Die Wohnung, Foto: Berlinale

Geschrieben von Sandra Malter

Berlin, 15.Februar 2013

70 Jahre lang hat Gerda Tuchler mit ihrem Ehemann in einer Wohnung in Tel Aviv gelebt, nachdem sie im Zweiten Weltkrieg vor dem Holocaust aus Deutschland geflohen waren. Die Wohnung gleicht einem Stück Berlin mitten in Israel. Sie ist zugleich Anfangs- als auch Endpunkt des Dokumentarfilms “Die Wohnung” (The Flat).

Nachdem Gerda Tuchler im Alter von 98 Jahren verstorben ist, lösen ihre Familienmitglieder die Wohnung auf, darunter auch ihr Enkel Arnon Goldfinger, der zugleich Regisseur des Films ist. Dabei stößt die Familie auf Zeugnisse einer Freundschaft zwischen dem Ehepaar Tuchler und der Familie des SS-Offiziers Leopold von Mildenstein. Diese ungewöhnliche Verbindung ist für die Beteiligten eine Überraschung und mündet bald in eine Detektivarbeit.

Goldfinger zieht den Zuschauer von Beginn des Dokumentarfilms an in einen Bann der Entdeckungen und lässt während der Wohnungsauflösung intime Einblicke zu. Familienmitglieder finden in den Schränken der Verstorbenen Zeugnisse des Berliner Lebens aus der damaligen Zeit: Handschuhpaare, Schmuck, alte Ausgaben von Goethe und Shakespeare und unzählige Papiere.

Arnon Goldfinger und seine Mutter Hannah Goldfinger investieren viel Zeit, um alle Briefe und Dokumente zu lesen, die scheinbar wahllos verstreut in der Wohnung liegen. Immer wieder werden die herunterfallenden Jalousien der Wohnung dabei als Element genutzt, um einen Tag Sortierarbeit enden zu lassen.

Bald stößt die Familie jedoch auf zahlreiche deutsche Zeitungen, die der nationalsozialistischen Propaganda dienten. Immer wieder tauchen dort der Name Leopold von Mildenstein und die Überschrift „Ein Nazi kommt nach Palästina“ auf.

Im Verlauf des Films kommen Briefe zum Vorschein, die eine regelmäßige Korrespondenz zwischen den Ehepaaren Tuchler und von Mildenstein erkennen lassen, und Fotos, die gemeinsame Reisen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentieren. Goldfinger stellt die Fragen nach den Zusammenhängen und der Geschichte, von der seine Großeltern nie berichtet haben: Warum pflegte das jüdische Ehepaar, das Deutschland wegen des Holocausts verlassen musste, eine Freundschaft mit einem nationalsozialistisch gesinnten Ehepaar?

Auf seinen Reisen durch Israel und Deutschland besucht der Regisseur Verwandte, zu denen er vorher nie Kontakt gehabt hatte, sowie die Tochter des SS-Offiziers Leopold von Mildenstein, Edda Milz von Mildenstein. Stets ergeben sich neue Verflechtungen und Goldfinger stößt währenddessen immer wieder auf Widerstände und verdrängte Wahrheiten. Aber er lässt sich auf dem Weg zur tatsächlichen Geschichte seiner Großeltern nicht beirren.

Ernüchternd bleibt für den Zuschauer allerdings Goldfingers Ergebnis, dass man irgendwann aufhören muss Fragen zu stellen, um wieder zur Ruhe zu kommen und sich auf seine Familie zu besinnen. Schließlich hat er gerade mit seinen Nachforschungen dazu angeregt, auch in der eigenen Familie genauer zwischen den Zeilen zu lesen und sich mit der Familiengeschichte der vorherigen Generationen auseinanderzusetzen.

Dennoch hat sich die Arbeit Goldfingers von fünf Jahren Recherche und Dreh gelohnt. „Die Wohnung“ ist unter anderem mit dem Bayerischen Filmpreis und vom Israelischen Dokumentarforum für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet worden. Der Dynamik des Geschehens kann man sich nicht entziehen. Ohne Betroffenheitskitsch  à la Guido Knopp gelingt Goldfinger ein starkes Selbstporträt seiner Familie. Der Zuschauer verlässt den Kinosaal zutiefst berührt von der Geschichte der Tuchlers und nachdenklich gestimmt über die eigene.

 

Deutschland/ Israel 2012, 97 Minuten
Sektion: German Cinema – LOLA@Berlinale
Sprache: Hebräisch
Regie: Arnon Goldfinger
Seit 14.12.2012 auf DVD im Fachhandel erhältlich

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