Der Hörsaal: Ein Ort für politischen Protest? | © Fred Kuipers/freeimages.com

Brauchen wir anonyme Blogs, um uns über unsere Professoren zu beschweren? War nicht der Campus einst Hort des Studentenprotests? Und vor allem: Sollte er es sein? Sebastian Beug und Felix Römer im Streitgespräch. Teil 2

„Politik gehört nicht in den Hörsaal“, schrieb Max Weber 1919 in seinem Aufsatz Wissenschaft als Beruf – wohlwissend, dass die Universität alles andere als ein unpolitischer Ort ist. Auch heute wird Lehre politisiert und gesellschaftliches Engagement von Gelehrten kritisiert. Doch für solche Diskussionen gibt es klare Räume.

Erstens ist die Uni in Vorlesungen, besser noch in Seminaren, ein Ort für fachliche Diskussion. Wem in Herfried Münklers Politische Theorie und Ideengeschichte zu wenig postkoloniale Lektüre geboten wird, der sollte in ein Kolloquium gehen oder selbst eins organisieren. Es mag unbequem klingen, doch der Großteil der Studierenden möchte die Vorlesung einfach hören. Indem der Blog Münkler-Watch in ihrem Namen spricht, instrumentalisiert er diese für seine Fundamentalkritik.

Dabei hat das im Hörsaal nichts zu suchen. Eine Professorin, die im Audimax vor 300 Studierenden steht, hat geforscht, publiziert und zählt zu jener Minderheit, die von Wissenschaft leben kann. Der Selektionsmechanismus macht aus Lehrern Gelehrte. Das vergisst so mancher Revolutionär, wenn er respektlos Zitate aus dem Zusammenhang reißt und dem Professor im Schutz der Anonymität zig Ismen vorwirft.

Zweitens wird die Universität zum Ort gesellschaftlicher Debatte, wenn Gelehrte die Öffentlichkeit durch ihre Forschung befruchten. Weil Herfried Münkler die Al-Qaida-Strategie so gut analysiert hat, sitzt er bei Maybrit Illner. Dort werden seine politischen Empfehlungen zurecht diskutiert – im Hörsaal geht es aber um wissenschaftliche Theorien.

Zuletzt ist die Universität der Ort der Hochschulpolitik. Die wird vom Studierendenparlament gemacht, das überwiegend aus linken Gruppen besteht, die sich für Münkler-Watch aussprechen. Doch die einstellige Wahlbeteiligung zeigt: Der Mehrheit der Studierenden scheint Hochschulpolitik egal zu sein – und ideologisierte Linksaußen-Kritik á la Münkler-Watch wahrscheinlich auch. Zeit also, einmal innezuhalten und wieder zum richtigen Ton zu finden.

Dieser Kommentar stammt aus der aktuellen UnAufgefordert (Heft 231).

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