15. April 2020

Glück hat, wer in diesen Tagen auf einem Balkon sitzt. Urlaub auf Balkonien, das sagte man noch vorheriges Jahr ganz verschämt, meist aus gespielten Trotz und wenn man keine Urlaubspläne hatte. Heute ist Balkonien wieder angesehen. Weil das Wetter schön wird, und die Kastanien bereits ihr hellgrünes Kleid anlegen, sehnt sich jede und jeder nach draußen. Der Balkon wird dieses Frühjahr zum Statussymbol. Balkonien, das erwähnt man und lächelt, als handele es sich hierbei um ein Land im Südkaukasus. 

Aber so einfach kann ich meine Füße samt Adiletten nicht aufs Geländer legen und über meinem Hölderlin einschlafen. Dafür reicht der Platz nicht. Mit vier Mitbewohner*Innen teilt man sich entweder die Zeit ein, die man allein auf den drei Quadratmetern sitzt, oder teilt sein Glück mit den anderen. Über zwei Zimmer war er bis vor kurzem leicht zu erreichen. Mein Mitbewohner Josef kam im Home-Office auf die Idee, einen neuen Fernseher zu kaufen. Nun steht das 60-Zoll-Gerät mit 4K-Auflösung quer in seinem Zimmer und versperrt den einen Durchgang auf der rechten Seite. Somit bleibt uns noch eine Tür. Die Mitbewohnerin zur linken Seite ist jedoch genauso sonnenverliebt wie ich und lässt ihre Zimmertür gerne offen. Über ihr Zimmer huschen wir jetzt immer ins Freie.

Wir haben Südseite und die Sonne scheint den ganzen Tag auf unseren Balkon. Weil es jetzt so viel wichtiger geworden ist, seine Zeit auf einem Balkon zu verbringen, sind wir als Wohngemeinschaft zusammengewachsen. Wir kümmern uns um unseren Balkon. Wir pflegen ihn. Wir haben erkannt, dass man einen Balkon wirklich nutzen kann. Wie bei so vielen WG-Balkonen war auch unserer fast ganzjährig eine betonierte Abstellkammer mit gewissen Vorzügen. Auf einem roten Ikea-Abstelltisch für fünf Euro stand der Aschenbecher, abgebrannte Teelichter aus dem Vorjahr und der Flaschenpfand. Zwei Europaletten waren die bequemste Sitzgelegenheit. Auf der einen saß man, die andere diente als Lehne. Mit etwas Glück trat man hinaus und hatte keine klebrigen Füße. Das ist jetzt alles anders! 

Unser Balkon ist der erste Teil in unserer Wohngemeinschaft, der einen eigenen Putzplan hat. Wir fegen unseren Balkon, habe den Ikea-Tisch abgewischt und statt Aschenbecher und Flaschenpfand Laternen hingestellt. Auf den Europaletten liegen Kissen und Decken aus. So können wir auch draußen sitzen, wenn es längst dunkel geworden ist. Dann leuchten uns die Kerzen – oder die 800-Watt-Lichterkette, die Josef mal aus dem Toom-Baumarkt geholt hat. Sie ist bunt, meist in primärfarben gehalten, rot, blau und gelb. Wenn wir sie nachts anschließen, blendet sie wie der Sonnenschein im April, ist genauso warm und leuchtet den kompletten Innenhof aus. Auch das hat seinen Reiz. 

Wir haben Blumenrabatten aus hellem Blech gekauft. Die funkeln im Sonnenlicht ganz gewaltig und sind schön anzusehen. Darin wächst jetzt Spinat und Petersilie. In einem Topf sprießen dank dem warmen Wetter orangene Wildblumen mit schwarzen Tupfen auf den Blättern. Den Star vor unserem Balkon scheint das nicht zu interessieren. Normalerweise sitzt der Vogel immer in der Robinie und schaut auf das Taubennest in der Birke nebenan. Ist das Taubenpaar fort, fliegt er hinüber und holt sich einen oder zwei kleine Äste. Erwischen ihn die Tauben dabei, raschelt es in den noch nackten Baumkronen. Dann kämpfen sie miteinander. Meine Mitbewohner*Innen und ich haben dieses Naturschauspiel oft von unserem Balkon aus beobachtet. 

Das einzige Problem ist der Platz. Wir sind zu fünft und nur drei finden auf der Bank aus Europaletten Platz. Bis auf den Putzplan haben wir keine weiteren Regeln. Wir legen keine Handtücher hin, wollen wir unseren Platz freihalten, sondern stehen auf und lassen ihn frei. Ist der Platz auf den Kissen frei geworden, huscht man schnell auf den Balkon und tut so, als würde man schon ewig drauf sitzen. 


28. März 2020

In Krisen schreibt der Mensch bekanntlich mehr, als in friedlichen Zeiten notwendig ist. In einer Wohngemeinschaft mit fünf weiteren Mitbewohner gibt es einiges zu berichten. Nichts hieran fühlt sich Historisch an, nichts ist irgendwie von Bedeutung. Ich bin privilegiert, weiß und männlich (und auch noch deutsch). Ich habe mir noch schnell vom Amazon-Boten ein Moleskine-Heft liefern lassen. Ich bin jetzt testweise Prime-Kunde. Für Paketboten ist schließlich keine Apokalypse.

Die sind jetzt systemrelevant. Das Heft ist azurblau wie der Himmel über unserem Balkon. Mit meinem Zeigefinger fahre ich durch die linierten Seiten. Zwanzig Euro für ein bisschen Bedeutung, die ich mir auf unserem Balkon selbst beimesse. Mein Füller ist der Durchsichtige von Lamy. Ich möchte abliefern, ein Zeugnis davon abgeben, was der Ausnahmezustand aus mich und meiner Wohngemeinschaft gemacht hat.

Mein Mitbewohner Josef hat sich tags zuvor einen Fernseher bestellt. Weil sich Amazon jetzt nur noch Lebensnotwendiges liefern will, bestellte er direkt beim Hersteller. Red Dead Redemption 2 ließe sich schließlich nur in 4K spielen. In Zeiten der Krise ist die Framerate ein Indikator dafür, ob die Zivilisation zusammenbricht oder nicht. Ich muss feststellen, dass man mit einer Kreditkarte und zwei Klicks sein Geld schnell los wird. Für ein paar Euro erwarb ich das Computerspiel Tropico 4 vom bulgarischen Entwickler Kalypso. Ich spiele einen Tropen-Diktator und winke vom Balkon. Seitdem verteidige ich meine Bananenrepublik gegen die fremden Einflüsse aus Amerika und China. Ich kann Stunden damit investieren, Betriebe zu verstaatlichen und Kaffeebauern auf schwarze Listen zu setzen. 

Nebenbei habe ich Homeoffice. Das mache ich schon seit einer Woche. Ich habe mich noch nicht entschieden, ob es besser ist im Bademantel oder in Boxershorts zu arbeiten. Testweise ziehe ich ein Hemd an, das ich in meine Hose stecke. Frisch rasiert sitze ich dann vor meinem Laptop und schaue auf meine E-Mails. Das fühlt sich einfach nicht richtig an. Ich überschätze mich und mache Überstunden, die ich mir als Pause anrechne. 

Unser Küchentisch ist nun ein Coworking-Space. Meine Mitbewohner*innen und Ich sitzen dann über unsere Laptops gebeugt und schauen die Sendung mit der Maus. Die neue Situation fördert neue Rituale. Als WG unternehmen wir mehr, weil wir uns nicht aus dem Weg gehen können. Normalerweise verwechseln wir Homeoffice mit Netflix. Aber Aktionismus ist nie gut. Die Ausgangsbeschränkungen schränken uns nicht ein.

Es kommt mir eher so vor, als müsste alles gesehen, gespielt und besprochen werden, was im Alltag oft liegen bleibt. Weil das Brot im Edeka um die Ecke ständig ausverkauft ist, essen wir Aufbackbrötchen, die sonst niemand nimmt. Merkwürdig ist nur, dass wir gemeinsam frühstücken, wenn die Aufbackbrötchen auf dem Küchentisch liegen. 

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