BERLINALE KRITIK:

Gewinnerfilm Touch Me Not

Am Sonntag ging die Berlinale zu Ende: Zehn Tage facettenreichen Kinoprogramms im Stundentakt sind vorüber und die Jury hat ihren Sieger gekürt: Touch Me Not. Der experimentelle Film der Regisseurin Adina Pintilie sorgte schon vorher für Diskussionsstoff, denn das Team von Touch Me Not hat sich einem sensiblen Thema angenommen: Intimität.

 Mit dem Sieg des unkonventionellen Films hat kaum jemand gerechnet – auch nicht das Filmteam selbst. Touch Me Not polarisierte zuvor die Zuschauer*innen. Dass dem so sein würde, war der rumänischen Regisseurin Adina Pintilie von vorneherein klar. Im Fokus stehen: Intimität, Erotik, das Ausleben von Sexualität.

In Touch Me Not begleiten wir die Protagonisten*innen dabei, wie sie ihre eigene Sexualität neu hinterfragen und erforschen, an einer Berührungsphobie arbeiten oder versuchen emotionale, innere Barrieren abzubauen. Das geschieht im Rahmen von verschiedenen therapeutischen Einheiten.
Interessant ist dabei insbesondere das Format des Films, einer Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm. Fiktion und Realität verschwimmen, was das ganze Projekt für die Protagonisten*innen zu einer sehr persönlichen Angelegenheit macht – das dringt auch zum/ zur Zuschauer*in durch.

Tatsächlich gab es für Touch Me Not kein Drehbuch. Einige der Darsteller*innen sind keine professionellen Schauspieler*innen. Es hat Regisseurin Pintilie einige Jahre gekostet, für einen solchen Film die passenden Persönlichkeiten zu finden. Der Film kam also in einem spontanen Prozess zustande, er ist ganz das, was die Protagonisten*inne aus ihm gemacht haben. Zu den nicht professionellen Schauspielern*innen gehört Christian Bayerlein. Er hat eine spinale Muskelatrophie – und ist das beste Vorbild für ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper. Christian erzählt uns davon, was er an sich selbst am schönsten findet – seine Augen zum Beispiel. „Man hat mir gesagt, sie würden strahlen.“ Er bekundet uns auch, wie sehr er Sex genießt. Der/die Zuschauerin sieht ihn daraufhin in einem BDSM-Club beim Akt mit seiner Ehefrau, die auch seine Partnerin im echten Leben ist. Das wird einigen im Kino zu viel, da leert sich der Saal schon mal um ein paar Menschen.

Vielleicht ist es prüde, aber dass auch ich mich beim Zuschauen von so intimen Vorgängen zwischen zwei oder mehreren Menschen unwohl fühle, mich frage, was mir das jetzt geben soll. Aber Pintilie geht es gerade darum. Wenn sie im Kino jemandem beim Masturbieren zeigt oder Darsteller*innen im Swinger-Club Vorlieben ausleben lässt, dann mit einer Absicht dahinter: Es gehe darum, von sexuellen Normen abzulassen. Gefühle seien nicht immer gleich „Richtig“ oder „Falsch“, auch wenn man Präferenzen von anderen vielleicht nicht teilt. Touch Me Not ist eine Absage an gesellschaftliches Schubladen-Denken im Hinblick auf Sexualität.

Zwischenzeitlich rückt Pintilie von der Position der Regisseurin hinter der Kamera vor die Linse. Sie erzählt von ihrem Partner und stellt die Frage in den Raum: „Wie, verdammt, kriegen das alle anderen auf die Reihe?“. Touch Me Not enthält viele feinfühlige, empfindsame Momente. Es wäre nicht fair, den Film als obszön abzutun oder auf seine Sexszenen zu reduzieren. In der Pressekonferenz wird spürbar, dass dem ganzen Filmteam eine Botschaft am Herzen liegt. Sie wollen Aufmerksamkeit lenken auf Diversität, einen offeneren Umgang mit dem Thema Sexualität und dem eigenen Körper. Auch die Suche nach Freiheit, die Loslösung davon, was die Gesellschaft sagt, wie man sein sollte und was man zu tun habe, thematisiert der Film auf ehrliche Art und Weise.

In den Medien äußert sich derweil in einigen Beiträgen Irritation darüber, dass der experimentelle Film den goldenen Bären abräumt, was absehbar war. Andererseits wird auch die Absicht und das Konzept Pintilies erkannt, der es in ihrem Film eben gerade um das Austesten von Grenzen der Darsteller*innen auf der einen Seite und die der Zuschauenden auf der anderen Seite, ging.
Dass ein solcher Film die Berlinale gewinnt, spricht für das Festival, bei dem man sonst doch manchmal den Eindruck gewinnt, man habe es im Wettbewerb mit einer abgeschlossenen, selbsternannten Kulturelite zu tun. Die Chancen dafür, dass Touch Me Not nun zumindest in Programmkinos gezeigt wird, wurde durch die Auszeichnung mit dem Goldenen Bären auf jeden Fall erhöht.

 

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