Ja, wo ist sie hin, die Jugend? Da gibt es einen Artikel, den unser Autor nicht unkommentiert lassen will. Eine Antwort auf den hier veröffentlichten Beitrag Die Jahre der (unnützen) Vernunft”.

Strange. Irgendetwas passt da nicht. In den 10er-Jahren waren wohl alle ganz schön optimistisch. Als etwa 2014 die Krim annektiert wurde, wirkte das weit weg, als würde das niemanden jucken. War absehbar, was folgt? Wo war da die „unnütze Vernunft”?

Zwölf Jahre später juckt es die Menschen, heute kratzen wir uns am ganzen Körper, wenn wir im Dauerstress zwischen Referaten und Hausarbeiten auch noch durch unsere Push-tagesschau-Benachrichtigungen scrollen: Pandemiefolgen, Klimafolgen, Gaza, Sudan und der Versuch (!) einer vollständigen Einnahme der Ukraine. Und jetzt stecken wir unsere Köpfe in den Sand? Oder um unseren Autor zu zitieren: Wir setzen uns in den ersten Zug in die Schweiz, wenn es ernst wird? Nach drei oder fünf Jahren Studium, die uns einiges gelehrt haben? Das ist ja wahnsinnig aufbauend. Was machen wir eigentlich, wenn uns jüngere Menschen mal fragen werden, wo wir waren, als die Zeiten ein bisschen härter wurden?

Wo ist die Energie einer ganzen Generation hin?

Wir in unserer Dauer-Depression, in der wir uns häuslich eingerichtet haben: Ich fühle mich so, als hätten die Trumps und Putins dieser Welt schon gewonnen – als hätten mal wieder die Männer gewonnen, die seit Jahrhunderten gewinnen, mit ihrem blinden Hass und ihrer Gier und ihrem Narzissmus. In den Köpfen der Trumps und Putins wird das Zitat von Margot Friedländer „Seid Menschen” nie ankommen. Deswegen steckt in dem Text unseres Autors ein Trugschluss: Die Menschen, die sich an die Spitze einer Gesellschaft absetzen, sind nicht die Gesellschaft. Sie sind nicht diejenigen, an denen wir eine Prognose unserer Zukunft ausrichten sollten. Hätten wir das im 20. Jahrhundert getan, wären wir zu der Annahme gekommen, dass es die Erde heute nicht mehr geben wird, uns nicht mehr geben wird.

Es gibt uns, ES GIBT UNS (hahaaaa, du liest gerade diese Zeile, ist das NICHT KRASS??) Es gibt uns, und dieses (politische) System in dem wir leben, und das bedeutet Verantwortung, und das ist auch schön, weil unser Alltag aus mehr besteht, als nur den täglichen Nachrichten, aus mehr als nur dem Hass zwischen den Schlagzeilen und unserer Angst vor der Zukunft. Menschen sind erstaunlich, und Menschen sind erstaunlich resilient. Als genau zehn Jahre nach den Anschlägen in Paris am 13. November 2015 im Stade de France Fußball gespielt wurde, zeigte sich der Trainer besorgt und hätte das Spiel gerne verlegt. Eine Überlebende des Bataclan, die auch Vizepräsidentin der Vereinigung der Opfer des Terrorismus ist, widersprach ihm: Man solle das Leben überall dorthin tragen, wo der Tod war.” 

Ein neuer politischer Sommer

Jetzt wird es langsam Frühling und unsere einzige Leistung mag es sein, das Berliner Glatteis überlebt zu haben. Aber der Sommer kommt, und mit ihm die Wärme. Wieso sollte es politisch nicht genauso sein, wenn es sowieso unmöglich ist, eine Prognose abzugeben? Jetzt wo im Weißen Haus noch Kälte herrscht, und auch im Kanzleramt die zwischenmenschliche Heizung noch auf Sparflamme läuft, mache ich schon Pläne für danach, wenn wir das Gras wieder blühen lassen. Wer soll es mir verdenken? Es lohnt sich, denn da ist immer noch Schönheit, da ist immer noch Liebe: Da sind meine Freund*innen und Verwandten, die alle an bessere Zeiten glauben. Danke, dass es euch gibt! Danke, dass ihr den non-naiven Optimismus nicht verloren habt! Danke an all die Menschen, die nicht resigniert sind, die nicht mit der Schweizer Bundesbahn fliehen, die sich engagieren und daran arbeiten, dass es irgendwie morgen auch noch läuft. Danke dafür, dass ihr nicht aufgebt. —


Foto: Richard Stachmann