Der Journalismus sieht sich mit einem wachsenden Misstrauen ihm gegenüber konfrontiert. Gleichzeitig wächst die Kritik am Paradigma der objektiven Berichterstattung. Stellt der Konstruktive Journalismus möglicherweise eine werteorientierte Antwort auf die häufig beschworene Vertrauenskrise der Medien dar?

Seit dem Jahr 2015 hat die Debatte um die vermeintliche “Vertrauenskrise der Medien” – im Zuge des Aufstiegs der AfD – an Kraft gewonnen. Trotzdem verbreitete sich in den letzten Jahren die Ansicht, die Medien könnten durch kritischen, werteorientierten Journalismus das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen. In diesem Zusammenhang wird besonders das Postulat der “objektiven Berichterstattung” kritisiert. Angestoßen hat diese Debatte Georg Restle, Chefredakteur des investigativen Politikmagazins MONITOR, im Jahr 2018 mit seinem „Plädoyer für einen werteorientierten Journalismus.

Im Interview mit der UnAuf plädiert Restle für einen kritischen, wahrhaftigen Journalismus, der die eigene Unabhängigkeit wahren, sich stets selbstkritisch hinterfragen und offen für andere Auffassungen sein müsse. “Im Kern geht es mir darum, dass wir nicht einem falsch verstandenen Neutralitätsgebot huldigen, indem so getan wird, als ob es da draußen eine reine Wahrheit gäbe, die sich neutral erfassen ließe”, so Restle. “Mein Plädoyer ist ein Aufruf zu mehr Ehrlichkeit in Bezug auf die Kriterien unserer Einordnung, unserer Werte, auf die wir uns immer beziehen, selbst wenn uns das nicht immer bewusst ist.”

Ein neues journalistisches Selbstverständnis

An dieser Stelle knüpft auch Perspektive Daily an, das erste deutsche Medium, das ausschließlich “Konstruktiven Journalismus” betreibt. Gegründet wurde das mitgliederfinanzierte Online-Magazin im Jahr 2016 von den beiden Neurowissenschaftler*innen Maren Urner und Han Langeslag. Die Beiden beobachteten, dass in den Medien vorwiegend über negative Themen berichtet werde, was beim Publikum über längere Zeit zu einer “erlernten Hilflosigkeit” führe. “Mit dem konstruktiven Journalismus verfolgen wir das Ziel, dass Menschen über Lösungsansätze informiert werden, aber auch über Kontext und Hintergründe, zum Beispiel darüber, wer eigentlich die relevanten Akteure sind, die an einem Problem überhaupt etwas ändern können”, sagt die Berliner Perspective Daily-Autorin Katharina Wiegmann im Interview mit der UnAuf. Da ein Großteil der Berichterstattung noch immer auf negative Schlagzeilen fokussiert sei, wolle Perspective Daily mit ihrem Ansatz ein realistischeres Weltbild vermitteln.

Ebenfalls motiviert von der Kritik an einer “objektiven Berichterstattung” basieren sowohl der Redaktionsalltag bei Perspective Daily als auch die Art ihrer Berichterstattung auf zentralen Werten. Allen voran Ehrlichkeit, Transparenz, Veränderbarkeit, Offenheit und Demokratie. “Wir arbeiten in der Redaktion fast komplett hierarchiefrei”, so Wiegmann. Als junges Start-Up gebe es bei ihnen, im Vergleich zu vielen größeren Organisationen, keine starren Strukturen oder Autoritäten. Es sei die Aufgabe von Journalist*innen, Klarheit zu schaffen: “Wir versuchen, unsere Texte immer so zu schreiben, dass sie voraussetzungsfrei gelesen werden können”, auch wenn sie komplexe Themen behandelten. “Aber Transparenz ist auch in der Hinsicht wichtig, dass wir natürlich immer den ‘view from somewhere‘ haben, also dass wir natürlich geprägt sind durch unsere Erfahrungen, Einstellungen, Normen und Werte, und unsere Arbeit nicht im luftleeren Raum passiert.” Deshalb verlinkten sie in ihren Texten generell ihre Quellen, machten sich als Autor*innen mit ihren Interessen weitgehend transparent, und benutzten teilweise in Texten die ich-Form, um das Schreiben als explorativen Prozess zu veranschaulichen.

Viele der Artikel bei Perspective Daily beschäftigen sich mit dem Thema Nachhaltigkeit: “Seit Perspective Daily gegründet wurde war es Ziel der Redaktion, dem Klimawandel als einem der wichtigsten Themen unserer Zeit viel Platz in der Berichterstattung zu verschaffen.” Zudem ist es für Wiegmann als Journalistin wertvoll, in einem interdisziplinären Team zu arbeiten. Dies setze einerseits die Offenheit für andere Sichtweisen voraus, fördere aber auch gleichzeitig die Lösung von Konflikten: “Letztendlich ist die Gesellschaft ein einziger Aushandlungsprozess verschiedener Perspektiven, und das machen wir natürlich auch in der Redaktion”, so Wiegmann. So werden bei Perspective Daily verschiedenste Themen bearbeitet. Von Politik, sozialer Ungleichheit und Klimawandel über Medizin und Psychologie bis Technologie und Digitalisierung. Stets mit einer konstruktiven und wissenschaftlich fundierten Antwort auf die Frage “Was jetzt?”

Selbstverständlich stellt Perspective Daily nur ein Beispiel dar, wie konstruktiver Journalismus aussehen kann. Doch wie sieht es mit dem Journalismus insgesamt aus? Schwappt die Idee auch auf andere Redaktionen über? “Ich sehe, dass in der Medienlandschaft in Deutschland viel Konstruktiver Journalismus gemacht wird”, erwidert Wiegmann. Zudem hätte sie mit anderen Kolleg*innen in den letzten Jahren viele Vorträge gehalten und Workshops gegeben. Auch heute bekämen sie noch Anfragen von Redaktionen und anderen Organisationen. “Es gibt ein Interesse am Konstruktiven Journalismus und es wird gesehen, dass es für die Leser*innen funktioniert.”

Die Grenzen des (Konstruktiven) Journalismus

Aber kann der Konstruktive Journalismus auch dabei helfen, das Vertrauen in die Medien zu stärken? Die Autor*innen der “Langzeitstudie Medienvertrauen” der Johannes Gutenberg- Universität Mainz haben im Jahr 2018 mit 44% den höchsten Wert des allgemeinen Medienvertrauens seit dem Beginn ihrer Studie im Jahr 2008 gemessen. Andererseits haben sie im Jahr 2019 mit 28% auch den höchsten Wert des generellen Misstrauens den Medien gegenüber gemessen. “Wie in den Vorjahren legen die Befunde nahe, dass das Vertrauen in die etablierten Medien im Zuge der ‘Lügenpresse‘-Debatte keineswegs in großem Stil erodiert ist”, resümieren die Studienautor*innen. Es habe sich jedoch “ein fester Kern an Kritikern herausgebildet, der die Medien pauschal verurteilt”, und zuletzt angewachsen sei. Deshalb beobachteten sie auf Basis der Daten eine “zunehmende Polarisierung” der Debattenkultur.

Auch wenn diese Entwicklungen wenig Hoffnung bereiten, deuten viele Journalist*innen auf die Potenziale des Journalismus. “Ein ‘werteorientierter Journalismus‘ kann hier sogar mehr Vertrauen schaffen, weil er nicht als Verkünder absoluter Wahrheiten auftritt, sondern die Kriterien seiner Einordnung transparent macht und damit zur Diskussion stellt”, urteilt der Investigativjournalist Restle. Das Bild der Spaltung oder Polarisierung halte er allerdings für irreführend. Tatsächlich hätten wir es mit einem Erstarken von Nationalismus, Rassismus und Rechtsextremismus zu tun. Demgegenüber stehe eine Zivilgesellschaft, die die Grundwerte unserer Verfassung, die Menschenwürde, das Antidiskriminierungsgebot, die parlamentarische Demokratie verteidige. “Werteorientierter Journalismus kann hier wichtige Orientierungen liefern, indem er solche Werte erläutert und deutlich macht, warum wir sie unbedingt verteidigen müssen.” In Bezug auf die umstrittene “Spaltung der Gesellschaft” könne der Konstruktive Journalismus zudem gesellschaftliche Diskurse anregen, Leuten ermöglichen, ihre Perspektive zu wechseln, oder Menschen individuell motivieren, ihr Verhalten zu ändern, so Wiegmann.

Nichtsdestotrotz sind auch dem Konstruktiven Journalismus Grenzen gesetzt, besonders auf der Ebene des individuellen Medienkonsums. Viele Leute wollen keine Nachrichten konsumieren, die ihrer Meinung widersprechen könnten. In der Psychologie ist dieses Phänomen unter dem Namen “confirmation bias” (dt. “Bestätigungsfehler”) bekannt. Bereits früher haben sich die meisten Leute ihre Tageszeitung nach der politischen Richtung ausgesucht. Auch Wiegmann ist sich dieser Problematik bewusst: “Wir würden uns über mehr Diversität unter den Mitgliedern freuen. Was nicht heißt, dass unter den Artikeln nicht kontrovers diskutiert wird. Es gibt aber doch einige Perspektiven, die leider regelmäßig fehlen.” Zudem hätten sie in der Vergangenheit herausgefunden, dass die Leserschaft von Perspective Daily zu einem großen Teil aus Akademiker*innen bestehe. Sie sehe es jedoch als Arbeitsauftrag für den Journalismus, möglichst viele verschiedene Milieus abzuholen.

Transparenzhinweis: Der Autor ist inzwischen Praktikant bei Perspective Daily. Der Text ist bereits vor Antritt der Praktikumsstelle entstanden.

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