Illustration: Marco Brancato

Gekauft, gesteuert, manipuliert: Die Kritik an den Medien ist hart – und pauschal. Sie richtet sich gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen genauso wie gegen Zeitungen, Magazine und Online-Portale. Was ist dran am Vorwurf der Lügenpresse?

 

Lügenpresse?
Der Vorwurf der Lügenpresse? „Ich stimme dem grundsätzlich zu.“ Nina (30) sagt, Journalisten betrieben oft unsensible Meinungsmache, um die Verkaufszahlen zu erhöhen. Zudem seien sie meist selbst schlecht über die Themen informiert. Die 19-jährige Henrike glaubt gar, Journalisten würden bewusst Informationen unterschlagen. Baktygul (30) findet, die Medien berichteten hauptsächlich einheitlich und realitätsfern. Journalisten würden besser bezahlt, wenn sie in eine bestimmte Richtung schrieben. Sie wünscht sich eine russlandfreundlichere Berichterstattung.

Nein, diese Aussagen stammen nicht von einer Pegida-Demonstration. Nina, Henrike und Baktygul sind Studentinnen an der Humboldt-Universität (HU). Nina studiert Gartenbau und Regionalstudien Asien/Afrika, Henrike Bibliothekswissenschaften und Baktygul Psychologie. Und dennoch fassen sie zusammen, was den „Mainstream-Medien“, gebündelt unter dem Begriff „Lügenpresse“, vorgeworfen wird:  Einseitige Informationen, bewusste Manipulation und Steuerung durch Geld und Elite. Längst sind es nicht allein rechte Demonstranten, Hooligans im Fußballstadion oder „besorgte Bürger“ – auch unter Studierenden ist die pauschale Medienskepsis angekommen.

Wie ist das zu erklären? Margreth Lünenborg ist Professorin am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin (FU). Sie sagt, tatsächlich tauchten in den Medien immer wieder zentrale Themen und ähnliche Experten auf. Das liege daran, dass Journalisten ständig schauten, woran ihre Kollegen gerade arbeiten. „Peer-Orientierung“ nennt sie das Phänomen, das manchmal den Eindruck von „Mainstreamigkeit“ entstehen lässt.

Neue Medien
Zudem hätten Journalisten heutzutage nicht mehr das alleinige Privileg, relevante Themen für die Öffentlichkeit auszuwählen. Neue Akteure und digitale, nicht-professionelle Medienangebote schafften die Möglichkeit für eine größere Vielfalt an Quellen und Positionen, so die Medienwissenschaftlerin. Diese neuen Medien würden Fehler bei ihren analogen Pendants aufdecken und ein Bewusstsein dafür schaffen, wie Nachrichten gemacht werden. Das erschüttere das Vertrauen, „dass die Medien alles überzeugend und kritikfrei machen“, so Lünenborg.

Neben zahlreichen inhaltlich unterschiedlich ausgerichteten Blogs, die teilweise sehr subjektiv über ihre Themen berichten, gibt es solche, die sich konkret mit den Medien und der Qualität der Berichterstattung auseinandersetzen. Bildblog war 2004 ein Vorreiter auf dem Gebiet. Mittlerweile deckt der von Lukas Heinser geleitete Blog nicht nur Falschmeldungen in Deutschlands größter Boulevardzeitung auf, sondern auch unsaubere journalistische Arbeit bei Spiegel, ARD, taz und allen anderen Medien, bei denen es entsprechende Hinweise gibt.

Auch Youtube ist eine alternative Plattform. Wer sich in dieser kurzlebigen Cyberwelt einen Namen machen will, muss besser sein als die anderen  – und im besten Fall noch einen starken Vermarktungspartner haben.  Arne ist Moderator beim Kanal Was geht ab!?, der vor zwei Jahren vom Youtube-Netzwerk Mediakraft gegründet wurde. Sein Anspruch: Nachrichten machen für junge Leute, die vom Fernsehen nicht mehr erreicht werden. „Wir sind kein klassisches Lean-back-Medium, in dem nur in eine Richtung konsumiert wird“, erzählt Arne. Stattdessen lebe Was geht ab!? vom aktiven Austausch mit der Community. Diese unmittelbare Diskussion werde von den traditionellen Medien unterschätzt, teils nicht einmal ernstgenommen. Dennoch vertraut Youtuber Arne ihnen: „Wir übernehmen das Vorselektieren aus den diversen Nachrichtenquellen, in denen wir recherchieren.“ Für seine Videos verringert er die Komplexität der Nachrichten und versucht, die Informationen möglichst verständlich und interessant darzustellen. Je nach Möglichkeit ergänzt er seine Videos noch um neue Aspekte, die er selbst recherchiert hat.

Auch wenn Blogs, soziale Medien und alternative Foren die traditionelle Medienlandschaft erweiterten und zum Teil zurecht kritisierten – ersetzen könne ein Youtube-Kanal die Tagesschau nicht, sagt Lünenborg. Außerdem seien die größten im Netz genutzten Medien immer noch diejenigen, die bereits offline existierten und eine gewisse Reputation als Nachrichtenmarke erworben hätten.

Ein hausgemachtes Problem?
Überhaupt stellt sich die Frage, inwieweit die Medienkritik á la „Lügenpresse“ ein Verdienst von links- oder rechtsradikalen Protesten ist – und nicht von den kritisierten Medien selbst. Denn wenn die sich nicht bewusst dazu entschieden hätten, darüber zu berichten, sich also mit sich selbst auseinanderzusetzen, dann gäbe es die Diskussion um die Rolle des Journalismus in diesem Ausmaß womöglich gar nicht. Durch Digitalisierung, neue Medien und neue Öffentlichkeiten ist eine Problematik spürbar geworden. Nur sagt das nichts darüber aus, ob das Problem an sich größer geworden ist.

So denken auch nicht alle Studierenden, dass die ausgebildeten Journalisten grundsätzlich lügen und Informationen verschweigen. Robin, ein 27-jähriger Erasmus-Student aus Graz, glaubt beispielsweise daran, dass anspruchsvolle Medien ausgewogen und neutral berichteten. Der Vorwurf der Lügenpresse träfe, wenn überhaupt, auf die Boulevardpresse zu, weil dort der Anspruch auf objektive Darstellung geringer sei als bei den Qualitätsmedien. Der Ethnologiestudent liest den Standard, eine überregionale österreichische Tageszeitung, und hört Deutschlandfunk.

Zwar grundsätzlich skeptisch, aber nicht pauschal verurteilend steht auch Klara den etablierten Medien gegenüber. Die 20-jährige Geschichtsstudentin betont die Machtposition, die Journalisten über die öffentliche Meinung hätten. Den Manipulationsvorwurf einer „Lügenpresse“ findet sie aber übertrieben. Das klinge nach einer Verschwörungstheorie. Generell sei es beängstigend, wie schnell ein solch historisch belasteter Begriff Eintritt in die Gesellschaft erlangen und so viele Leute überzeugen könne.

Gesunde Skepsis und Medienkompetenz
Mit solchen Menschen hatte auch David Crawford zu tun. Der Investigativjournalist arbeitet für das gemeinnützige Recherchebüro Correctiv. Sein Beispiel zeigt, dass auch ausgiebige Recherche nicht immer vor den Vorwürfen der Manipulation und Steuerung schützt. Im Zuge seiner Nachforschungen zum Absturz der MH17-Maschine über der Ostukraine ging er zahlreichen Theorien nach, wertete Bilder aus und führte Interviews vor Ort. Bei den UnAuf-Medientagen im Mai erzählte er von dieser Arbeit. Und davon, dass nach Veröffentlichung des Artikels die Kommentarspalten voll von den Theorien gewesen seien, denen er nachgegangen sei und die sich nach Abschluss ihrer Recherche als unwahr herausgestellt hätten.

So gründlich mögen nicht alle Journalisten arbeiten. Teilweise können sie es auch gar nicht – weil der Abgabetermin drängt, keine Gelder für Recherchereisen zur Verfügung stehen oder ihnen Informationen nicht zugänglich sind. Das führte in der Vergangenheit zwangsläufig zu einigen Fehlern und Versäumnissen in der Berichterstattung – auch in Artikeln und Fernsehbeiträgen über den Ukraine-Konflikt. Die ARD entschuldigte sich beispielsweise dafür, dass sie im Mai vergangenen Jahres zu Unrecht pro-russische Separatisten beschuldigte, Zivilisten ermordet zu haben. Der Kritik, die ARD habe im Ukraine-Konflikt einseitig, mangelnd differenziert und lückenhaft berichtet, ist letztendlich auch der ARD-Programmbeirat nachgegangen. Das Gremium stellte fest, dass manche Beiträge den Eindruck voreingenommener und tendenziöser Berichterstattung erweckt hätten. ARD-Chefredakteur Thomas Baumann wies die Kritik jedoch zurück.

Objektivität ist das Ideal des Journalismus. Trotzdem ist es für eine Zeitung oder einen Fernsehsender allein unmöglich, wirklich alle Informationen zu einem Thema zusammenzutragen und völlig wertfrei über jedes Thema zu berichten. Umso wichtiger ist es für Medienkonsumenten, verschiedene Quellen heranziehen, die Glaubwürdigkeit bewerten und Informationen einordnen zu können. Gerade unter digitalen Bedingungen sei eine solche Medienkompetenz und gesunde Skepsis, wie die Studierenden Robin und Klara sie propagieren, wünschenswert und notwendig, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Lünenborg. Wer aber „Lügenpresse“ sage, „verunmögliche eine differenzierte Medienkritik durch eine pauschale Negativabbügelung.“

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen UnAufgefordert (Heft 231). Neben den Autoren haben Hanna Vietze und Katharina Wurdack mitgearbeitet.
Das vollständige Interview mit den Machern von „Was geht ab!?“ findet ihr hier.

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