Die Komische Oper zaubert immer wieder sehr charmante Produktionen auf die Bühne an der Behrensstraße. Auch bei ,,Anatevka‘‘ handelt es sich um eine beachtenswerte Leistung dieses Hauses.

Als vor etwa zwanzig Jahren die Berliner Stadtkasse leer und die Berliner Opernhäuser schlecht ausgelastet waren, wurde immer wieder erwogen, die Komische Oper an der Behrensstraße zu schließen. Zum Glück kam es nicht so weit: man vereinigte die drei Opern sowie das Staatsballett unter dem Dach einer Stiftung, beseitigte Doppelstrukturen und sorgte für inhaltliche Abstimmung. Heute zeigt sich von Spielzeit zu Spielzeit, von Inszenierung zu Inszenierung, dass letzteres eine rühmliche Entscheidung war und dass Berlin nicht laut genug über seine Opernvielfalt jubilieren kann. Eine Spielart dieser Opernvielfalt bietet die Komische Oper und es ist beeindruckend, mit was für einer Farbenpracht und Euphorie am einst von Schließung bedrohten Hause gespielt wird.

Bestes Beispiel hierfür ist gegenwärtig das Musical ,,Anatevka‘‘ von Jerry Bock, das gemeinhin auch unter dem Titel ,,The fiddler on the roof‘‘ bekannt ist und hierorts vom großartigen Barry Kosky inszeniert wird. Vermutlich ist das auch schon die Erklärung für diesen rasanten Abend. Autor Jerry Bock erzählt die Geschichte des Dorfes Anatevka, in dem auch eine ganze Menge jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger leben. Hin- und hergerissen zwischen alt-ehrwürdigen Regeln jüdischer Tradition und den ganz persönlichen Wünschen und Hoffnungen entspinnt sich entlang der Frage nach der Verheiratung der Töchter von Milchmann Tevje eine sympathisch-melancholische Geschichte. All‘ seine Töchter heiraten am Ende einen anderen Mann, als von Jente, der Heiratsvermittlerin des Dorfes, vorgeschlagen. Im Falle der jüngsten Tochter, die gar einen nicht-jüdischen Mann heiratet, zerreißt Tevje gar das Familienband. Dabei gibt es nichtmals ein Happy End: schlussendlich müssen alle jüdischen Bewohner des Dorfes fliehen, um den antisemitischen Pogromen zu entkommen.

Die Themen des Abends sind hoch aktuell: Familie, Tradition, gesellschaftliche Veränderung

Barry Kosky hat die Fragestellungen dieser Geschichte auf sympathische Weise in Anschlag gebracht. Er bringt seine Schauspieler dazu trefflich mit dem, was man ,,jüdischen Humor‘‘ nennt, zu hantieren, sodass man immer wieder laut auflachen muss. Das gelingt Kosky womöglich auch deswegen so gut, weil seine eigene Familie vor über hundert Jahren aus einer ähnlichen Szenerie, wie sie in Anatevka gegeben wird, von Weißrussland nach Australien emigriert sind. Es ist eine ganz persönliche Leidenschaft, die Kosky hier einbringt – und das merkt man! Die Themen des Abends sind dabei hoch aktuell: Familie, Tradition, gesellschaftliche Veränderung. All‘ das bespricht Anatevka. Allein – in der zweiten Hälfte nach der Pause schielen die Augen jedoch immer wieder auf die Uhr, das Musical ist mit seinen fast 200 Minuten doch reichlich lang geraten. Man mag allerdings dagegenhalten, dass es notwendig war, die Geschichte aller drei Töchter zu erzählen, wo sie doch alle unterschiedliche Männer heiraten möchten und damit unterschiedliche Reaktionen hervorrufen.

Doch nicht nur die Inszenierung ist gelungen, sondern auch die Schauspieler und Schauspielerinnen leisten an diesem Abend eine ausgezeichnete Arbeit. Da ist etwa Markus John als Milchmann Tevje, der die Zerrissenheit zwischen Tradition und der großen Liebe zu seinen Töchtern detailreich abzeichnet, ja, der trotz der Härten des Lebens und dem harten Brot seiner Tätigkeit als Milchmann in keiner Situation den Humor verliert. Als sein Counter-Part wirkt Tevjes Frau Golde, die von Dagmar Manzel verkörpert wird, und die einen beachtenswerten Wandel vollzieht. Anfangs noch ganz im System der Heiratsvermittlerin Jente gefangen und sehr angetan von der Idee ihre Töchter ,,gewinnbringend‘‘ zu verheiraten, sieht sie mit und mit sehr viel klarer: die Liebe siegt. Und doch wird die Tradition nicht als etwas ,,veraltetes‘‘ abgestempelt, sondern Teil des Abzeichnens jener Konfliktlinien ist immer die Vergegenwärtigung des Umstandes, dass es allein das Bewahren von Traditionen war, dass das jüdische Volk – mag es auch auf aller Welt zerstreut sein – zusammengehalten hat und zusammenhält.

Alles ganz ohne in einen Chagall-Kitsch abzurutschen

Auch das Bühnenbild, für das Rufus Didwiszus verantwortlich zeichnet, ist intelligent gemacht: nur so viele Requisiten wie nötig, dabei originalgetreue Verkleidungen, die sehr zum Verständnis des Musicals beiträgen, und im Hintergrund eine große Wand aus Schränken, die immer wieder verschieden variiert, zusammengeschoben werden und mal als Versteck für eins der jungen Liebespaare, mal als Balkon, mal als Häuserdach dienen. So gelingt es immer wieder, nur durch das Öffnen einer Schranktür ganz spezielle Stimmungen und Momente zu erzeugen. Angenehm zu sehen ist auch, dass man sich hier nicht der Versuchung hingegeben hat, zum x-ten Male ein jüdisches Stück mit Koffern als Requisiten in Verbindung zu bringen. Spätestens nach dem Herheim-Ring an der Deutschen Oper ist Berlin sowieso ,,Koffer-müde‘‘. Nein, hier kommt die Kleinteiligkeit des klassischen Schtetls zum Ausdruck, ganz ohne in einen Chagall-Kitsch abzurutschen oder mit Birken und Tundra die Russische Landschaft hinterm Ural nachzeichnen zu wollen.

Peter Renz ist seit 1998 teil des Ensemble der Komischen Oper Berlin und hier zu sehen in seiner Rolle als Rabbi. Foto: Iko Freese/ drama-berlin.de

Dazu kommt das Orchester unter der Ägide von Koen Schoots, das zwar hier und da etwas zurückhaltend spielt, ansonsten aber einwandfrei musiziert. Offenbar hat Koen Schoots in seinen Reihen aber auch einen ganz ausgezeichneten Klarinettisten, der in vielen Passagen feinsten Klezmer-Klang gen Publikum zaubert und an diesem Abend ganz auf seine Kosten kommt. Egal, ob in einer Szene, in der das große Hochzeitsfest von Zeitel und Mottel gefeiert wird oder wenn die melancholischen, samtweichen Klänge von Trennung und Abschied erzählen – der Klarinettist des Abends zeichnet all diese Stimmungsverläufe so behutsam und empathisch nach, dass man seiner Spielkunst schon nach wenigen Augenblicken gänzlich verfallen ist.

Kurzum: ,,Anatevka‘‘ ist ein hinreißendes Stück, womöglich ein klein wenig langatmig, aber bei dieser gewitzten Inszenierung jederzeit zu empfehlen. Mal wieder ist Barry Kosky ein Geniestreich gelungen und niemand sollte die Gelegenheit verpassen, an seinem Werke teilzuhaben.


Leider wird ,,Anatevka‘‘ in der laufenden Spielzeit nicht mehr gegeben. Allerdings ist die Komische Oper immer einen Besuch wert. In der aktuellen Spielzeit stehen etwa Opern-Knaller wie ,,Falstaff‘‘, ,,Orpheus‘‘ oder ,,Der Ball im Savoy‘‘ auf dem Spielplan. Nähere Informationen hierzu findet ihr auf der Website der Komischen Oper.

Foto: Iko Freese