Markus Egg ist Professor und Mitglied des Institutsrates am Institut für Anglistik. Gleichzeitig ist er Sprecher der AfD Pankow. Das trifft nicht nur innerhalb der Studierendenschaft vielerorts auf Unverständnis. Die UnAuf hat ihn zum Streitgespräch mit seinem Kollegen Prof. Martin Klepper, Co-Initiator der gegen Populismus gerichteten W.E.B Du Bois-Lectures am Institut für Amerikanistik, eingeladen.

UnAufgefordert: Herr Egg, Herr Klepper: Das Berliner Landesprogramm will die Gender Studies abschaffen und fordert „neutrale Wissenschaft“. Wie geht man mit den vielen Diskrepanzen zwischen AfD-Programm und den erklärten Zielen des Instituts für Anglistik und Amerikanistik um?

Markus Egg: Zunächst kann ich dazu sagen: Ich persönlich habe mich dezidiert auf dem Parteitag gegen diesen Passus ausgesprochen, das kann ich hier gerne wiederholen. In seiner Pauschalität ist dieser schlicht und ergreifend falsch. Ich persönlich habe dafür plädiert, das so nicht reinzunehmen. Geschlecht ist immer eine Variable, in vielen Wissenschaften, auch in der Sprachwissenschaft. Ich persönlich bin daran interessiert, was in diesem Bereich läuft. Das kann ich zu dem Thema sagen.

U: Als Sprecher der AfD Pankow müssen Sie dieses Programm ja trotzdem vertreten. Wie gehen Ihre Kollegen damit um, dass diesen Forschungsbereichen die Existenzberechtigung abgesprochen wird?

E: Ich finde, dass es immer noch einen Unterschied macht, was ich persönlich denke und was eine Partei denkt, und dass niemand, der in einer Partei aktiv ist, alles wirklich bis auf den letzten Buchstaben unterschreibt. Diesen Spielraum gibt es, den gibt es in jeder Partei, und den muss man den Leuten auch zugestehen. Ich werde auch weiter dafür arbeiten, dass das vernünftig anders formuliert wird.

Martin Klepper: Solange die AfD diesen Programmpunkt haben wird, steht dieses Problem im Raum. Das ist schon ein Riesenkonfliktpunkt, da sich an unserem Institut etwa ein Drittel der Leute mit Gender Studies befassen. Wichtige andere Punkte sind, dass Dinge wie Gender Mainstreaming, Frauenförderung und Gleichstellungsförderung, die ja auch im Leitbild der Humboldt-Universität stehen, von der AfD sehr stark abgelehnt werden, zugunsten von eher konservativen Positionen. Da gibt es einen Clash, der nicht so leicht aufzulösen ist, der sich dann vielleicht in deiner Person auflöst, aber das wissen natürlich viele nicht.

U: Im Landesprogramm steht ja auch folgender Satz: „Dem ‚Gender Mainstreaming‘ liegt die radikale Ideologie zugrunde, dass das natürliche Geschlecht ausschließlich als soziales Konstrukt zu betrachten sei“, wo ich Sie in Ihrer Rolle als Wissenschaftler darauf hinweisen muss, dass das faktisch falsch ist. Sie mögen das nicht persönlich vertreten, aber der Satz steht nun mal im Landesprogramm, mit dem Sie 14 Prozent geholt haben.

E: Ja, aber nicht nur mit diesem Satz. Und wie gesagt, das ist das Problem von jedem politischen Engagement, egal in welcher Partei Sie aktiv sind, Sie werden immer irgendwelche Sachen haben, die Ihnen nicht gefallen. Die Frage nach diesem Problem stelle ich mir, nicht jeden Tag, aber doch jede Woche, gewissermaßen nach dem Motto: Wie groß ist der Anteil dessen, was ich unterstützen kann? Wo ist das Abbruchkriterium?

K: Man stellt sich bei dir doch oft eher die Frage, wie passt du da rein? Diese Gender-Aussagen, die stehen ja nicht allein, sondern man hat bei der AfD oft das Gefühl, es geht um Ängste, die ausgelöst werden durch bestimmte Modernisierungserscheinungen, ob es jetzt um Familie oder um Gender geht, ob es um Migration oder Geflüchtete geht, die dann mit recht einfachen Antworten belegt werden, zum Teil mit Antworten, die gar nicht mehr in unsere Zeit passen. Da fragt man sich, wie passt es zusammen, dass man dich ja nicht als Menschen erlebt, der von Ängsten gepeinigt ist. Da fragt man sich: Sollte man da als Professor, als jemand der in der Bildung arbeitet, nicht differenzieren und entpopularisieren, und sagen: Leute, so einfach ist das alles nicht?

E: Da sehe ich auch meine Aufgabe in der Partei, auf komplizierte Fragen komplizierte Antworten zu geben. Gerade im Bereich Bildungspolitik: Was ist die Basis des Handelns in der Bildungspolitik? Da geht es nicht um irgendwelchen Ideologiekram, dass man etwa sagt, wir sind grundsätzlich gegen Gesamtschulen, sondern die Frage ist: Worum geht es eigentlich? Es geht im Grunde genommen um die zu bildenden Menschen. Was brauchen die und wie kann man ihnen das bestmöglich vermitteln? Alles andere muss hinter dem zurückstehen. Da zum Beispiel ist einer der wichtigsten Aspekte, die ich sehe, und da sind wir uns glaube ich einig, die menschliche Vielfalt. Menschen sind einfach wahnsinnig verschieden.

U: Darf ich da einhaken? Im Programm steht, Bereiche wie Migrationsforschung oder Minderheitenstudien dürften nicht auf Kosten anderer Fächer gefördert werden. Genau das sind ja Fächer, die sich mit Vielfalt beschäftigen. Werden sie zulasten anderer Fächer gefördert?

E: Es steht im Programm, sie dürfen nicht, nicht, sie werden. Das heißt, man muss aufpassen, schlicht und ergreifend. Man muss aufpassen, dass hier nicht aus tagespolitischen Erwägungen universitäre Fächer abgebaut werden zugunsten anderer.

K: Aber Markus, dieser Satz ist doch ein ganz klares Signal, das da gesetzt wird, insbesondere in der jetzigen Zeit. Eines der grundlegenden Probleme unserer Zeit ist doch Migration, und deshalb muss man es auch erforschen. Wir brauchen Migrationsforschung, wir brauchen auch Forschungen, wie man mit traumatisierten Menschen umgeht. Genau diese Punkte sind doch elementar für das Erreichen von Zielen der Gesellschaft.

E: Migration ist eine Aufgabe jetzt im Moment; bis Infrastrukturen geschaffen sind, dauert es Jahre. Das heißt, bis solche universitäre Strukturen aufgebaut sind, kann das zehn Jahre dauern. Bis dahin gibt es unter Umständen schon andere, ebenso wichtige Bereiche, die abgebaut wurden. Es geht darum, dass nicht ein Bereich gegen den anderen ausgespielt wird.

U: Glauben Sie nicht, dass Ihr politisches Engagement für Studierende zum Problem werden könnte, solange Sie sich eine Plattform mit Personen wie Björn Höcke teilen?

E: Ich habe mich intern für einen Parteiausschluss von Höcke eingesetzt. Das kann ich dazu nur bemerken; was zu viel ist, ist zu viel. Und, wie gesagt, ich kann von mir sagen: Diskriminierung ist absolut abzulehnen, das ist etwas Ekliges und ich mache so etwas nicht.

K: Da gibt es schon ein paar Differenzierungen. Erstens mal sind da zwei Themen miteinander vermischt: Inwiefern ist das, was wir machen, politisch? Und inwiefern vermische ich Persönliches und Professionelles miteinander? Ich glaube, das sind zwei unterschiedliche Punkte. Ich sehe unsere Tätigkeit als etwas, das immer auch politisch ist. Ich gebe eine Vorlesung zu amerikanischer Kulturgeschichte; wenn ich dort über den Kulturbegriff rede, bin ich schon immanent politisch, je nachdem, wie ich ihn definiere. Im Leitbild der Humboldt-Universität steht explizit, dass sie gegen Diskriminierung, Intoleranz und kulturelle Selbstüberhöhung eintritt, insbesondere vor dem Hintergrund von Bücherverbrennungen und dergleichen an der Humboldt-Uni. Das bedeutet doch, dass Hochschullehrern hier auch eine besondere Verantwortung zukommt, diesem Leitbild zuwiderlaufenden Entwicklungen zu begegnen und sich über die eigenen Lehrinhalte hinaus zu äußern.

U: Was können sie beide zum Umgang mit diesem schwierigen Verhältnis am Institut sagen?

E: Es gab von der Universitäts-Leitung eine allgemeine Stellungnahme, wonach konkurrierende Ansichten ausgehalten und Differenzen in den argumentativen Streit überführt werden müssen. Das finde ich gut.

K: Sicherlich war ein Problem der Auseinandersetzung beziehungsweise der Nicht-Auseinandersetzung, dass wir an unserem Institut nicht genug miteinander geredet haben. Wir haben nicht genug intern produktiv miteinander gestritten und haben es versäumt, einen Raum zu öffnen, in dem Positionen auf eine Weise dargestellt werden können, ohne dass mit dem Wassereimer operiert wird.