2011 hofften Raya und ihre Generation auf Freiheit, bis Syrien im Chaos versank

Raya* ist eine syrische Revolutionärin. Schon als Kind hat sie gelernt, sich dem System Assad zu verweigern. Als Schülerin ging sie auf die Straße, organisierte in ihrer Heimatstadt die Proteste mit, die als Arabischer Frühling in die Geschichte eingegangen sind. Mittlerweile studiert Raya in Europa und verteidigt das Erbe ihrer Revolution von Frankreich aus.

Ich habe Raya in meinem Auslandssemester kennengelernt. Wir teilten uns ein schattiges Zimmer im Parterre des Wohnheims. Raya war im ersten Semester, sie schlief wenig und starrte in das blaue Licht ihres Laptops. Sie verstand nicht, wie sie überhaupt hierhergekommen war, an die Pariser Eliteuniversität, mit einem syrischen Abitur und ihrem gebrochenen Englisch, das sie sich auf der Flucht notdürftig angeeignet hatte. Beim Vorstellungsgespräch in den Politikwissenschaften hatte man großes Interesse an ihr gezeigt: Raya wurde in eine oppositionelle Familie hineingeboren, sie hatte die Proteste in Ar-Raqqa mitorganisiert und kannte sich im syrischen Bürgerkrieg bestens aus. Trotzdem hat sie die Zusage überrascht. Anfangs war es kaum möglich, mit ihren französischen Kommiliton*innen mitzuhalten. Also lernte sie Tag und Nacht.

Früh morgens kamen die Anrufe, die den Tod eines Klassenkameraden, Cousins oder Nachbarn mitteilten. Während die Dämmerung erstes Licht in unser Zimmer trug, war es in Syrien schon hell genug um nach denen zu suchen, die die Nacht nicht überlebt hatten. Raya war Teil einer WhatsApp-Gruppe, in der Bilder von gefundenen Leichen verschickt wurden, damit deren Angehörige, die bereits in alle Welt geflüchtet waren, sie identifizieren konnten. Alle zwei Minuten Fotos von entstellten Kindern, Männern mit blutenden Köpfen, abgerissenen Körperteilen. Alle paar Tage erkannte Raya jemanden, manchmal weinte sie für eine halbe Stunde. Dann schaltete sie die Bettlampe ein und die Trauer aus, so wie sie es seit Jahren gewohnt war.

Raya hatte gesehen, wie ihre Revolution sich ins Gegenteil kehrte, sie hatte unter dem IS gelebt, der ihren Vater entführt hat, und war allein in die Türkei geflüchtet, von wo aus sie ihr Visum für Frankreich beantragte.

Seitdem sind fast zwei Jahre vergangen. Raya steht kurz vor dem Abschlussexamen. Trotzdem sagt sie sofort zu, als ich sie nach einem Interview frage. Als ich sie anrufe, zeigt der Kalender den ersten Mai, weltweit gehen Menschen auf die Straße. In Paris wird es am Abend noch zu heftigen Ausschreitungen kommen. Es ist ein passender Tag, um mit Raya über Revolution zu sprechen.

Für Raya beginnt der Widerstand in der syrischen Opposition lange vor 2011. Ihr Vater ging bereits gegen den vorherigen Präsidenten Hafiz al-Assad auf die Straße. Raya lernte früh, den Schwur auf die Regierung in der Schule zu verweigern. Schon als Jugendliche veröffentlichte sie kritische Artikel und geriet in den Fokus der Behörden.

Zum Revolutionsbeginn in Tunesien und Ägypten wird Raya gerade volljährig. „Ich war zu jung, um mich eine Revolutionärin zu nennen, aber es hat mich sehr ergriffen, dass sich endlich was veränderte“, sagt sie. Wenig später tauchen auch in Syrien Vorboten eines arabischen Frühlings auf. „Nieder mit Baschar!“ und „Jetzt bist du dran, Doktor“ schreiben Jugendliche mit roter Farbe an ihre Schule. Der Doktor, gemeint ist der gelernte Augenarzt Baschar al-Assad, will eine Revolte in seinem Land mit allen Mitteln verhindern. Er lässt die minderjährigen Verfasser gefangen nehmen und foltern.

„Das war nichts Ungewöhnliches, aber es hat die Situation zum Eskalieren gebracht“, erinnert sich Raya. „Und plötzlich war da eine Bewegung. Die Menschen hatten genug: Von der Unfreiheit, der Willkür der Polizei und des Militärs, aber auch von der schlechten wirtschaftlichen Lage. Also haben wir auch in Ar-Raqqa Proteste organisiert, wir haben gesungen und gefeiert. Wir waren sehr optimistisch, wir dachten wirklich, dass sich endlich etwas ändern würde. Es herrschte eine Ekstase. Selbst als die Sicherheitsleute Assads auf uns schossen, hatten wir keine Angst.“

Die Demonstranten trieb der mögliche Sturz Assads, sagt Raya. Und für die Zeit danach? „Wir verfolgten primär drei Ziele: Den Aufbau der Demokratie, persönliche Freiheit und die Würde des Menschen. Unsere Message war einfach. Es gab keine theoretische Überfrachtung unserer Revolution, keine Traditionen, an denen wir uns orientierten. Die alte Generation, in den fünfziger und sechziger Jahren, hatte ihre Ideologien, Pan-Arabismus und Kommunismus, aber wir wussten, dass sie damit gescheitert waren. Wir waren einfach junge Syrer, die das wollten, was wir im Internet über die freien Länder erfahren hatten.“

Als Erkennungsmerkmal der Oppositionellen habe die Flagge der alten syrischen Republik gedient, erzählt Raya. Drei rote Sterne stehen in Syrien für die Zeit nach der Unabhängigkeit von Frankreich und vor der Einparteienherrschaft der Assads, für eine kurzlebige, chaotische Republik, die von vier Staatstreichen und einem Putsch dahingerafft wurde.

Trotz der alten Fahne sei es die junge Generation gewesen, die diese Revolution angeführt habe, betont Raya, organisiert über soziale Netzwerke. Verwackelte Handyvideos auf YouTube zeigen junge Menschen in Homs, Raqqa und Aleppo, die alte Volkslieder mit neuen Texten singen, die für die Revolution umgeschrieben wurden. „Hau ab Baschar, scheiß auf dich und deine Baath-Partei, und arbeite mal an deinem ‚S‘!“ skandieren die Demonstranten als Reaktion auf eine Rede des Präsidenten, bei der er lispelte. „Wir waren mutiger als unsere Eltern“, kommentiert Raya. „Es gab auch viele junge Helden, zum Beispiel Ghiad Matar, der während der Proteste Blumen an die Sicherheitsleute Assads verteilte, um seine pazifistischen Absichten zu zeigen.“ Der junge Schneider wurde kurz nach seinem 25. Geburtstag gefangen genommen, vier Tage später legte man die geschundene Leiche vor seinem Elternhaus ab.  

Raya ist unermüdlich, wenn sie über die ersten Monate der Revolution spricht. Revolution, sagt sie, nicht Bürgerkrieg, das ist ihr wichtig. In ihrer Heimatstadt Ar-Raqqa habe es natürlich auch regierungsnahe Einwohner gegeben. Aber mit denen habe man höchstens diskutiert, nicht gekämpft, sagt Raya. Sie habe den Sturz des Regimes gewollt, keinen Krieg gegen andere Gruppen oder Minderheiten. Ar-Raqqa bleibt ungewöhnlich lange unter der Kontrolle Assads, gegen den „von unten“ protestiert wird. Doch vertreiben können ihn am Ende nur radikal-islamische Rebell*innen, später wird Ar-Raqqa IS-Hauptstadt.

Raya möchte nicht, dass das das Bild ist, was der Welt von ihrer Revolution im Gedächtnis bleibt. „Mit der zunehmenden Gewalt gegen Demonstranten radikalisierten sich die Leute bis hin zu der Forderung eines islamischen Staates. Ein islamischer Staat, das war das letzte was wir brauchten! Aber ich sehe das als Reaktion auf die Brutalität Assads. Wenn Bomben fallen, wenn du gefoltert wirst, dann kannst du dich nur noch an Gott wenden.“

Die Revolution, sie wurde zur blassen Erinnerung für Raya, die unter Krieg und Flucht begraben lag. Erst in Europa fing sie wieder an, über deren politische Dimension nachzudenken. „Meine Zukunft wird sich um Syrien drehen, das ist sicher“, sagt sie. So lange Assad an der Macht ist, sei es zwar lebensgefährlich, innerhalb des Landes gegen ihn vorzugehen. Raya möchte aber alles tun, um von außen eine demokratische Perspektive für Syrien zu entwickeln.

„Heute wird Assad auf der Gewinnerseite gesehen. Aber wir haben doch etwas geschafft, wir haben die Angst zerstört. Wir haben das erste Mal Nein gesagt, und deswegen wird es weiterhin Menschen geben, die Nein zu Assad sagen. Wir haben die Totalität des Regimes in Frage gestellt und das war ein wichtiger Schritt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie Syrien vor der Revolution war. Nichts wurde öffentlich hinterfragt. Das ist heute anders. Auch wenn die Jugend müde und ernüchtert ist, wird die Revolution in ihren Köpfen bleiben.“

Als das Telefonat vorbei ist, ist es draußen schon dunkel geworden. Mein Handy leuchtet auf. „Kommst du heute noch aufs Maifest?“, fragt ein Freund. Revolution, denke ich, das bedeutet für mich, zum ersten Mai auf die Mietdemo und danach zum Tanzen in den Görlitzer Park zu gehen. Für Raya bedeutet es ihr Leben.

 

*Der Name ist zum Schutz der Person geändert.

 

 

2 KOMMENTARE

  1. Wie ? Es gibt keine Kommentare ? Dann schreib ich auch keinen. Scheint ja doch genug Intelligenz vorhanden, auf so einen flachen Shishi nicht zu reagieren. Bin sowieso mehr oder weniger aus Versehen auf der Seite gelandet. Sorry.

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