als Publikumsanheizer

Vom Rang aus ist nun ein Fotogewitter zu sehen. Drei Fotographen bemühen sich unbeirrt und mit dem Eifer von Paparazzis am roten Teppich, einen Gast nach dem anderen richtig in Szene zu setzen. Diese sitzen ernst und teils angestrengt würdevoll auf den Designerpolstern. Ein Spiel, das sich mit jedem Gast wiederholt. Besonders witzig wird dieser Anblick, als sich ein Mann, augenscheinlich der Produktionsleiter, in Anne Wills mittleren Sessel fläzt.

Er ist auf den Bildern natürlich keinesfalls zu sehen, sondern dient lediglich als Counterpart, damit die abgelichteten Stars der Sendung jemanden zum Zureden haben und das alles auch aussieht, wie während der Sendung. Wieso ein Fotograph nicht ausgereicht hat, bleibt uns bis zum Ende schleierhaft. Aber die ARD hat das Geld ja locker. 

Als die Shootings sich dem Ende zuneigen, das Publikum aber realisiert, dass es noch ganz schön lange bis zum Sendungsbeginn ist, hüpft uns der Produktionsleiter entgegen und nimmt plötzlich die Rolle des Publikumanheizers an. Es erscheint zu offensichtlich, dass dieser Herr, schmierig und sich zu Unrecht in seinem Element fühlend, Stand Up-Comedy wohl seinem derzeitigen Beruf vorgezogen hätte. Unnachgiebig hakt er auf einer traurig dreinblickenden Zuschauerin rum, sagt, „Ich habe Sie im Auge“, und kehrt immer wieder zu ihr zurück. 

Das was mit Sicherheit Comedy erster Güteklasse sein soll, hätte wohl lieber gelassen werden können. Das Publikum, um mich herum, scheint insgesamt etwas verdutzt, ob seiner veralteten komödiantischen Methoden. Doch, bevor er die vom Team als Superstar gefeierte Moderatorin Anne Will anmoderiert, stellt er eines noch in aller Richtigkeit fest: Zum Programm des heutigen Abends habe er nicht genügend Applaus bekommen. Er wisse aber auch, man freue sich über das Thema des Abends.

Damit hat er das Publikum dann auch: Peinlich berührt, gestand sich ein jeder sicherlich ein: Man hätte doch schon gerne Spitzenpolitiker*innen und stehende Luft zu Gesicht bekommen. Stattdessen gibt es aber nun eben ein Virus, das uns fortwährend an ein Absatz einbüßendes Bier erinnert und einen NRW-Gesundheitsminister. Na gut, man kann eben nicht alles haben. 

Selbst Anne Will wirkt angespannt

Immerhin ist Anne Will auch zugegen. Läuft professionell-anmutend, aber mit einer Gelassenheit wie in Schlafanzughose, auf das edle Parkett und fragt das Publikum auch schon rasch: „Haben Sie Angst?“. Nur in so einem journalistischen Ton, dass man sich auch gleich schon wieder verstanden und getröstet fühlt. Die Reaktionen sind also verhalten – „Dachten sie sich, soll ich hier heute Abend überhaupt herkommen?” – aber ein Arm geht nach oben. Furcht sei dagewesen, aber die Show sei dann eben doch interessanter. 

Ist sie es denn auch? Nun, was inhaltlich gesagt wurde, das kann der geneigte Leser natürlich einfach in der Mediathek nachschauen. Nonverbale Kommunikationen des Befindens innerhalb der Sendung ist allerdings auch durchaus spannend. Das Augenmerk sei gelenkt auf einen Anblick, der beim bloßen Herabblicken vom Rang der Zuschauer*innen – also ohne Kamerafahrten – noch viel deutlicher wird: Wie die Gäste sitzen, wie sie sich zu fühlen scheinen.

Diesmal sind es namentlich Ranga Yogeshwar (Moderator von Wissenschaftssendungen), Susanne Herold (Virologin), Sibylle Katzenstein (Allgemeinmedizinerin), Marcel Fratzscher (Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)) und Karl-Josef Laumann (Gesundheitsminister in NRW). 

Yogeshwar ist während der Aufzeichnung, in der sozialen Situation Diskussionsrunde, einer der sich wirklich breit macht. Verblüffenderweise sieht er dabei immer noch schlank und wie ein Health-Coach aus, wenn er sich scheinbar gezielt so weit vorlehnt, dass er Frau Herold verdeckt, die im Studio hinter ihm sitzt. Ein Kameramann, der die Kamera tatsächlich trägt und der Sendung ihren cinematischen Look gibt, muss deshalb einmal rasch zu Herold flitzen. Da Yogeshwar schlecht während der Sendung darauf hinzuweisen ist, dass er doch bitte Platz für die Totale machen solle. 

Eintrittskarte für Anne Will
Wie im Kino: So sieht eine Eintrittskarte für die Talkshow „Anne Will” aus. Foto: Marvin-Berfo Günyel

Die Virologin sitzt auch immerhin als einzige in der Runde wirklich mit einem entspannten Anschein. Selbst Anne Will wirkt, nunmehr live auf Sendung, im Vergleich zur Ansprache ohne Kameras durchaus angespannt. Sie weiß, wohlmöglich gerade wegen dieser Anspannung, aber auch mit messerscharfer Präzision, die das Publikum teils zum Lachen bringt, eine Frage zu platzieren.

Einspieler als Verschnaufpause für das Publikum 

Als sie bei NRW-Gesundheitsminister Laumann nachhakt, ob seine „Empfehlung“ an sein Bundesland, keine Veranstaltungen über 1000 Leute mehr stattfinden zu lassen, nicht letztendlich eine Anordnung sei und er sich doch tatsächlich dazu verleiten lässt dies zu sagen, bricht breites Lachen aus: Enttäuscht stelle ich im Nachhinein fest, dass, auch wenn man uns ausdrücklich die Freiheit zu ehrlicher Reaktion gegeben hat, das Lachen zugunsten der Ernsthaftigkeit der Sendung nicht zu hören ist.

Was für ein Trauerspiel. Umso witziger wird das Ganze nämlich, wenn man dauerhaft Herrn Laumanns Haltung sehen durfte. Mit überkreuzten Beinen, offensichtlich mehr als unbehaglich sitzt er da. Die Schweißperlen muss man sich nur noch hinzudenken.

Der Präsident des DIW und die Allgemeinmedizinerin erscheinen jedoch geeint. Seite an Seite strahlen sie aus, „Ich sitze so wie man es mir im Rhetorik-Seminar beigebracht hat, kriege es aber wegen den Kameras nicht ganz auf die Reihe“.

Die Einspieler zwischendrin verschaffen dem Publikum eine Verschnaufpause. Kaum wird zugehört. Man streckt und reckt sich, hüstelt, getuschelt wird von einigen auch wohlgemerkt während der Sendung. Schließlich ist es dann doch anstrengend der Aufforderung zu folgen, ernst zu gucken und immer so schön konzentriert, dass die Zuschauer*innen zuhause denken: „Die sind aber alle unglaublich schlau, da im Publikum“. 

Bevor ich es wahrhaben kann, ist die Sendung abmoderiert. Die Rücken meiner Begleitungen schmerzen, wegen der wirklich ungemütlichen Sitze und nur noch ein Kameramann verbleibt am Set. Rennt für die markante Endeinstellung einmal um das Publikum herum, wie ein frohlockendes Kind im Blumenbeet. Würde doch jede Talkshow im deutschen Fernsehen so froh stimmen wie diesen Kameramann seine Arbeit. Antun kann man sich so eine Aufzeichnung von „Anne Will“ jedoch allemal. Aber vorerst mahnt Will, mütterlich wie die Kanzlerin: „Bleiben Sie gesund!“.