Das „Waldsterben 2.0“ ist ein Mythos. Das eigentliche Problem sind forstliche Monokulturen, die mit den Herausforderungen des Klimawandels nicht klarkommen. Im jüngsten deutschen Nationalpark werden deswegen Alternativen zu unserem Umgang mit dem Wald erprobt. 

Tief im Hunsrück, zwischen Koblenz und Trier, liegt der Nationalpark Hunsrück-Hochwald. Braune Flecken im dichten Wald entlang der Straßenränder verweisen schon vor der Ankunft im Park auf ein Problem, das Deutschland seit dem letzten Rekordsommer beschäftigt: Unser Wald, heißt es, stirbt – schon wieder?

„Man sagt ja: Es gab das Waldsterben 1.0. Aber die große Frage ist: Ist er denn gestorben? Nein, ist er nicht, denn er ist offensichtlich noch da. Und gerade im Nationalpark ist das sehr sinnbildlich: Der Wald stirbt nicht, sondern er verwandelt sich.“ Das erzählt Nationalpark-Ranger Patric Heintz, während er den steilen Waldweg hinauf zur südlichsten Anhöhe des Parks erklimmt, die etwas lauffaule Herdenschutzhündin Maya im Schlepptau. Oben angekommen, erwartet Heintz nur die Morgendämmerung, so früh wie er ist niemand im Wald unterwegs.

Was für ein Wald

Und was für ein Wald: Unterwegs auf matschigen Pfaden, über wacklige Steinwälle – Hinterlassenschaft der Kelten – und vorbei an umgestürzten Baumriesen wird deutlich, was den Nationalpark von unseren gewöhnlich stark kultivierten Wäldern unterscheidet.

Hier stehen nicht gleichförmige Nadelbäume in Reih und Glied, sondern wuchern Buchen, Eichen und Birken durcheinander, verhüllt von dichtem Unterholz. Vom „Waldsterben 2.0“ fehlt bis hierhin jede Spur. Dafür weiß Heintz, wo man den Wandel, von dem er spricht, besonders gut beobachten kann.

Das große Fichtensterben

Es dauert fast zwei Stunden, in denen der erfahrene Ranger nach umsturzgefährdeten Bäumen an den Besucherwegen Ausschau hält, bis wir ihn erreichen: Einen einzelnen toten Baum, der weit über die violett schimmernden jungen Birken hinausragt, die ihn umringen. Der tote Baum ist eine Fichte, und das ist wenig überraschend, denn das „Waldsterben 2.0“ ist in Wirklichkeit ein Fichtensterben.

„Daran, dass die Fichte verschwindet, ist nichts zu rütteln, zumindest dort, wo es zu heiß wird. Das ist einfach eine Folge des Klimawandels,“ sagt Heintz. Aber obwohl der deutsche Wald zu knapp 25 Prozent aus Fichten besteht, bedroht ihr Verschwinden nicht das Ökoystem Wald als solches.

Die Fichte gehört dort nämlich weitgehend gar nicht hin. Als forstwirtschaftliche Hochleistungs-Monokultur hat sie in den letzten beiden Jahrhunderten viele natürliche Misch- und Buchenwälder ersetzt, die ohne menschliches Eingreifen das Gros des deutschen Waldes ausmachen würden. „Ich könnte jetzt provokant sein und sagen: Das originale Waldsterben war zu Zeiten Napoleons beziehungsweise zur Zeit der Preußen, die hier die Fichte angepflanzt haben“, sagt Heintz.

Waldsterben? Anfällige Monokulturen

Wie alle Monokulturen erweisen sich auch weite Teile des deutschen Walds deswegen als besonders anfällig gegenüber dem Klimawandel. Der Fichte, die normalerweise in kühlen Höhenlagen vorkommt, setzt er außerhalb ihres natürlichen Habitats besonders zu, und die anhaltende Trockenheit macht sie anfälliger für Schädlinge. Deswegen verfärben sich aktuell ganze Hektar Nutzwald braun und sterben ab. „Dieses altdeutsche, massive Strukturdenken, alles durchzuplanen, das hat die jüngere Vergangenheit gezeigt, das funktioniert im Wald nicht; Natur kannst du nicht planen,“ sagt Heintz.

Im Nationalpark, davon ist der Ranger überzeugt, lassen sich Alternativen für einen neuen Umgang mit dem Wald erproben: „Im Nationalpark kann man bestimmte Dinge ableiten, weil man sich nur hier anschauen kann, was eigentlich passiert, wenn man wirklich, wirklich nichts macht.“

Hier sieht man, wozu der Wald auf sich allein gestellt fähig ist: Die jungen Birken rund um die tote Fichte, deren kahler Stamm nur das letzte Überbleibsel eines viel größeren früheren Bestands ist, haben innerhalb kurzer Zeit die gesamte Fläche neu bevölkert. Als Pionierbäume sind sie nur die Vorhut einer schwer vorhersehbaren und resistenteren Waldentwicklung, die sich der gesamten Palette der schlummernden Artenvielfalt bedienen kann. 

Wertschätzung statt Verwertung

Der Park ist aber mehr als ein Open-Air-Waldlabor. Als Bildungsprojekt trägt er auch zu einem allgemeinen Wertewandel bei. Steht Natur-Verwertung im Zentrum des Problems „Waldsterben“, könnte mehr Natur-Wertschätzung dessen Lösung sein. Heintz selbst ist dafür das beste Beispiel. Vor seiner Ranger-Ausbildung hat er acht Jahre im wirtschaftlichen Forstbetrieb gearbeitet.

„Einen Tag, bevor der Minister mir in Birkenfeld meine Abordnungsurkunde gegeben hat, habe ich noch mit Schnittschutzhose im Steilhang gestanden und dicke Buchen abgeschnitten.“ Dann unterbricht Heintz das Gespräch und zeigt auf einen ziemlich schiefen Baum: „Da hätte ich zum Beispiel früher gesagt: Um Gottes Willen,“ sagt Heintz und lacht. „Eine halbe Stunde Arbeit, bist du das alles geputzt und mit der Motorsäge dran rumgemacht hast, und für was? Da ist ja kaum Holz dran, und Geld bringt es sowieso nicht.“

Und heute? „Heute ist das ein wunderschöner Baum. Und gerade diese massiven alten knorrigen Buchen und Eichen, die kann ich jetzt viel mehr wertschätzen.“ So trägt der Nationalpark jetzt schon dazu bei, eine Welt nach dem „Waldsterben“ zu entwerfen.

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