Mein Vater ist nicht überdurchschnittlich alt, auch wenn er immer häufiger vom Tod spricht. Aber beim Thema Schönheit, da habe ich das Gefühl, durch ihn in eine andere Zeit katapultiert zu werden.
Während meine Welt sich immer schneller zu drehen scheint und Trends allgegenwärtig sind, streichen sie über seinen Kopf hinweg. Schönheitsideale und Körpertrends, die mir tief in die Knochen kriechen, ziehen an ihm vorbei wie ein erfrischender Lufthauch an einem heißen Sommertag.
Seit ich denken kann, macht er stoisch das Gleiche, wenn es um sein Aussehen geht: Jeans, T-Shirt, ein Pulli und seine rote Jacke. Beim Friseur fragt er nach einem „Façonschnitt“, je nachdem, wie alt der*die Friseur*in ist, sieht das immer etwas anders aus. Wie genau, scheint ihm aber egal zu sein. Wenn es kalt ist, dann nimmt er die erste Mütze, die er zuhause findet. Oft eine alte SXTN Mütze von mir, was doch regelmäßig für verwirrte Blicke sorgt. Wenn im Sommer die Sonnenbrandgefahr steigt, cremt er sich mit der fettigsten Kindersonnencreme ein, ohne sie richtig zu verteilen. Als er einmal auf einer Wanderung eine Stelle an der Wade vergessen hatte, schützte er sie kurzerhand mit einer Wechselunterhose vor der Sonne.
Auch das Zuhause meiner Eltern zeigt sehr deutlich, wo die Prioritäten liegen. Praktikabilität vor Schönheit, Genuss über Prestige. Im Flur begrüßen einen die drei Paar Schuhe von meinem Vater. Eins zum Wandern, eins für die Arbeit und eins für den Sommer. Sein Kleiderschrank ist ein Ikea-Regal mit drei Schubladen. In der ersten Schublade liegen Unterhosen und Socken in schwarz und in weiß. In der darunter liegenden T-Shirts, auch in schwarz und weiß, entweder von Amazon oder Woolworth. Immer dasselbe Modell, einfach weil sie ihm gut passen. In der untersten Schublade, drei Jeans und eine Jogginghose. Die ist ein echtes Staple Piece in seinem Kleiderschrank, dem Modell ist er seit Jahrzehnten treu und sie wird nur ausgetauscht, wenn es unbedingt sein muss.
In fast jedem Raum gibt es eine Möglichkeit, sich gemütlich hinzulegen, wenn die Sonne gerade herein scheint und den perfekten Ort für ein Nickerchen markiert. Die Küche ist ganz neu und schick, die Tassen über Jahre gesammelte Geschenke – von der Jacobs-Krönung-Kaffee-Sammelaktion. Das Bad dagegen in unverändertem 70er Jahre Charme. Es gibt zwei Waschbecken, aber nur einen Spiegel. Manchmal liegen auf dem Waschbecken noch Haare, wenn mein Vater mal wieder seine Augenbrauen abrasiert hat. Bleached eyebrows – Quatsch. Er rasiert seine Augenbrauen einfach ab, weil „sie sonst in der Brille hängen und stören“.
Morgens nimmt er gerne ein Bad. Wenig Wasser, aber umso mehr Schaum. Er kauft immer den Badezusatz von Aldi in der Ein-Literflasche. Wenn ich als Teenager morgens von einer Party nach Hause kam und er schon auf dem Weg zur Arbeit war, hing der unverkennbare Duft „karibische Träume” oft noch in der Luft und Schaumüberreste klebten an der Wannenwand, die langsam zerplatzen, während ich vergeblich versuchte klumpige Mascara aus meinen Wimpern zu pflücken.
Wohlgemerkt ist es für einen Mann höheren Alters mit Sicherheit leichter, so gleichgültig gegenüber jeglichem Schönheitswahn durch die Welt zu gehen und dennoch fühlt es sich manchmal wie eine Umarmung an, sich daran zu erinnern, dass es auch Menschen wie ihn gibt und Schönheitsideale vielleicht doch nicht so wichtig sind, wie es manchmal scheint.
Bild: Linda







