Zentralflughafen THF – Zwei Welten bekommen Risse

Der Flughafen – Ein Ort der Durchreise, das Tor zur Welt, zu Orten weit weg von Zuhause. Der ehemalige „Zentralflughafen“ Berlin Tempelhof beherbergt seit Herbst 2015 Menschen, die ebenfalls fern von ihrer Heimat sind. Für die 2000 Geflüchteten sollte die Unterbringung im Hangar nur eine Übergangslösung sein. Mittlerweile ist daraus jedoch mehr geworden: Ein Warteraum in dem man eigentlich nicht ankommen möchte, weil man eh bald wieder geht. Eine Zwischenstation auf einer Reise in eine ungewisse Zukunft. Vor allem aber ist der Flughafen absurderweise mittlerweile doch weitaus mehr Zuhause als er jemals werden sollte.

Der Flughafen Berlin Tempelhof zeichnet sich im Vergleich zu anderen Bauwerken seiner Art durch eine äußerst bewegte und wechselhafte Geschichte aus: Zur Zeit des Nationalsozialismus entwirft Architekt und NSDAP-Mitglied Ernst Sagebiel das damals größte Gebäude der Welt. 1948 wird der Flughafen als Berliner Luftbrücke zum Freiheitssymbol. Erst in den Folgejahren kann der reguläre Flugbetrieb inmitten der Millionenstadt aufgenommen werden. 2008 kommt es in Folge eines Volksentscheides zur endgültigen Schließung des Flughafens, der seither als größte Freifläche Berlins eines der beliebtesten Ausflugsziele der Einwohner geworden ist.

Der Dokumentarfilm Zentralflughafen THF der Sektion Panorama beleuchtet eine andere Seite des Flughafens. Über ein Jahr portraitiert der Regisseur Karim Aïnouz den Syrer Ibrahim Al Hussain auf der scheinbar ziellosen Suche nach einem neuen Sinn für sein neues Leben. Monat für Monat verstreicht und die Zeit scheint stillzustehen. Während sich auf dem angrenzenden Flugfeld die Blätter rot färben und es allmählich beginnt zu schneien, bleibt die Tristesse in den Hangars Tag ein Tag aus dieselbe. Das Leben der Menschen ist ein einziges Ausharren. Anstehen in der Schlange zur Essensausgabe; hoffen, endlich als Flüchtling anerkannt zu werden; warten auf eine dauerhafte Wohnung. Der 18-jährige Ibrahim ist alleine nach Deutschland gekommen. Im Hangar teilt er sich nun eine einen Raum – Nein – eine Zelle mit Fremden, die wiederum sein Schicksal teilen. Weder Tür noch Decke haben die mit Stockbetten ausgestatteten Wohnboxen. Privatsphäre hat hier niemand.

Auf dem Tempelhofer Feld sind die zwei Welten nur durch einen Zaun getrennt. Ein Imker kümmert sich im Morgengrauen um seine Bienen, Jugendliche picknicken im Schatten der Bäume und trinken Bier, Rennradfahrer rasen um die Wette. Im Hintergrund versinkt die Sonne hinter den Dächern Berlins. Die Szenen, die aus einem Werbespot stammen könnten, bekommen einen neuen Charakter, als Ibrahim aus dem Off beginnt, seine Geschichte zu erzählen. Ruhig und gefasst erinnert er sich an seinen letzten Tag in Syrien, den schlimmsten Tag seines Lebens. Er redet darüber, wie er sich von seiner Mutter verabschiedete und gesteht sich ein, dass er nicht weiß ob er sie jemals wieder sehen würde. Es war der schlimmste Tag seines Lebens, wiederholt er, und das Leid spürt man in seiner Stimme. Mit jedem Monat, der verstreicht, rückt einem Ibrahim, der fremde „Flüchtling“ ein Stück näher. Malerisch beschreibt er sein von Feldern umgebenes Heimatdorf und davon, wie sehr er den syrischen Sommer vermisst. „Der Sommer in Syrien, ist so wie ein Sonntag für die Deutschen. In den Tag hinein schlafen und viel Zeit mit der Familie verbringen“, erzählt Ibrahim mit einem Funkeln in seinen Augen. So viel Ibrahim auch durchgemacht hat, er schaut der Zukunft hoffnungsvoll entgegen. Mit seinem warmherzigen Blick, seiner einfühlsamen Stimme und seiner bewegenden Lebensgeschichte gibt er dem Begriff „Flüchtling“ ein Gesicht. Mit Zentralflughafen THF schaffen Karim Aïnouz und Ibrahim Al Hussain den Zaun zwischen Draußen und Drinnen einzureißen.

Heute, im Februar 2018, sind die Hangars im Flughafengebäude leer. Das Containerdorf „Tempohome“ erstreckt sich nun über die den Vorplatz des Gebäudes und soll ein vorübergehendes Obdach bieten. Doch wird das „Tempohome“ diesmal wirklich nur eine temporäre Lösung bleiben?

 

Nächste Vorstellung:

  1. Februar um 15 Uhr im Cinestar 3 am Potsdamer Platz