Auf der Erde wird es immer wärmer, doch viele der klimatischen Entwicklungen bleiben unsichtbar. Mit den sogenannten Warming Stripes wird der Klimawandel auf abstrakte Weise dargestellt.

Vielleicht hast du sie ja bereits irgendwo gesehen: Die Warming Stripes. Auf einer Homepage. Oder einem Flyer. Eine Reihe blauer, weißer und roter Linien, schmale Balken, die horizontal angeordnet einem Barcode ähneln. Sie werden auf Corona-Masken oder T-Shirts gedruckt, auf Notizbücher, Plakate, Kapuzenpullis oder Schulmäppchen. Sie dienen inzwischen als Vorlage für Murals (also Wandgemälde) oder als Verzierungen für Autos. Die Scientists for Future tragen sie im Logo. Sie werden auf Demo-Schilder aufgetragen, meistens zusammen mit einschlägigen Klimaschutz-Slogans. Und Ende 2019 waren die Warming Stripes sogar auf dem Dach des Deutschen Schifffahrtsmuseums in Bremerhaven als Lichtinstallation zu sehen.

Aber halt – worum geht es hier eigentlich genau? Was hat es mit diesen Linien auf sich? Entwickelt hat die Warming Stripes – auch bekannt als Climate Stripes oder Climate Timelines – der britische Klimatologe Ed Hawkins der University of Reading im Jahr 2018. Es handelt sich bei seinen Graphiken um klimatische Balkendiagramme, die die Temperaturentwicklungen eines bestimmten Gebiets über einen bestimmten Zeitverlauf, also zum Beispiel von 1850 bis heute, beschreiben. Das Gebiet kann die nördliche Hemisphäre unserer Erde sein, der Staat Italien oder auch das Bundesland Hessen.

Dabei steht jede Linie für den Durchschnittstemperaturwert eines einzelnen Jahres. Je blauer ein Balken, desto kühler das Jahr. Je rötlicher, desto heißer. So weit, so klar. Von links nach rechts ist in der Regel – sei es nun in Nordrhein-Westfalen, Toronto oder Angola – eine eindeutige Entwicklung festzustellen: Die Zahl der bläulichen Balken nimmt ab, die Häufigkeit der roten Balken nimmt zu. Es wird wärmer. Und zwar an sehr, sehr vielen unterschiedlichen Orten auf diesem Planeten. 

Und warum sind diese Linien nun der Renner?

Der Klimawandel zeigt sich rings um uns herum in vielen Ausprägungen, die tagtäglich unsere Nachrichtenmeldungen bestimmen: Im Anstieg des Meeresspiegels. Im gehäuften Auftreten von Extremwettereignissen. Im Verhalten von Tieren, die sich an neue klimatische Bedingungen anpassen und in neue Gebiete einwandern. Umfangreichste wissenschaftliche Ergebnisse werden in Hülle und Fülle produziert. Und doch haben wir Menschen ein ernsthaftes Wahrnehmungsproblem.

Obwohl der Klimawandel bereits stattfindet, steht er nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Das liegt einerseits daran, dass uns unsere Sinne – was wir wahrnehmen, selbst unmittelbar beobachten können – nicht sonderlich viel helfen, sobald es um globale Erwärmungstrends geht. Zu kleinteilig sind viele Entwicklungen, zu schwierig ist es, andere Extremereignisse direkt auf den Klimawandel zurückzuführen. 

Der Meeresspiegel beispielsweise stieg zwischen 1901 und 1990 weltweit mit einer Geschwindigkeit von 1,4 mm pro Jahr. Muscheln wiederum wandern über Generationen hinweg an neue, klimatisch günstigere Standorte. Das mag zwar in naturwissenschaftlichen Dimensionen rasend schnell sein. Aber wer lässt sich von Angaben in mm pro Jahr beeindrucken, während bei Netflix Transformer rotieren und explodieren? Anders ausgedrückt: Ein Ton, der zu langsam an Lautstärke gewinnt, bleibt in unseren Ohren gleich laut. Andererseits sind klimatische Entwicklungen und Trends oft komplex.

Einfache Ursache-und-Wirkungs-Zusammenhänge sind nicht immer auszumachen. Beim letzten Starkregen mag uns zwar der Keller vollgelaufen sein – aber war das jetzt schon Klimawandel? Was sind eher zufällige Wetterausprägungen? Was ist Ausdruck eines neuen Normalzustands? Und wo hört überhaupt das Wetter auf und fängt globale Erwärmung an? Viele klimatische Entwicklungen bleiben also unsichtbar. Und das, was sichtbar ist, ist nicht immer klar zu interpretieren. Die großen Entwicklungen blieben schemenhaft, ihre Konturen unklar. 

Hier könnte nun die Wissenschaft ins Spiel kommen und mit einer gelungenen Kommunikation vieles retten. Genug zu sagen hat sie ja: Allein der Special Report on Climate Change and Land des IPCC von 2019 umfasst 1.300 Seiten und wurde von 107 Expert*innen aus 52 Ländern erstellt. Aber wer liest schon freiwillig 1.300 Seiten, wenn er nicht dafür bezahlt wird? Die Botschaften und Schlussfolgerungen der Klimawissenschaft kommen für viele Menschen zu umfangreich daher, zu trocken, zu verschachtelt und vor allem zu abstrakt: verpackt in Daten, Kurven, Zahlen und Erwartungswerte. Na Prost Mahlzeit. Der Mathe-Unterricht lässt grüßen.  

Aber dann kam Ed Hawkins. Seine Graphiken sind neu. Sie sind anders. Sie sind schön. Und ihre Botschaft ist einfach zu verstehen. Hawkins hatte laut eigener Aussage beim Entwurf seiner Stripes ebendiese Eindeutigkeit im Sinn: „I wanted to communicate temperature changes in a way that was simple and intuitive, removing all the distractions of standard climate graphics so that the long-term trends and variations in temperature are crystal clear.” Obwohl auch die Warming Stripes eine kleinteilige Entwicklung zeigen – die schrittweise Erwärmung über mehr als hundert Jahre – schaffen sie es aber, die Summe vieler kleiner Veränderungen in einem Bild zusammenzufassen. Ein Bild, dass man sofort versteht. 

warming stripes Deutschland
Jährliche Temperaturen in Deutschland von 1881-2017. Von Dunkelblau (6.6°C) zu Dunkelrot (10.3°C). (Quelle: https://www.climate-lab-book.ac.uk/2018/warming-stripes/)

Durch die farbige Visualisierung klimatischer Daten entsteht dabei eine eigenartige Ästhetik, die an moderne Kunst erinnert. Das Zusammenspiel der blau- und rotgetönten Balken: ein Akkord verschiedener Klangfarben. Ein Bild aber, das optisch ansprechend ist, eignet sich gut als Motiv für Flugblätter und Plakate, als Aufdruck und sogar als Verzierung. Unnötig zu schreiben, dass der hohe Wiedererkennungseffekt sein Übriges tut, die Warming Stripes zur Ikone zu erheben, deren Zurschaustellung mittlerweile mit eindeutigen politischen Positionen verbunden ist: ACT NOW! Handelt, bevor es zu spät ist! Es gibt keinen Planeten B! 

So wird die Kernbotschaft – dass es immer schneller immer wärmer wird – viel bestechender transportiert, als herkömmliche Diagramme je gekonnt hätten. Abstraktes wird (be)greifbar. Das Wechselspiel zahlreicher, ineinander verwobener Prozesse wird zu einer einzigen, sofort identifizierbaren Dynamik verdichtet. Die Warming Stripes machen somit sichtbar, was ansonsten im Rauschen verlorengeht: Ein Ton, der rasch lauter wird.

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