Mit Father, Mother, Sister, Brother hat Jim Jarmusch einen Episodenfilm über Familienverhältnisse im 21. Jahrhundert vorgelegt und einen Goldenen Löwen in Venedig eingesackt. Als dramaturgisches Verbindungsglied zwischen drei separaten Erzählsträngen dienen Jarmusch auf den ersten Blick bedeutungslos erscheinende Motive. Sieht ein zweiter Blick vielleicht mehr? Ein Deutungsversuch.
Father. Irgendwo im verschneiten New Jersey bahnt sich ein schicker Range Rover seinen Weg durch kurvige Waldstraßen. Die Geschwister Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik) besuchen ihren Vater (Tom Waits), der sich selbst und das abgeschiedene Haus mit Seeblick seit dem Tod der Mutter zu vernachlässigen scheint. Es ist eine pflichtbewusste Visite. Besorgte Blicke der Kinder verfolgen das Gemurmel und die schwerfälligen Bewegungen ihres in die Jahre gekommenen Vaters. Dieser beteuert, dass es ihm gut gehe, Medikamente nehme er auch nicht mehr. Doch das Bild, das sich Jeff und Emily bietet, ist nur brüchige Fassade. Die schnell im Ärmel verschwindende Rolex am Handgelenk des vereinsamten Patriarchen lässt erraten, dass die finanzielle Hilfe des Sohnes nicht nur der Befriedigung von Grundbedürfnissen zugutekommt. Sobald der SUV die Einfahrt wieder verlassen hat, wird die Kulisse abgebaut. Unter der Plane erscheint ein gepflegter Oldtimer, unter der Tagesdecke das Designersofa, auf dem sich der stilbewusste Senior im Nadelstreifenanzug nach dem kleinen Schauspiel niederlässt.
Auch in Mother erleben wir ein Kammerspiel entfremdeter Familienbeziehungen. Dieses Mal sind es die Schwestern Timothea (Cate Blanchett) und Lilith (Vicky Krieps), die zum jährlichen Wiedersehen im Dubliner Haus ihrer Mutter (Charlotte Rampling) eintreffen, um an einem von Häppchen, Scones und blumigen Porzellangeschirr bedeckten Tisch Vertrautheit zu mimen. Damit man sich beim Anschweigen besser in die Augen schauen kann, wird der Strauß in der Tischmitte durch einen kleineren ersetzt. Alibi-Gespräche und auszusitzende Zeit. Aber der Tee ist gut; oh ja, der Tee schmeckt ganz vorzüglich.
Die letzte Erzählung im Bunde bricht dann mit der distanzierten Unbeholfenheit, die die Dynamik der ersten beiden Familienkonstellationen auszeichnet. In Sister, Brother begegnen wir den Zwillingen Skye (Indya Moore) und Billie (Luka Sabbat), die in Paris die Wohnung ihrer bei einem Flugzeugabsturz verstorbenen Eltern auflösen. Es sind intime Szenen des Abschieds und eines endgültigen Eintritts in das Erwachsenenleben, das uns mit alten Familienfotos auf dem nackten Holzparkett und nostalgischen Schritten durch leere Zimmer suggeriert werden.
Who the fuck is Onkel Bob?
Während die drei Geschichten unabhängige, in sich geschlossene Erzählungen bilden, bleiben sie doch verbunden durch visuelle und sprachliche Motive, die in leicht veränderter Form mehrfach wiederholt werden. So zum Beispiel das britische Idiom „and Bob’s your uncle“, das einen Sachverhalt als inhaltlich erschöpft darstellt und weitere Erläuterungen damit für überflüssig erklärt. Zu diesem in etwa synonym, dem deutschen Publikum aber vielleicht geläufiger sind im Englischen die Redewendungen “and there you have it” oder “it’s as simple as that”.
Einen Sinn kann man dieser Redewendung in Jarmuschs Film abgewinnen, wenn sie in Zusammenhang mit der Frage nach der heutigen Stellung der Familie in westlichen Industrieländern gebracht wird. So hat sich die Bedeutung der Familie in weiten Teilen der westlichen Welt durch Bildungsexpansion, Säkularisierungs- und kulturelle Liberalisierungsprozesse stark gewandelt. Traditionelle Familienmodelle sind hinterfragt und neue aufgewertet worden, mehr Wohlstand und formale Bildung haben die finanzielle Abhängigkeit vom Elternhaus abgeschwächt und die Entscheidung für andere Lebensformen erleichtert oder erst ermöglicht. Doch ist diese gewonnene Freiheit mit Blick auf die Familie ein zweischneidiges Schwert, denn droht mit der Entscheidung für einen anderen Lebensentwurf auch gleichzeitig der Verlust der Bindung an das Elternhaus. Denn was hat man sich zu sagen, wenn man nichts mehr teilt? Entsprechend weit verbreitet sind die Fremdheitserscheinungen im Familienumfeld, die wir in den ersten beiden Geschichten des Episodenfilms bezeugen.
Kein Zufall ist deswegen, dass Jarmuschs Father, Mother, Sister, Brother auf der anderen Seite des Atlantiks pünktlich zu Heiligabend des vergangenen Jahres in die Kinos kam. Treibt man sich zu dieser Zeit im Dickicht des World Wide Webs herum, stößt man auf unzählige Videos, Artikel und Blog-Einträge, die einem praktische Tipps zum „Überleben“ der holiday season an die Hand geben. Schnell wird einem klar, dass die so ersehnte Auszeit im Kreise der Familie für viele gar nicht so erholsam ist, wie es der Weihnachtsmythos mit seinen wohlig lachenden Werbegesichtern alljährlich aufs Neue verspricht. Lang überwunden geglaubte Verhaltensmuster übernehmen zwischen den Tapeten der Jugendtage wieder die Oberhand; politische Divergenzen und chauvinistische Kommentare am Esstisch erlauben nur noch die Flucht ins Kinderzimmer, in welchem die Meditationsapp nach ein paar kostenlosen Minuten geführter Atemübung im Schneidersitz die Vorzüge des gerade reduzierten Mindfulness-Abo anpreist.
Aber trotzdem packen wir im nächsten Jahr wieder unsere Festtagssocken ein, wenn die Fußgängerzonen von Glühweinständen und Lebkuchenherzen kolonisiert werden. Und auch Timothea lässt sich das steife Familientreffen nicht entgehen, obwohl klar ist, dass ihre Lebenspartnerin auf dem Fahrersitz vor der lieben Mutter nur die Uber-Chauffeurin spielen darf. Doch will man diese entkernten Rituale der Sittlichkeit hinterfragen, schneidet einem Onkel Bob schnell das Wort ab.
Denn dem Verwandtschaftsverhältnis mitsamt der normativen Anforderungen, die es an uns stellt, kommt selbst oder gerade vor diesem Hintergrund des familiären Bindungsverlustes oft der Status einer nicht weiter zu rechtfertigenden Grundannahme zu. Stellvertretend für die komplexen Gefühlswelten und Abhängigkeitsbeziehungen wird angesichts Entfremdung und familiärer Konflikte nur abschließend konstatiert, dass es nun mal die eigene Familie sei. „And bob’s your uncle“ wird so zum letzten Wort, wenn es um die uns allen in der einen oder anderen Form bekannten Aporien des Familienlebens geht.
Träume vom Skaten
Sicherlich legt einem diese quasi-wortwörtliche Interpretation des Bonmots einen etwas ernüchternden Blick auf die Familie in der Gegenwart nahe. Doch gibt es neben Onkel Bob noch ein weiteres szenisches Leitmotiv, welches sich durch die drei Erzählungen zieht und einen leichten, wenn auch nachdenklichen Gegensatz bildet.
Die Rede ist von jenen traumartigen Sequenzen, in denen unsere Protagonist:innen, auf dem Weg zum Elternhaus, den Gedanken an ihre familiäre Verpflichtungen kurzzeitig entrissen, von vorbeifahrenden Skateboarder:innen in den Bann gezogen werden. Für einen Augenblick wird alles ausgeblendet, nur die eingespielten Bewegungen der namenlosen Körper auf den rollenden Decks nehmen in Zeitlupe die Leinwand ein und verschwinden so schnell wie sie gekommen sind. Die kontemplative Magie dieser zeitverzerrten Bildern lässt sich dem Symbolischen zuordnen. Es ist die Unabhängigkeit der counterculture auf Rädern, die Jarmuschs Figuren wie auch uns Zuschauer als Gegenentwurf zum sippentreuen „And Bob’s your uncle“ faszinieren soll. Bedient wird dabei eine wohlbekannte Semantik: Skateboarding als popkultureller Signifikant des subversiven Rebellentums einer neuen Generation, die sich im Lossagen von der verstaubten Welt ihrer Erzeuger zu emanzipieren sucht. Gemeinschaft finden hier die Gemeinschaftslosen, die mit der Anerkennung der Kontingenz der Blutsverwandtschaft dem Versuch einer familienbasierten Begründung von Solidaritätsansprüchen à la Onkel Bob eine Absage erteilt.
Traumartig sind diese Bilder der Skater auch deshalb, weil sie keinerlei narrative Funktion ausüben. Entkoppelt von der eigentlichen Erzählung fungieren sie lediglich als tagträumerische Erinnerung an die Existenz alternativer Daseinsformen. Für einen kurzen Moment lassen sich die Charaktere von der Möglichkeit eines anderen Lebensentwurfs, einer anderen Geschichte als der eigenen verzaubern und entfliehen dabei ihren familiären Sorgen und Verpflichtungen.
Doch soll diese versuchsweise Interpretation der Wiederholungen, die sich in suggestiver Weise durch Jarmuschs neuen Film ziehen, nicht zu der Annahme verleiten, wir hätten es mit einem Thesenfilm zu tun. Father, Mother, Sister, Brother drängt uns keine „Message“ auf. Die Geschichten fordern keine Zustimmung, keine Positionierung. Der Film kommt ohne Verurteilung, ohne Bewertung aus. Die Sprachlosigkeit der Figuren spricht für sich. Und viel lässt sich in dieser Stille vernehmen: zärtliche Zuneigung ebenso wie verlegene Fremdheit, absurde Komik ebenso wie verborgene Wehmut.
Father, Mother, Sister, Brother erschien Ende Februar 2026 in den deutschen Kinos.
Foto: © Vague Notion: Photo Frederick Elmes







