Sir Simon Rattle
Sir Simon Rattle, Foto: Monika Rittershaus

Geschrieben von Ingeborg Morawetz

Berlin, 9. Juni 2012

Hinfort mit den Kulissen, den Kostümen, den Vorhängen und Flutlichtern! Wagners Götter und Helden sind im Bannkreis um Sir Simon Rattles Dirigentenpodest lebendiger, als es ihnen unter Taft und Tüll auf den Brettern, die die Welt bedeuten, je gestattet war. Zum dritten und letzten Mal in dieser Saison begeisterten die Berliner Philharmoniker am 27. Mai 2012 mit einer konzertanten Aufführung von Richard Wagners “Walküre“.

Als zweiter von vier Teilen des von Wagner als dreitägiges Bühnenfestspiel konzipierten „Der Ring des Nibelungen“ (1876 uraufgeführt) erzählt „Die Walküre“die Geschichte der Zeugung Siegfrieds. Seine Eltern, die Geschwister Siegmund und Sieglinde, begegnen sich unwissend, erkennen und verlieben sich ineinander. Im Duell mit Sieglindes Mann Hunding wird Siegmund der Schutz des Göttervaters Wotans auf Wunsch von dessen Ehefrau Fricka entzogen. Siegmund stirbt trotz seiner bedeutenden Waffe, dem Schwert Notung, im Kampf und lässt Sieglinde, die bereits sein Kind unter dem Herzen trägt, zurück. Wotans mitleidsvolle Tochter Brünnhilde, nimmt sich ihrer an, rettet sie und wird dafür von Wotan in einen Schlaf gelegt, aus dem sie nur der Mutigste erwecken kann – dieser Held ist der am Ende der “Walküre” noch ungeborene Siegfried.

In schlichter Abendgarderobe umsangen und umspielten die Interpreten vor dem Bühnenbild des Orchesters den großartigen Sir Simon Rattle, dessen Augen, Ohren und Hände nicht ruhten, der offensichtlich ebenfalls genoss und die Berliner Philharmoniker zu einer donnernden Präzision leitete. Die Omnipräsenz des Orchestralen verdeutlichte sich in gegen die Erwartung intonierten Akzentuierungen am Ende des zweiten Aufzuges, die den der Handlung geschuldeten Längen zu Lebendigkeit verhalf. Einen nicht geringen Beitrag zur Gegenwärtigkeit der dialoglastigen, nachdenklichen Passagen dieser Szenen leistete auch Evelyn Herlitzius als Wotans Tochter, die Walküre Brünnhilde. Zart von Gestalt und burschikos im Auftreten war sie, wenn nicht das Inbild einer Walküre – ein Geisterwesen aus dem Gefolge des Göttervaters, das besonders ehrenhaft gefallene Krieger nach Walhall begleitet – so doch das Inbild einer Tochter. Wer Wagners psychologisch einfühlende Texte und Regieanweisungen kennt, wusste dieser Besetzung das richtige Gewicht beizumessen. In ihrem ersten Auftreten kess und dem Ohre schwer zugänglich überraschte sie im weiteren Verlauf mit einer kaum zu erahnenden stimmlichen Tiefe. Ebenso überzeugend war Eva-Maria Westbroek als Sieglinde, die mit atemloser Eindringlichkeit, nahe gehenden Höhen und einer einzigartigen Mimik sang.

Christian Elsner schien zunächst nur in Sanftheit mit ihr Schritt halten zu können, sein Siegfried erwachte erst in der dritten Szene des ersten Aufzuges vollkommen. Hier rief er nach dem Vater: „Wälse! Wälse!“ und war danach ein anderer. Zuträglich war das nicht nur der Gesamtgewalt der Aufführung, sondern auch und vor allem dem bald folgenden Liebesduett der Geschwister. Man mag sich nicht entscheiden, ob Sieglindes Einweihung in das Geheimnis des Schwertes Notung oder Siegfrieds Begrüßung des Lenz im Hunding’schen Hause ergreifender gewesen ist. In die Liste der grandiosen Besetzung einzureihen ist eben auch Hunding, gesungen von Mikhail Petrenko, der Christian Elsner nicht nur kontrastierte, sondern ihn anfänglich sogar dominierte. Terje Stensvold agierte als ein großväterlicher Wotan, der im Zwiegespräch mit Lilli Paasikivi als Fricka in bodenständiger Präsenz den getragensten Part der “Walküre“ sicherte und in ironisierender, zweifelnder milde Lust darauf machte, ihn donnern zu hören. Der wütende Göttervater erfüllte schließlich die geschürte Erwartung nicht gänzlich – stellte er sich doch als Grübelnder zuvor selbst in den Schatten.

Der nahtlos gegossene Ritt der Walküren, die treibende Kraft der Violinen, die Wehmut der Bläser, die Unverfälschtheit der Gegebenheiten, das Textbuch auf den Knien und die Felsschluchten in der Fantasie: Der Genuss, den die Form der Aufführung in Verbindung mit der Meisterhaftigkeit der Aufführenden bot, machte den Abend zu einem beseelenden.

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