Home Gesellschaft TikTok als Rebellion, Trump als Imperator – Andors Idee von Antifaschismus

TikTok als Rebellion, Trump als Imperator – Andors Idee von Antifaschismus

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„Life imitates art far more often than art imitates life.” – so äußerte sich Oscar Wilde zum Verhältnis von Kunst und Realität und gerade jener Gedanke sollte es sein, der mit der erneuten Wahl Donald Trumps im Januar 2025 und der Veröffentlichung der zweiten Staffel der Star-Wars-Serie Andor wenige Monate später millionenfach auf TikTok und Instagram kursierte.

So wurde in zahllosen Kurzvideos die einfühlsam rasante Fiktion der Serie Andor mit der politischen Realität der Vereinigten Staaten verglichen. Interessant ist, dass diese Vergleiche weniger von einer platten Allegorie angetrieben werden, als vielmehr von einem Gefühl zunehmender Nähe: Die Verrohung politischer Sprache, die Angriffe auf Institutionen, die schleichende Normalisierung autoritärer Praktiken – all das lässt das, was einst wie ferne Dystopie wirkte, unangenehm vertraut erscheinen.

Es ist zunächst nichts Neues, dass Serien auf unterschiedliche Weise versuchen, unsere Gegenwart zu spiegeln. Ungewöhnlich ist jedoch, dass dies zu einem medialen Trend avanciert, bei dem die Klickzahlen bis in die Millionen schießen. Die Geschichte, die uns Andor erzählt, ist nämlich – entgegen aller anderen Star Wars Serien und Filme – keine von gigantischen Raumschlachten, billigen aber schönen Liebesgeschichten oder dem Heckmeck der Macht, stattdessen zoomt die Serie tiefer rein, entlarvt Psyche und Struktur hinter dem Imperium gleichermaßen wie hinter der Rebellion.

Andor wird damit zu einer kollektiven Lektüre der Gegenwart durch die Linse der Fiktion. Und das lässt die Serie eine Funktion erfüllen, die man beinahe anthropologisch nennen könnte: Sie macht sichtbar, wie Gesellschaften ihre Krisen in kulturellen Bildern verarbeiten. Popkulturelle Narrative werden zu Resonanzräumen, in denen sich Angst und Hoffnung verdichten, ohne dass sie sofort politisch aufgelöst werden müssten. Andor ist in diesem Sinne weniger Unterhaltung als vielmehr ein ästhetisches Frühwarnsystem – eines, das nicht urteilt, sondern beobachtet. Und gerade deshalb wirkt.

Ein Universum im Übergang

Die Geschichte ist zwischen Episode III und IV des Star Wars-Kanons angesiedelt: Nach dem Übergang der Republik in das Galaktische Imperium unter Imperator Palpatine in Episode III, aber vor dem sichtbaren Triumph der Rebellenallianz im vierten Teil. Diese Positionierung ist entscheidend: Andor interessiert sich eben nicht wie das sonstige Star Wars für irgendein lautes oder intensives entscheidendes Ereignis, nicht für die eine entscheidende Raumschlacht, nicht für das eine entscheidende Lichtschwertduell oder den einen entscheidenden Sieg, nein, Andor schaut auf das Davor. Es ist die schleichende Etablierung des Faschismus, sein Immer-tiefer-sickern in die Psyche der Galaxianer, was in der Serie Platz findet – und dabei zeigt, unter welchen Bedingungen Widerstand überhaupt erst denkbar und möglich wird.

Titelheld und Protagonist ist Cassian Andor. Zunächst ein Einzelgänger, getrieben von Opportunismus und dem Wunsch, zu überleben, kippt seine Haltung, je mehr er mit der allgegenwärtigen Kontrolle des Imperiums konfrontiert wird – Propaganda, Denunziation und bürokratischer Willkür. Aus Frustration wird Wut, aus Wut wird Haltung und aus Haltung wird Handlung. Und das treibt Cassian immer weiter in die anfänglichen Fragmente einer Rebellion. Zuerst sind es einzelne Aufstände, Attentate auf das Imperium, dann organisiert sich die Rebellion, wird größer, taktischer, effizienter. Er lernt Menschen kennen, die Freund*innen werden, ähnlich fühlen, ähnlich oder noch viel wütender sind und die bereit sind, sich mit allen möglichen Mitteln am Imperium zu rächen, was sich – wie zu erwarten – als alles andere als heroisch herausstellt. Sie ist mühsam, widersprüchlich, oft von Einsamkeit geprägt. Widerstand entsteht hier nicht aus moralischer Reinheit, sondern aus der Erfahrung, Teil eines Systems geworden zu sein, das einen entmündigt. Einer von den Rebellen ist Luthen Rael. Sein ganzes Leben widmet er dem Kampf gegen das Imperium. Er ist kein strahlender Anführer, sondern ein Stratege im Schatten, dessen Handeln von einer kompromisslosen Logik geprägt ist: Das Imperium muss fallen – koste es, was es wolle. Antifaschistischer Kampf heißt für Luthen „Opfer bringen”, seine Entscheidungen sind kalkuliert, oft brutal in ihren Konsequenzen – aber sie folgen gegenwärtiger Notwendigkeit, antiimperialer Reaktion, und eben nicht persönlicher Grausamkeit. An einer Stelle ermordet er einen für ihn wichtigen Spitzel des Imperiums, der ihm kurz zuvor von seiner Familie erzählt hat. Grausam, aber notwendig für die Rebellion. Wie viel er selbst denn opfere, wird er einmal gefragt und antwortet: Was ist mein Opfer? – Ich bin dazu verdammt, die Werkzeuge meines Feindes zu benutzen, um ihn zu besiegen. Ich verbrenne meinen Anstand für die Zukunft eines anderen. Ich verbrenne mein Leben, um einen Sonnenaufgang zu schaffen, von dem ich weiß, dass ich ihn nie sehen werde. Und das Ego, das diesen Kampf begonnen hat, wird niemals einen Spiegel oder ein Publikum oder das Licht der Dankbarkeit haben. Was opfere ich also? – Alles Das macht deutlich, worum es Andor wirklich geht: um die Zumutungen politischen Handelns unter autoritären Bedingungen. Um die Frage, wie viel man zu opfern bereit ist – und was dabei verloren geht.

Solidarität statt Homogenität

Gerade vor diesem Hintergrund entfaltet Andor seine vielleicht wichtigste politische Pointe. Denn während das Imperium auf Vereinheitlichung, Kontrolle und die Auslöschung von Differenz setzt, organisiert sich der Widerstand genau umgekehrt: durch Unterschiedlichkeit.

Die Parallelen zu aktuellen politischen Entwicklungen – etwa in den USA – sind dabei weniger konkret als strukturell. Es geht nicht um eins-zu-eins-Vergleiche, sondern um Mechanismen: Macht, die sich durch Angst stabilisiert; Institutionen, die ausgehöhlt werden; eine Öffentlichkeit, die sich zunehmend polarisiert.

Gerade die fiktionale Dualität eines Aufbegehrens faschistischer Macht und eines gleichzeitigen antifaschistischen Aufbegehrens gegen eine politische Ohnmacht lässt sich auch in den USA beobachten. So  gehört der Spruch „I have friends everywhere”, den Luthen in Andor wütend einem Imperialen entgegenwirft mittlerweile zum festen Repertoire antifaschistischer Bewegungen weltweit. Auf den „No Kings” Protesten in San Diego in Kalifornien sah man Etliche, die jenen Spruch auf Plakaten gegen Trump emporhielten.

Andor will vielleicht gerade das zeigen. Denn neben seiner recht trivialen Warnfunktion wird somit, ein wenig tiefer liegend, der Kern der Serie offenbar: Eine politische Diagnose, ein politischer Appell, der heutzutage wichtiger denn je zu sein scheint. Nämlich dass der Grundstein eines jeden antifaschistischen Widerstandes Solidarität ist – oder, um mit der Politikwissenschaftlerin Inga Nühten zu sprechen: Es braucht kein homogenes Wir, um solidarisch zu handeln. Der Kern von Solidarität ist Differenz.

Damit wird Solidarität nicht nur der Grundstein für Andors Handlung, sondern vor allem als der Grundstein antifaschistischen Widersetzens allgemein inszeniert, der sich unter dem ganzen Sud an Gewalt, glitzernd und eigentlich sogar schon fast romantisch als Anker der Figuren offenbart. Dem entgegen steht das Imperium, das auf homogenisierte Gleichheit und die Auslöschung jeglicher Individualität setzt, wie eben Trump. Wohingegen sich ein solidarischer Widerstand aus dem gemeinsamen Anerkennen von Unterschieden heraus organisiert.  In Andor erhalten die Figuren durch ihre – zwar nicht sonderlich zarte – Solidarität eine für Star Wars ganz unübliche Art von Komplexität und Tiefe, die aus ihrer Not heraus eben authentisch, aber auch ungemütlich wirkt. Die werdenden Rebellen verbünden sich, streiten in Wut, lachen versöhnend und prügeln sich, weil jede*r von ihnen von der eigenen, verschiedenen Geschichte geprägt ist, aber auch von der Gemeinsamkeit, dass der Schrecken des Imperiums immer Teil dieser ist.

Nemiks Manifest: Theorie im Herzen der Rebellion

Einer von ihnen ist der Rebell Karis Nemik, ein verlorener Poet im Krieg gegen das Imperium. In der ersten Staffel arbeitet er an einer Analyse faschistischer Regime, die über beide Staffeln hinweg auch immer wieder zitiert wird. Mit Tränen in den Augen, verzweifelt, hört sich Cassian jenes Manifest an einem zentralen Moment an:  Das imperiale Bedürfnis nach Kontrolle ist so verzweifelt, weil es so unnatürlich ist. Tyrannei erfordert ständige Anstrengung. Sie bricht, sie leckt. Autorität ist brüchig. Unterdrückung ist die Maske der Angst. Nemiks Formulierungen erinnern an Hannah Arendts Hinweis, dass totalitäre Machtformen permanent mobilisieren müssen, um ihre eigene Fragilität zu überdecken. Andor übersetzt diese Einsicht in Bilder – und macht sie damit anschlussfähig für ein breites Publikum, das vielleicht weder Lust noch Zeit hat, ein politisches Theoriebuch aufzuschlagen. So ist es gerade diese zentrale Verbindung von Faschismusanalyse und Unterhaltung, Theorie und Emotion, die sich so präzise als Projektionsfläche für gegenwärtige politische Deutungen eignet.

Aber wenn es doch zu einem gesellschaftlichen und medialen Paradigma wird, die filmische Inkarnation des Faschismus, das Galaktische Imperium, als Allegorie für die aktuelle politische Entwicklung in eigentlich „demokratischen” Staaten anzusehen, müsste sich dann nicht jede*r Einzelne von uns dringlichst vor Augen führen, wie akut wir in einer politischen Krise stecken? Keine Frage, es scheint an der Zeit zu Handeln und sich zu Widersetzen, damit vermieden wird, was schon Oscar Wilde – und aktuell viele Andere bei Andor und der politischen Gegenwart feststellen: „Life imitates art far more often than art imitates life.”


Foto: Maarva (Fiona Shaw) in Lucasfilm’s ANDOR, ©2022 Lucasfilm Ltd. & TM. All Rights Reserved.