Er hätte als größter Christopher Street Day Berlins in die Geschichte eingehen können — jetzt ist er für immer mit dem Hass auf queere Menschen verbunden. Das ist eine Katastrophe, deren Ausmaß weit über diese Stadt und die nächsten Monate hinausgeht.
Am Tag danach hängt der Schock in den Straßen. Auf dem Nollendorfplatz liegt in den Fugen der Bordsteine der Müll vom Vortag, aber glücklich ist auch nach hundert geleerten Bierflaschen niemand. Vor dem Brandenburger Tor haben sich erneut tausende Menschen versammelt, doch es wird geweint statt getanzt. Aus einer der größten Partys ist über Nacht eine Andacht geworden, von einem Fest der Vielfalt bleibt eine Ansammlung an Blumen, Schildern, Kerzen.
Am Samstagabend ist im Tiergarten nahe der CSD-Parade ein Van in eine Menschenmenge gefahren. Eine Frau wurde dabei getötet, 29 weitere Menschen verletzt. Laut dem Bundesinnenminister soll der Täter zudem mit einer Stichwaffe auf weitere Menschen losgegangen sein. Nach 20 Stunden Fahndung ist der Tatverdächtige bei einem Polizeieinsatz in Berlin-Spandau erschossen worden.
Eindeutiges gilt es in den nächsten Tagen und Wochen noch zu ermitteln. Das Getöse des Berliner Wahlkampfes geht jedoch schon weiter, bevor die meisten Teilnehmenden überhaupt begriffen haben, was passiert ist. Es wird um das islamistische Motiv der Tat gehen, um das Jugendstrafrecht, darum, wie viel Härte gegenüber so bezeichneten Gefährdern sinnvoll scheint. Ob wieder einmal eine solche Tat vorhersehbar war, ob Behörden im Vorhinein Dinge versäumt haben.
Es ist richtig, dass das alles diskutiert wird. Aber es wird die getötete Person nicht wieder lebendig machen, es wird die Angst und Unsicherheit nicht auflösen, die queeren Menschen nach diesem Wochenende bleibt. Denn eine andere Wahrheit ist sicherlich auch: Der CSD wirkte gut geschützt, das Attentat fand etwas abseits des Geländes statt. Eine hundertprozentige Sicherheit mag es auch in Zukunft nicht geben.
Und so bleibt einmal mehr der Wunsch, dass auch in den letzten Gehirnwindungen dieser Welt ankommt, dass da nichts Verachtenswertes ist, wenn Menschen so leben, wie sie leben, wie sie in ihrer ganzen Vielfalt in unserer Geschichte schon immer gelebt haben: eben auch lesbisch, schwul, trans, inter, queer. Dieses Verständnis zu fördern, sollte in den kommenden Monaten im Zentrum politischer Debatten stehen, es muss in Verbindung gesetzt werden zu den Fragen nach Sicherheit, nach Schutz. Bis diese Gewissheit, dieses Verständnis in allen Köpfen da ist, in der Hoffnung, dass das einmal der Fall sein mag, sollten wir als Gesellschaft etwas enger zusammenrücken. Bis dahin gilt es, füreinander da zu sein. —
Foto: Justin Geiger







