Thessaloniki ist nicht London, Madrid oder Paris. Thessaloniki ist eine Metropole auf dem Balkan. Die Griechen halten sie für die heimliche Hauptstadt ihres Landes. Das Nachtleben sei legendär und trotz Corona-Einschränkungen hält man daran fest. Auf dem Olymp, so sagt man, hausen die Götter. Direkt gegenüber gastieren Studierende aus aller Welt und feiern die „europäische Erfahrung“. Braucht es mehr Gründe für Erasmus?

Ich habe aufgehört zu zählen. Bei mir stapeln sich Erasmus-Flyer. Ich könnte damit Wände tapezieren. Auf den Hochglanzprospekten sehe ich lachende Gesichter. Ihre Zähne sind weiß, ihre Augen leuchten und die Hintergründe der Stock images sind bunt und formlos. Ich wusste bereits um was es geht – die Gruppendynamik eines von großartigen Erfahrungen überschäumenden Semesters. Wenn ich ehrlich bin, nervt das gewaltig! Das man nur zweitrangig zum Studieren ins Ausland geht, muss mir keiner erklären. Menschen kennenlernen und vielleicht sogar lieben lernen, sollte sowieso das A und O eines jeden Erasmus-Semesters sein. Aber mit Corona wird das kompliziert. Studierende müssen dieses Semester besonders viel Eigeninitiative an den Tag legen, wenn sie neue Menschen kennenlernen wollen. Niemand wundert sich also, dass der Druck dieses Jahr von zwei Seiten kommt: In der einen Ecke sitzt die Erwartung nach der großen Auslandserfahrung. Und in der anderen Ecke sitzt das Verantwortungsbewusstsein Angesichts der Pandemie. Da ist es mir fast egal, wie ich mich hier für Kurse eintrage oder mein Learning Agreement ausfülle. Ich will nur nicht in einem angemieteten Zimmer allein für mich studieren, vor allem nicht in diesem Winter. Passend dazu gilt seit Freitag ein Lockdown für Thessaloniki. 

Ich schätze niemandem erklären zu müssen, was dieses Jahr anders ist. Stets wird behauptet, dass die Studierenden als Vertreter*innen einer jungen Generation Corona nicht ernst nehmen. Das ist nur die halbe Wahrheit. Die Erasmus-Volunteers konnten dieses Jahr zwar keine Ausflüge organisieren und Hotels füllen, aber sie setzten alles in Bewegung, damit man sich in kleinen Kleingruppen traf. Das pub crawling wurde minutiös in Gruppen organisiert, für die man sich vorher anmelden musste. Große Ansammlungen wurden zumindest offiziell vermieden. Wer diese Mühe auf sich nahm, stand mit neun anderen vor den Bars und kippte seine Tispouro. Genau, Tsipouro und nicht Ouzo. Den Ouzo genießt man. Den Tsipouro kippt man. 

Schnell kommt in diesen kleinen Gruppen die Frage auf, welche WhatsApp-Gruppe den meisten Spaß verspricht (natürlich ganz legal). Die nächste Frage lautet fast immer: Kannst du mich einladen? Ich fand mich schnell in einem dutzend Chat-Gruppen wieder. Ein Phänomen ist das, weil normalerweise die Erasmus-Volunteers Studierende zusammenbringen. Jetzt ist man selbst ein Organisator. Keine Ahnung, ob ich über meine Flunkyball – Gruppe stolz sein kann. Die Losung lautet: Finde sich, wer kann! Teilt man dieselben Interessen, eröffnet man einen gemeinsamen Chat. Schnell wird aus dem lustigen kleinen Grüppchen um drei oder vier Gleichgesinnten ein mutierender Apparat, in dem jeder Satz verloren geht. Der #Thesserasmus winter 2020 – Gruppe, mit ihren 257 Mitgliedern, konnte man per Einladungs-Link beitreten. Es folgte die #Thesserasmus w2020 vol2 – Gruppe, die immerhin nur 130 Mitglieder hat. Man munkelte jedoch von einer exklusiveren WhatsApp-Gruppe. Über den Host bin ich nun Mitglied der Erasmus Thessaloniki – Gruppe. Die hat nur 99 Mitglieder.

Wer Mitglied dieser drei Gruppen ist, sitzt bereits im Rettungsboot der Sozialisierten und kann sich treiben lassen. Jedem Erasmus-Studierenden war von Anfang an klar, dass der Spaß hier bald vorbei sein könnte. Die Kontakte über Messenger-Dienste sind daher ebenso überlebenswichtig wie Social Distancing. 

Wie so viele habe auch ich bewusst die Corona-Nachrichten aus Deutschland ignoriert, weil sich Griechenland wie Urlaub anfühlt. Es war auch ein Urlaub von den sich anhäufenden Corona-Schlagzeilen. In Thessaloniki waren Zusammenkünfte im Freien bis vor kurzen noch erlaubt. Wir nutzten das aus. Die Pandemie-Bekämpfung endete mit der Schließung aller Bars und Kneipen um Mitternacht. In einer Pandemie ist das leichtsinnig, aber durchaus nachvollziehbar. Würde der Virus ein Antipode sein, dann derjenige, der Menschen entzweit. Der Virus wäre der gemeine Dritte in einer Dreiecksgeschichte, die keine Antworten weiß. Um den Superlativ mal anzustrengen: Das ureigenste Bedürfnis nach Nähe wird in Frage gestellt. Die Pandemie hat uns abroad eingeholt. Jetzt sitzt jeder in seinem angemieteten Zimmer und vertreibt sich die Zeit mit Textnachrichten. Jeder postet auf Instagram seine Quarantäne-Stories. Ich kann die Feeds nicht mehr zählen, wie verantwortungsbewusst plötzlich jeder ist.

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