Nach den Massenprotesten im Jahr 2020 wurde Belarus zu einem Staat im offenen Konflikt mit seiner eigenen Bevölkerung. Die Dichterin Julia Cimafiejeva, heute im Berliner Exil, spricht im Interview mit der UnAuf über politische Repression, kulturelle Auslöschung und die historische Marginalisierung der belarusischen Sprache. 

UnAuf: Frau Cimafiejeva, warum leben Sie im Exil?

Cimafiejeva: Alexander Lukaschenka, der belarusische Diktator, kam 1994 an die Macht und herrscht seither über unser Land. Im Jahr 2020 fanden zum sechsten Mal Präsidentschaftswahlen statt und viele Menschen gingen auf die Straße. Wir hatten große Hoffnung auf Veränderungen in unserem Land. Nach Schätzungen protestierten allein in Minsk 200.000 Menschen gegen die manipulierten Wahlen. Die Behörden antworteten mit Gewalt gegen ihr eigenes Volk. Viele Menschen wurden verhaftet, verprügelt oder während der Proteste getötet.

Mein Mann und ich nahmen an diesen Protestmärschen teil. Glücklicherweise wurden wir nicht festgenommen. Doch mein Bruder und viele unserer Freunde hatten nicht so viel Glück.

Als wir Ende November 2020 das Land verließen, hoffte ich, dass wir nur ein halbes Jahr wegbleiben würden. Zeit verstrich und wir sahen, dass es nicht der richtige Zeitpunkt war, um zurückzukehren. Das ist jetzt fünf Jahre her.

© Julia Cimafiejeva

„Ein laut vorgelesenes Gedicht oder ein Lied, gesungen im öffentlichen Raum, werden zu Waffen der Revolution.“ ~ Minsk. Tagebuch (S.62)

UnAuf: Als Reaktion auf das Erlebte entstand Ihr „Minsk. Tagebuch“. Normalerweise schreiben Sie Gedichte, in diesem Fall haben Sie jedoch Prosa in dokumentarischer Form verfasst. Hat Ihnen das Schreiben geholfen, die Situation in Belarus zu verarbeiten?

Cimafiejeva: Ja. Es gab Texte in mir, die ich einfach niederschreiben musste, und die Financial Times suchte damals jemanden, der über die Ereignisse auf den Straßen schreiben konnte. So entstand erst ein Essay und später das Tagebuch. Darin habe ich versucht, den Zeitgeist, den Fluss der Ereignisse und Gefühle einzufangen und für die Zukunft zu bewahren. Das Schreiben auf Englisch verschaffte mir die dazu nötige Distanz. Auf diese Weise entstand auch das Gedicht „My European Poem“, das ich während der Proteste niederschrieb. Als ich vor drei Jahren das Buch ins Belarusische übersetzte, war das traumatisch und schmerzhaft, denn ich musste die Erlebnisse in meiner eigenen Sprache, ohne Distanz, erneut erleben.

When I tell it in English,
I want to pretend that I am you,
That I don’t have that painful experience
Of constant protesting and constant failing,
That nasty feeling of frustration and dismay.                
I want to pretend that I have a hope,
Because when I tell it in Belarusian
I realize, we all realize, there is none
We can look forward to.

~ Auszug aus: „My European Poem“

UnAuf: Wie sehen Sie heute, fünf Jahre später, auf die Situation in Belarus?

Cimafiejeva: Ich würde sagen, dass sich die Lage seit 2021 verschlechtert hat. Mehr als 800 Menschen sind von Menschenrechtsorganisationen offiziell als politische Gefangene anerkannt. Aber viele Menschen, die im Gefängnis sitzen oder zu Haftstrafen verurteilt wurden, sind den Menschenrechtsverteidigern unbekannt. Ihre Angehörigen wollen keine Informationen weitergeben, weil sie befürchten, dass eine Veröffentlichung gegen die Gefangenen verwendet werden könnte und sich die Haftbedingungen verschlechtern könnten.

Fast 2.000 Nichtregierungsorganisationen wurden vom Staat aufgelöst und geschlossen, darunter Organisationen, die sich mit sozialen, ökologischen, kulturellen und natürlich auch politischen Themen befassen. Menschen, gegen die politische Strafanzeigen erhoben wurden, finden in Belarus keine Arbeit mehr. Sie spüren den ständigen Druck, dass sie zu Verhören vorgeladen werden können.

Es haben bis zu 500.000 Menschen das Land verlassen. Das ist bei neun Millionen Einwohner*innen eine enorme Zahl, vor allem, wenn man bedenkt, dass viele derjenigen, die das Land verlassen haben, politisch, kulturell oder sozial aktiv waren.

UnAuf: Viele Menschen in Deutschland wissen nicht, dass Belarus eine eigene Sprache hat, geschweige denn eine Literatur. Wie würden sie diesen Menschen die Entwicklung der belarusischen Sprache und Literatur beschreiben?

Cimafiejeva: Im Laufe der Jahrhunderte wurde die belarusische Sprache unterdrückt und aus der staatlichen Dokumentation verdrängt. Das lag vor allem an der russischen Fremdherrschaft. Russisch wurde die Sprache des Staates, der Verwaltung, der Bildung und der Literatur. Im 19. Jahrhundert beschlossen einige Schriftsteller*innen und Dichter*innen, die belarusische Sprache wiederzubeleben, indem sie auf dem Land Gesprochenes in die Literatur einbrachten. Später, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, setzten Dichter wie Maksim Bahdanovič und Janka Kupala diese Tradition fort.

Manchmal sagen wir, dass Belarus von den Dichter*innen erträumt, von ihnen erdacht und erschaffen wurde, weil sie die Idee hatten, dass Belarus ein unabhängiger Staat sein könnte, und andere von diesem Traum überzeugten.

UnAuf: Dann kam 1917 die Oktoberrevolution?

 Cimafiejeva: Ja, das machte die 1920er und frühen 1930er Jahre zu einer sehr formenden Zeit. Die belarusische Sprache, Literatur, Kultur, Wissenschaft und Lexikographie entwickelten sich sehr schnell. Viele neue Schriftsteller*innen kamen, oft aus den Dörfern in die Städte, und gründeten Schriftstellerorganisationen und andere Institutionen. Dies war Teil der damaligen sowjetischen Politik während der Zeit der Neuen Ökonomischen Politik, die eine Art nationale Wiederbelebung ermöglichte.

UnAuf: Doch es blieb nicht bei dieser nationalen Wiederbelebung?

Cimafiejeva: Nein. Ab der zweiten Hälfte der 1930er Jahre änderte sich die Politik des Sowjetstaates radikal. Diejenigen, die nationale Literaturen und Identitäten entwickelten, wurden verhaftet, hingerichtet oder unterdrückt. In Belarus gedenken wir unter anderem der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 1937, in der mehr als hundert Persönlichkeiten der belarusischen Kultur und Wissenschaft erschossen wurden. Es war nicht die einzige solcher Nächte; auch davor und danach fanden Repressionen statt.

© Julia Cimafiejeva

„Es klingt absurd und verrückt, aber das ist unsere Geschichte, und jeder Autor von Dystopien wäre neidisch darum.“ ~ Minsk. Tagebuch (S.103)

UnAuf: Und die jüngere Geschichte?

Cimafiejeva: In den 1990er Jahren, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, gab es eine kurze Phase, in der Belarusisch die einzige Staatssprache war. Dann hielt Lukaschenka ein fragwürdiges Referendum ab und führte sowohl Russisch als auch Belarusisch als Staatssprachen ein.

Seit seinem Amtsantritt hat sich der Status des Belarusischen verschlechtert. Es gibt keine staatlichen Fernsehsendungen in belarusischer Sprache, keine Universitäten oder Gymnasien, an denen der gesamte Unterricht auf Belarusisch stattfindet. Die Behörden sagen, dass wir natürlich die belarusische Sprache beibehalten sollten, aber es nicht notwendig ist, sie zu beherrschen.

Für viele Schriftsteller*innen meiner Generation war Belarusisch eine Entscheidung. Die meisten von uns kommen aus russischsprachigen Familien oder, wie ich, aus einer Familie, in der Trasyanka – eine Art zusammengeworfene Rede aus dem Russischen und Belarusischen, seiner Dialekte – gesprochen wird. Wir haben also Belarusisch neu gelernt und es als Sprache für unser Schreiben und oft auch für unser tägliches Leben gewählt.

UnAuf: Wie geht es dem belarusischen Buchmarkt heute?

Cimafiejeva: Den meisten unabhängigen Verlagen wurden ihre Lizenzen entzogen. Einige Verleger wurden auch inhaftiert. So verbrachten beispielsweise der Verleger Andrej Januszkievič und einer seiner Mitarbeiter einen Monat im Gefängnis und mussten dann das Land verlassen.

Heute werden die besten belarusischen Bücher außerhalb von Belarus produziert. Wir haben belarusische Verlage in Berlin, Prag, London, Warschau, Vilnius und anderswo. Ich würde also nicht sagen, dass die Situation völlig tragisch ist – eher lebendig. Doch die Zeit ist unser Feind. Die Menschen lernen die Sprachen ihrer neuen Länder. Die Frage ist, ob sie in zehn Jahren noch eine belarusische Identität bewahren und belarusische Bücher lesen wollen.

UnAuf: Ihr neues Buch »Ich zerschneide die Geschichte« ist im September auf Belarusisch und Deutsch erschienen, in letzteres übersetzt von Tina Wünschmann. Es besteht aus Gedichten und Collagen. Wie ist diese, für ihr Werk, neue Form entstanden?

Cimafiejeva: Ich habe mich schon seit meiner Kindheit für Kunst interessiert und wollte Künstlerin werden, aber ich bin in einem Dorf aufgewachsen, in dem es dafür keine Möglichkeiten gab. Also habe ich mich für Literatur entschieden, aber ich habe immer versucht, zu zeichnen oder zu malen. Vor zwei Jahren habe ich beschlossen, mich wieder an Collagen zu versuchen. Ich hatte schon früher einige erstellt, aber in diesem Sommer wurde es fast zu einer Manie. Für Collagen muss man weder malen noch zeichnen können, es braucht lediglich einen Sinn für Schönheit und Harmonie sowie eine Schere, Kleber und Papier. Das reicht völlig aus.

© edition frölich

UnAuf: Sie verwenden in einer Collage ein Foto von Leni Riefenstahl. Wie kam es dazu?

Cimafiejeva: In einer Bücherkiste auf der Straße habe ich ein Buch über Riefenstahl gefunden und  ich verband sie  in meinem Kopf mit jenen großen Erzählungen der Geschichte, die immer zu gewinnen scheinen. In der Collage zerschneidet eine Eisschnellläuferin Riefenstahls Figur in Stücke. Das Gedicht daneben ist eine Reaktion auf die Collage. Ich habe sie betrachtet und nach Assoziationen gesucht.

UnAuf: Wie sehen Sie die Beziehung zwischen Ihrer Situation und dem Verfahren der Collage?

Cimafiejeva: Für mich waren die Collagen eine Art Spiel. Anfangs habe ich nicht viel auf den Text oder die tiefere Bedeutung geachtet. Ich habe einfach Fragmente zusammengesetzt und geschaut, ob das Ergebnis interessant, lustig oder schön war. Erst nach einiger Zeit habe ich begonnen, darin eine Bedeutung zu sehen.

Mir kam der Gedanke, dass Collagen das Exil spiegeln; ich wurde aus meiner Geschichte geschnitten und woanders eingeklebt. Ich muss neue Verbindungen finden, mit den Gegenständen und Menschen um mich herum kommunizieren und mich selbst und meine Identität neu interpretieren.

UnAuf: Im Vorwort nennen Sie es eine »Rache auf Papier«.

Cimafiejeva: Als Ausländerin habe ich ständig mit Bürokratie zu tun. Ich muss immer meinen Status nachweisen, Dokumente sammeln, und die sind fast immer auf Papier. Das Erstellen von Collagen war eine Möglichkeit, mich an diesem Papier zu rächen, dem ich ständig hinterherjagen muss und das mir immer fehlt. Ebenso ist es eine Rache an Sprachen, einschließlich Deutsch, das ich lernen muss, und an der Literatur selbst, denn in gewisser Weise sind wir wegen der Literatur und wegen dem, was wir geschrieben haben, ins Exil gegangen.

UnAuf: Sie schreiben, dass die Absurdität von Collagen und Träumen eine Möglichkeit ist, mit der Realität umzugehen. Trifft das auch auf Ihre eigene Geschichte zu?

Cimafiejeva: Ja, ich denke schon. Ich schreibe über die Dada-Bewegung und wie sie auf die absurde, brutale Realität des Ersten Weltkriegs und die drastischen Veränderungen in den europäischen Gesellschaften reagiert hat. Auch wir leben in sogenannten dunklen Zeiten, geprägt von Kriegen, Hungersnöten und Unsicherheit. Wir wissen nicht, was in einem Jahr oder sogar in wenigen Monaten passieren wird. Unsere Psyche muss eine Überflutung an Informationen verarbeiten. Vielleicht sind wir in Träumen frei von diesem ständigen Informationsfluss. Die Absurdität von Träumen kann eine therapeutische Wirkung haben, und Collagen können dies widerspiegeln.

UnAuf: Dieses Buch wirkt wie ein Kampf gegen die Einfachheit und gegen direkte Zuschreibungen – sowohl politische als auch ästhetische.

Cimafiejeva: Ich glaube, alle Schriftsteller*innen und Künstler*innen kämpfen gegen die Einfachheit. Selbst wenn das Geschaffene einfach aussieht, sollte es Tiefe haben. Sonst macht es keinen Sinn. Politik will immer vereinfachen, um Dinge klar und eindeutig zu machen. Aber menschliche Persönlichkeiten sind nicht so. Wir sind nicht einfach nur rechts oder links. Unsere Identitäten sind sehr komplex. Einer der Zwecke der Kunst ist es, diese Komplexität mit künstlerischen Mitteln darzustellen. Das Exil macht die Identität noch komplizierter. In einem meiner Gedichte schreibe ich über einen „emigrantenbaukasten“, das Gefühl, sich aus Einzelteilen wieder zusammensetzen zu müssen, wenn man von Ort zu Ort zieht.

© edition frölich

UnAuf: Welche Rolle spielt der oft durchscheinende Humor in Ihrer Arbeit?

Cimafiejeva: Ich verwende Humor häufig in meinen Texten und mein Mann und ich scherzen viel, wir lieben Wortspiele. Er ist ein wichtiger Bestandteil unserer psychischen Hygiene. Die Menschheit hat das schon vor langer Zeit entdeckt – dass wir Angst mit Lachen bekämpfen können, ist eine unserer Überlebensstrategien. Wir nutzen Humor und manchmal auch Sarkasmus, um mit Angst und Absurdität zu leben.

UnAuf: Steht etwas Neues in Aussicht?

Cimafiejeva: Die Übersetzung meines jüngsten belarusischen Buches „Blutkreislauf“ ins Deutsche steht kurz vor der Veröffentlichung. Es ist ebenfalls ein Buch über das Exil, aber es handelt hauptsächlich von der Geschichte meiner Familie in den letzten hundert Jahren, ihren Vertreibungen und meinem eigenen Leben. Das zentrale Motiv ist das Gefühl der Nichtzugehörigkeit. Es ist die Geschichte meiner Familie, und – ich betrachte die Belarusen als Europäer – ein Teil der europäischen Geschichte, erzählt in poetischer Form.


Julia Cimafiejeva: Minsk. Tagebuch. A. d. Eng. v. Andreas Rostek; edition.fotoTapeta, Berlin 2021, 128 Seiten,- 13 €

Julia Cimafiejeva: Ich zerschneide die Geschichte. Belarusisch und Deutsch a. d. Bel. v. Tina Wünschmann; edition frölich, Berlin 2025, 80 Seiten,- 20 €

Julia Cimafiejeva: Blutkreislauf. A. d. Bel. v. Tina Wünschmann, edition fotoTapeta, Berlin 2026,160 Seiten,- 22 €

Foto: © edition frölich