In den letzten Semestern meines Studiums habe ich endlos viele Klausuren geschrieben – und nicht alle davon waren eine Glanzleistung. Wenn ich eine Prüfung mal wieder ordentlich in den Sand gesetzt habe, steht Frust-Shopping an. Bei manch einem mag es Wunder wirken, sich auf dem Laufband oder beim Kickboxen abzureagieren, ich schmücke mich lieber mit hübschen Klamotten und ignoriere, dass mir das beim Abschluss meines Studiums auch nicht hilft. Früher bin ich vom Prüfungsraum direkt in die Friedrichstraße zu Zara, H&M und Co. gegangen. Dort habe mir aus der ohnehin schon komischen Stimmung heraus noch komischere Kleidungsstücke von der Stange gekauft und es meist kurz später bereut. Heute lege ich nicht mehr viel Wert auf schlecht verarbeitete Wegwerf-Mode, die nach einer Saison selbst auf dem Flohmarkt kein Mensch mehr kaufen würde. Ebenso wenig möchte ich Modeketten unterstützen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen produzieren lassen.

Da unserer Zeit die Ideen zu neuen Modetrends ausgegangen sind, würfeln wir jetzt Trainigsjacken aus den 80ern zusammen mit Plateau-Sneakers aus den 90ern und kombinieren diese mit Schlaghosen aus den 70ern. Was also liegt näher, als zum Second-Hand-Laden gehen, anstatt billige Imitate zu kaufen? Den Kleidungsstücken wird ein zweites Leben gegeben und man hat die Chance auf Klamotten und Accessoires, mit denen man sogar in der Weserstraße neidische Blicke erntet.

Also verschlug es mich zum Ende der Klausurenphase in einen Second-Hand-Laden. Das Fälligkeitsdatum des Semester-Beitrags war mal wieder überraschend früh gekommen, aber dort sollte ich für meine letzten 20 Euro ein paar trendige Schnäppchen erwerben können. So dachte ich zumindest. Mein Lieblings-Second-Hand-Laden, der jahrelang eine schmuddelige Fabriketage in einem Hinterhof mietete und Klamotten zu einem Kilopreis von 17 Euro anbot, war allerdings einem hippen Vintage-„Concept-Store“ gewichen. Statt bunt zusammengewürfelten Kleiderstangen und geordnetem Chaos hängen nun alte Weinkisten als Regale an den Wänden und die Kasse ist aus Euro-Paletten gebaut. Auch der Kundenstamm hat sich verändert. Früher kauften hier Tante Emma und Otto Normalverbraucher ein. Jetzt schieben sich durch den Laden ein Dutzend Hipster, die ihre neu erstandenen „Schnäppchen“ wahrscheinlich später – während sie bei Mustafas Gemüsekebap anstehen – auf Instagram mit den Hashtags #vintage #retro #fashiongoals posten werden.

Ich selbst finde schnell ein paar luftige Sommerhemden. Als ich eines auf die Waage lege, stellt sich heraus, dass dieser Hauch von nichts 22 Euro kosten soll. Ich rüttle an der Waage und frage dann eine Mitarbeiterin, ob sie kaputt ist. Leider verneint sie.

Geniales „Konzept“: Hänge ein paar Paletten an die Wand und verfünffache die Preise. Ein Kilo Bluse kostet jetzt nämlich 95 Euro. Aus dem Frust darüber hätte am liebsten den ganzen Laden leer gekauft. Stattdessen entscheide ich mich, diesen Schwachsinn nicht zu unterstützen, und schreibe die erste Beschwerdemail meines Lebens. Der Sinn von Second-Hand ist neben Nachhaltigkeit auch die Erschwinglichkeit. Nicht umsonst nennt man Berlin „arm aber sexy“. Doch seitdem Berlin als Techno-Metropole und Hipster-Hotspot immer beliebter für Expats und Mode Blogger aus der ganzen Welt wird, macht sich das auch in den Preisen bemerkbar. Das Konzept von Second-Hand für kommerzielle Zwecke zu missbrauchen, nutzt die hohe Zahlungsbereitschaft von Touristen aus und verdrängt lokale Kundschaft. Auch in meinem Kiez gibt es immer mehr überteuerte Schnick-Schnack-Läden und letztens musste ein uriges Café für ein Balzac weichen. Hätte der Concept-Store nicht eine Ladenfläche an der Weinmeisterstraße mieten können? Für das post-gentrifizierte Berlin-Mitte kommt ohnehin jede Beschwerdemail zu spät.

 

 

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