Unser Redakteur Maxim Louis Casimir Gocht traf sich mit der kleinen Humboldt-Galerie. Eine studentische Gruppe, die Raum für Kunst schafft. Nach knapp 40 Jahren ist diese Institution nun bedroht.

UnAuf: Wie würdet ihr die „Kleine Humboldt-Galerie“ jemandem erklären, der noch nie etwas von euch gehört hat?

KHG: Es gibt die Kleine Humboldt-Galerie seit 1978. Damals war sie bereits an der HU angesiedelt – noch zu DDR-Zeiten. Gegründet wurde sie von Mitarbeiter*innen des Rechenzentrums, um Künstler*innen einen Raum zu geben, die im offiziellen DDR-Kunstbetrieb kaum Möglichkeiten hatten, auszustellen. 2009 wurde die KHG dann als studentisches Kollektiv neu gegründet, das sich jedes Jahr neu zusammensetzt.

Was häufig verwechselt wird: Wir sind kein Kunstkollektiv, sondern ein Kurator*innenkollektiv. Wir machen also nicht selbst Kunst, sondern organisieren Ausstellungen und machen andere künstlerische Positionen sichtbar. Dabei arbeiten Studierende aus unterschiedlichen Fachrichtungen und Universitäten zusammen.

Uns ist wichtig, Ausstellungen und Begleitprogramme möglichst niedrigschwellig zu gestalten. Vor allem wollen wir jungen Künstler*innen, die in der Kunstszene noch nicht etabliert sind, eine Plattform bieten.

UnAuf: Warum braucht es studentische Kunst?

KHG: Wir fokussieren uns nicht ausschließlich auf studentische Kunst oder studentische Künstler*innen, sondern allgemein auf Early-Career-Künstler*innen. Seit der Gründung fördern wir Künstler*innen, die außerhalb etablierter Förderstrukturen arbeiten. Nach dem Studium verschwinden institutionelle Unterstützungen, zum Beispiel für Material, Werkstatt oder Produktionskosten, und da können wir eine Bühne und Unterstützung bieten.

Gleichzeitig ist die KHG auch für uns wichtig, weil wir uns kuratorisch erproben können. Dadurch, dass wir nicht stark hierarchisch strukturiert sind, können wir uns in alle Arbeitsprozesse einbringen und den gesamten Prozess von den Anfängen bis zum Ende der Realisierung einer Ausstellung mitgestalten.

UnAuf: Auf eurer Website schreibt ihr, dass ihr zu DDR-Zeiten vor allem auch Künstler*innen unterstützen wolltet, die vom Staat nicht gefördert wurden. Beeinflusst das eure Arbeit bis heute?

KHG: Also ich würde sagen ja, aber natürlich in einem ganz anderen gesellschaftlichen Kontext. Zu DDR-Zeiten gab es einen offiziellen Kunstbetrieb, der sich mit dem Staat überlappt hat, und das ist heute nicht mehr so. Das Verhältnis von Staat, Kultur und Kunstbetrieb ist heute ein anderes.

Trotzdem sieht man gerade in der aktuellen Kulturpolitik, dass sie immer restriktiver und konservativer wird und immer weniger Platz für linke oder transgressive Positionen bietet. Auch da können wir ein Ort sein, an dem ausgestellt werden kann. Wir können Unterstützung bieten und Sichtbarkeit schaffen.

UnAuf: Ihr selbst versteht euch als Kollektiv, kommt es dabei häufig zu Streit und wer hat das letzte Wort?

KHG: Also wir würden alle nicht sagen, dass wir uns aktiv streiten, sondern eher hitzige und längere Diskussionen führen. Aber ich glaube, das zeigt auch, dass wir alle mit Leidenschaft dabei sind.

Unsere Arbeitsweise ist in Arbeitsgruppen strukturiert, in denen Entscheidungen vorbereitet oder kuratiert werden. Danach wird aber alles noch einmal in der großen Gruppe besprochen und abgestimmt. Wenn etwas gemeinschaftlich entschieden wurde, dann zählt das auch.

UnAuf: Wie entsteht eine Ausstellung bei euch – von der ersten Idee bis zur Eröffnung?

KHG: Wir finden uns meist mit Wintersemesterbeginn zusammen und haben dann bis zum Sommer Zeit, die Ausstellung zu realisieren.

Zuerst bildet sich ein Team. Dann wird ein Format festgelegt und ein Thema gefunden. Dazu dürfen alle Ideen einbringen, über die diskutiert und abgestimmt werden. Danach wird das Konzept weiter ausgearbeitet.

Ganz wichtig sind dann Raum und Zeit. Da wir keinen festen Ort haben, müssen wir jedes Jahr neue Räumlichkeiten finden. Parallel dazu beginnt die Arbeit an Förderung, Künstler*innenanfragen und Vermittlungsprogrammen: Welche Workshops oder Programme können wir anbieten? Was können wir finanziell und zeitlich überhaupt umsetzen?

Viele Dinge laufen gleichzeitig ab. Wir treffen uns wöchentlich im Plenum und organisieren die Arbeit in kleineren Gruppen. Da wir uns jedes Jahr neu zusammenfinden, ist Wissensweitergabe besonders wichtig. In den meisten Fällen machen Leute ein bis zwei Jahre mit.

UnAuf: Dürfen bei euch alle ausstellen, was sie wollen oder sucht ihr die Künstler*innen nach bestimmten Kriterien aus?

KHG: Natürlich treffen wir da eine Auswahl: Wer passt zum Thema und welche künstlerischen Positionen finden wir spannend? Es gab tatsächlich auch schon Momente, in denen wir gesagt haben: Nein, wir möchten eher eine Person zeigen, die noch nicht so etabliert ist.

Die Kriterien entwickeln sich aus dem jeweiligen Konzept heraus. Wenn das feststeht, können wir einzelne Künstler*innen in der großen Gruppe vorstellen. Wir machen dann Pitches und schauen gemeinsam, welche künstlerischen Positionen und Künstler*innen zur Ausstellung passen.

UnAuf: Auf eurer Website sprecht ihr von einem „experimentellen Umgang mit Ausstellungsformaten“ – wie zeigt sich das in der Praxis?

KHG: Das kommt ein bisschen daher, dass wir uns jedes Jahr neu formen. Wir sind dadurch nicht an feste Vorgaben oder institutionell gewachsene Ausstellungsformate gebunden. Es könnte eine Performancereihe sein, es könnte ein Magazin sein – es könnte eigentlich alles sein. Und genau dadurch wird die Arbeit auch experimentell.

UnAuf: Ihr steht nun vor eurer 208. Ausstellung, warum könnte das vielleicht auch die letzte sein?

KHG: Tatsächlich ist die Situation gerade ein bisschen ungewiss. Seit unserer Neugründung als Kollektiv wurden wir durch das ZfK, das Zentrum für Kulturtechnik der HU, finanziell unterstützt. Unsere Vereinbarung war allerdings nie vollständig formalisiert oder schriftlich festgehalten, was jetzt zum Problem geworden ist. Es geht dabei um Rechtssicherheit. Bis dieser Prozess abgeschlossen ist, bekommen wir kein Geld, und das wird wahrscheinlich erst Ende des Jahres passieren. Deshalb haben wir eine große Unsicherheit, wie wir die Arbeit überhaupt finanziell umsetzen können.

Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem wir Verträge abschließen, Räume mieten oder Druckkosten bezahlen müssen – und genau da braucht es echtes Geld.

Die Frage nach Finanzierung und Sicherheit stellt sich aber gerade generell. In Berlin, aber auch darüber hinaus, ist die Lage der Kulturförderung sehr schwierig geworden. An vielen Stellen fehlen finanzielle Mittel, manche Förderquellen sind komplett versiegt. Gleichzeitig wird auch die Kulturpolitik restriktiver und konservativer.

Für die KHG bedeutet das zusätzlich: Wenn sich im nächsten Jahr niemand entscheidet weiterzumachen, kann das Wissen nicht weitergegeben werden.

Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem wir Verträge abschließen, Räume mieten oder Druckkosten bezahlen müssen – und genau da braucht es echtes Geld.

UnAuf: Was erwartet Besucher*innen in eurer nächsten Ausstellung – und was vielleicht bewusst nicht?

KHG: Keine fertigen Antworten und keine linearen Ausstellungserfahrungen. Auch die Ausstellung selbst versuchen wir zu dezentralisieren – sowohl in der Architektur als auch in den Arbeiten. Man kann sich das wie ein Netz aus Verbindungen vorstellen.

Ausgangspunkt sind „Desire Paths“, also Wege, die Menschen selbst schaffen und die abseits vorgeschriebener Strukturen entstehen. Es geht darum, auch jenseits räumlicher und gesellschaftlicher Strukturen neue Räume und Wege zu schaffen und der Frage nachzugehen, wer sich wo durch welche Räume bewegen darf.

Wir haben eine große Bandbreite an künstlerischen Positionen: digitale und multimediale Arbeiten, aber auch Malerei und Performances.

Außerdem machen wir sogenannte Desire Walks, also Spaziergänge im städtischen Raum, bei denen Eindrücke gesammelt und gemeinsam festgehalten werden. Dabei geht es darum, die Umgebung anders wahrzunehmen – kreativer und intuitiver. Darüber hinaus wird es eine Lesung, eine Performance zur Finissage und eine kollektiv wachsende Stadtkarte geben, die von den Besucher*innen mitgestaltet werden kann.

Das Interview führte Maxim Louis Casimir Gocht mit Helene Freyer, Hanne Lexow Gauslaa, Aurelia Bender und Jakob Schmitz von der Kleinen Humboldt Galerie.

Die Austellung: Desire Paths // On traces of longing and (re)making space findet vom 17.-20.06 statt. Mehr Informationen dazu auf Instagram @kleinehumboldtgalerie


Foto: Moritz Voß