An einem sonnigen Sonntagmorgen steige ich in die U8 und mache mich zum ersten Mal auf den Weg nach Wittenau. Die Fahrt vom Alexanderplatz dauert nicht lange und unterwegs fallen mir die schönen U-Bahn Stationen auf. Als ich um Punkt elf Uhr ankomme, ist auf den Straßen Trubel. Ich laufe auf eine volle Busstation zu, zwei Busse kommen, einer fährt gerade ab. Rechts daneben ein Dönerladen, vor dem sich eine lange Schlange gebildet hat. Ich folge der Hauptstraße ein Stück und entdecke auf der anderen Straßenseite einen Flohmarkt. In der Hoffnung das ein oder andere antike Möbelstück zu sichten, überquere ich die Straße. Da ich aber nur Stoffe, alte Klamotten und anderen kleinen Krimskrams entdecke, gehe ich weiter bis zur nächsten Kreuzung, an der ich eine bunt gestrichene Filiale der Berliner Bank und noch einen Kebap-Stand finde. Ich bin etwas enttäuscht. Vorgestellt hatte ich mir den Stadtteil ein wenig dörflicher. Tatsächlich aber habe ich nicht das Gefühl, in einem Berliner Randbezirk zu sein. Wittenau hieß früher Dalldorf und gehört erst seit 1920 zu Berlin. Der Name wurde schon vor 1920 geändert, nachdem die Städtische Irrenanstalt zu Dalldorf (heute die Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik) dort erbaut wurde und Dalldorf lange als Synonym für Irrenanstalt galt.

Hatte mir nicht mal jemand erzählt, Reinickendorf habe sein Dorf-Flair behalten? Da ich meinen Traum von Idylle noch nicht ganz aufgeben möchte, entscheide ich mich dafür nicht sofort zurück zu fahren und steige stattdessen am Rathaus Reinickendorf, das nur eine Station entfernt ist, wieder aus. Sattes Grün und Vogelzwitschern statt Verkehrslärm und Menschenmassen empfangen mich hier und ich stehe direkt vor einem großen Park. Der ist bei knapp 25 Grad ganz verlassen, was ich von den sonst so überfüllten Parks in meinem Kiez gar nicht kenne. Das Rathaus Reinickendorf ist ebenfalls ein schöner Blickfang, weshalb hier die meisten Trauungen in Berlin stattfinden. Ein perfekter Ort, um der Großstadt für ein paar Stunden zu entkommen. Dafür komme ich gern wieder.

Von Vivian Charleen Kübler

Dieser Artikel stammt aus der UnAufgefordert Nr. 236 (Juli 2016)

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