Mit der Kamera zwischen Studio und Bühne. Luise Böker fotografiert Musiker*innen auf Tour und spricht mit der UnAuf über ihre Anfänge, ihren Alltag und ihren Werdegang als Fotografin. 

Die gebürtige Wienerin Luise Böker (Instagram: louisboeker) studiert Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchdruck Leipzig (HGB) und ist als Fotografin tätig. Von Anda Morts über Buntspecht bis Mariybu und Verifiziert, die deutsche und österreichische Indie-Musikszene steht gerne vor Luises Linse. Die UnAuf trifft Luise anlässlich des jährlichen Rundgangs der HGB in ihrem Ausstellungsraum.

UnAuf: Wir starten mit Entweder-Oder-Fragen: Leipzig oder Wien?

Luise: Im Herzen natürlich immer Wien.

UnAuf: Im Studio oder vor der Bühne?

Luise: Für die künstlerische Praxis auf jeden Fall Studio. Für mich Bühne.

UnAuf: Mitbewohner*innensuche: Entweder der Typ, der vorher in Paris gewohnt hat und ausschließlich sehr junge, attraktive Frauen fotografiert. Oder der Verkiffte: Es riecht immer ein bisschen nach Gras, er räumt nie die Küche auf und realisiert auch nicht, wenn du das für ihn gemacht hast.

Luise: Ich würde den aus Paris nehmen, da habe ich das Gefühl, dass ich noch mehr intervenieren könnte. Dem würde ich das Machen eines Fotoführerscheins ans Herz legen.

UnAuf: Ein Fotoführerschein?

Luise: Bei einem Fotoführerschein geht es darum, das Machtgefälle zwischen Fotograf (männlich!) und Model zu verstehen und sensibel gegenüber einer gewissen Darstellungsart zu werden. Damit sollten sich viele männliche Fotografen auseinandersetzen, um zu verstehen, dass das, was sie tun, nicht immer Kunst ist. Oft handelt es sich schlichtweg um Fotos von jungen, attraktiven, oft auch leicht bekleideten Frauen – nicht um künstlerisches Genie.

UnAuf: Backstage gefragt werden, von wem man die Freundin ist oder ob man hobbymäßig fotografiert.

Luise: Dann lieber, von wem man die Freundin ist. Einfach aus dem Grund, dass ich da direkt reingrätschen könnte. Beim Hobby wäre ich nicht so schlagfertig. Ich würde mich klein fühlen.

UnAuf: Die letzte Entweder-Oder-Frage: Lieber ein Jahr lang die Assistenz von einem extrem unangenehmen Fotografen oder Nacktbilder gegen Gästeliste.

Luise: Lieber Assistenz; wenn ich mich traue, meinen Mund aufzumachen. Ich möchte solchen Männern einfach mal Kontra geben und sie outcallen.

UnAuf: Kannst du mir erzählen, wie das mit dir und der Fotografie begonnen hat?

Luise: Tatsächlich bin ich mit 14 an eine neue Schule gekommen. Da hatten wir dann Fotografieunterricht. Den fand ich an sich immer toll, aber viel anfangen konnte ich damit nicht. Irgendwann hat mir eine gute Freundin gesagt, ich solle mir einfach mal von DM so eine Einwegkamera holen und mit der mein Zeug machen. So habe ich damit angefangen und nie wieder aufgehört.

Ab dann habe ich mich natürlich immer weiterentwickelt. Weg von den Einwegkameras hin zu analogen Point-and-Shoots und dann zu anderen Kameras. Immer weiter fotografiert. Tatsächlich hatte ich meine erste Ausstellung mit 15 Jahren. Im Anschluss an die Schule habe ich eine Fotoschule gemacht. Und jetzt studiere ich Fotografie.

UnAuf: War es für dich schwierig, dich für ein Fotografie-Studium zu entscheiden? Ich habe gehört, dass du eine sehr gute Matura hast und prinzipiell alles hättest machen können. 

Luise: Ich hätte wahrscheinlich alles machen können, aber es war eigentlich immer klar, dass es etwas Künstlerisches wird. Anfangs dachte ich tatsächlich an Malerei. Aber ich male irgendwie zu wenig, als dass das wirklich funktioniert hätte. Und dann war die, wie ich finde, sehr richtige Wahl: die Fotografie.

UnAuf: Jetzt bist du an der HGB Leipzig. Was bedeutet diese Hochschule für dein künstlerisches Schaffen?

Luise: Dadurch, dass wir uns viele Theorie-Vorlesungen aussuchen können, lerne ich viel über den kunsthistorischen Hintergrund der Fotografie, der auch nicht immer nur aus weißen Männern besteht – davon habe ich in der Schule schon genug mitbekommen. An der Hochschule wird das alles nochmal ganz anders aufgearbeitet. Das macht total Spaß. Und gibt mir ein gutes Fundament für meine künstlerische Arbeit, ebenso wie Arbeitsbesprechungen, Feedback und Kritik an den künstlerischen Arbeiten innerhalb der Klasse.

Und auch der Zusammenhalt zwischen den Studierenden ist toll. Gerade jetzt bei der Vorbereitung des Rundgangs haben wir einander viel unterstützt. Es ist ein schönes Miteinander.

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UnAuf: Ich habe von vielen Kunststudent*innen gehört, dass die Hochschule ein Ort der Konkurrenz und des Drucks ist – auch in Bezug auf Social Media. Wie nimmst du das wahr?

Luise: Ich persönlich verspüre keinen Druck in dieser Hinsicht, aber ich höre von einigen anderen, dass sie das so sehen. Das kann ein ziemlicher Konkurrenzkampf sein, oder zumindest nicht besonders herzlich. Aber ich will hier Spaß haben. Ich finde es fantastisch, wenn andere Leute tolles Zeug machen und dementsprechend mache ich auch meine Projekte. Ich kann einfach gut in solchen Umfeldern funktionieren, weil ich mit einer offenen, freundlichen Haltung reingehe und das dann auch zurückkommt.

UnAuf: Und die Konzert- und Tour-Fotografie, wie hast du das gestartet?

Luise: Ich habe einfach Bands in Wien gefragt, ob sie Bock auf Fotos haben. Ich habe anfangs alles analog gemacht. Das hat 2021 angefangen. Danach bin ich für die erste Tour in die digitale Fotografie eingestiegen.

Ich habe einfach E-Mails verschickt, auf Instagram angeschrieben, Freund*innen gefragt, die irgendwie Musik machen. Mit dem E-Mails-Schreiben habe ich nie aufgehört und einfach immer weiter Menschen angefragt.

UnAuf: Und was war so der erste Durchbruch?

Luise: Ich glaube, dass das 2022 mit Mayberg war. Das waren die ersten großen Konzert- und Festival-Gigs, die ich fotografieren durfte. Ich habe dem Management einfach eine Mail geschrieben und weil deren Fotograf im Urlaub war, durfte ich auf drei Festivals mitfahren. Das habe ich auch alles noch analog gemacht.

UnAuf: Wie sieht ein Tag auf Tour für dich aus?

Luise: Aufstehen gegen 12, 13 Uhr. Erstmal frühstücken. Schauen, ob mit den Fotos vom Vortag alles stimmt, oder vielleicht noch nachbearbeiten. Den Tour-Vlog habe ich dann meistens schon in der Nacht davor geschnitten. Dann kurz durchatmen, duschen, Zähneputzen. Gegen 14 Uhr bin ich so langsam ready und dann werden tatsächlich wieder Kamera und Handy ausgepackt und weiter gefilmt und fotografiert. Abendessen, Konzert und dann Videos schneiden, erste Fotoauswahl und Bearbeitung, dann gegen fünf Uhr schlafen gehen. Und am nächsten Tag wieder aufstehen und das Gleiche. Das ist so ein bisschen der Alltag bei einer Tour mit Tourbus.

UnAuf: Bei Live Auftritten werden ja auch immer super viele Emotionen übertragen. Welche möchtest du mit der Kamera auslösen? 

Luise: Ich glaube, das muss man dann unterteilen in das, was ich künstlerisch mache und das, was ich für Auftraggeber*innen liefere. Die Konzertfotografie ist mit Auftrag, ich liebe es, das zu machen. Es ist keine Lohnarbeit, sondern eine Passion, aber ich muss im Endeffekt abliefern und nicht nur für meine eigene künstlerische Praxis fotografieren. Aber das lässt sich auch nicht immer trennen. Wenn ich hinter der Kamera bin, ist das Gefühl, das ich transportieren möchte: Fühlt euch frei, so zu sein, wie ihr seid und ich fotografiere es. Dabei soll sich niemand entblößt fühlen.

UnAuf: Und was sollen die Leute spüren, die sich deine Fotografien anschauen?

Luise: Ich glaube, da gibt es nicht dieses eine Gefühl, es ist von Arbeit zu Arbeit unterschiedlich. Bei der Arbeit, die jetzt beim Rundgang hängt, ist es vielleicht ein Wundern. Woher kommt die Motivation, diesen Moment auszustellen? Was passiert hier eigentlich? Warum sind die Personen überbelichtet? Man sieht hier vielleicht nicht auf den ersten Blick, was der Inhalt ist, er löst sich ein bisschen auf.

UnAuf: Wenn du eine Sache sofort ändern könntest an deinem Arbeitsalltag, was wäre das?

Luise: Ich würde gern mehr Dinge abgeben, aber das fällt mir schwer. Vieles möchte ich einfach selber machen und falls wer fragt, ob ich Hilfe brauche, verneine ich das – obwohl es toll wäre, wenn ich mich ausschließlich aufs Fotografieren konzentrieren könnte.

UnAuf: Was erhoffst du dir sonst noch von deinem künstlerischen Werdegang?  Welche Leute willst du vor deiner Kamera, in welche Richtung möchtest du dich weiterentwickeln?

Luise: Ich möchte auf jeden Fall mehr mit FLINTAs arbeiten, weil ich gerade merke, dass mein Portfolio schon sehr dominiert ist von männlich gelesenen Artists. Ich hätte auch sehr Lust auf Kollaborationen mit unterschiedlichsten kreativen Menschen. Von Grafik über Bühnenbild, also dass man gemeinsam etwas kreiert, dass das Zusammen größer wird.

Das Interview führte: Linda Giesa (23, sie/ihr) Bachelor Geografie


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