Erzwungenes Miteinander verläuft nicht immer rosig. Besonders wenn die Umstände dieser Koexistenz von einem Dritten ausgehandelt werden. Der größtenteils im Westjordanland gedrehte Historienfilm könnte nicht zeitgemäßer sein; erzählerische Schwächen verhindern leider ein Meisterwerk.
„Too ambitious for their own good“. In einer ebensolchen Manier kommentiert der im Film erscheinende, oberfiese, britische Offizier Wingate die verzweifelten Bemühungen der Palästinenser an ihrer allmählich schwindenden Heimat festzuhalten. Bedauerlicherweise lässt sich der Film als Ganzes mit einem ähnlichen Kommentar versehen.
Regisseurin Annemarie Jacir holt, im Angesicht des brandaktuellen Themas, verständlicherweise weit aus mit ihrem mittlerweile vierten Spielfilm. Sie lässt den Zuschauer für knappe zwei Stunden in die Schicksale mehrerer Palästinenser*innen aus verschiedenen Altersgruppen und sozialen Schichten eintauchen. In Betlehem als Tochter einer alteingesessenen christlich-palästinensischen Familie geboren, war es ihr eine Herzensangelegenheit, die häufig unter den Teppich gekehrte Entstehung der Spannungen – um es milde zu formulieren – zwischen den aus Europa geflohenen Juden und Jüdinnen und den Einheimischen näher zu beleuchten, wie sie Vogue Arabia berichtet. Wobei der Rolle Großbritanniens als Katalysator der Abwärtsspirale in ihrem Film besondere Aufmerksamkeit zuteil wird.
Das Jahr ist, wie der Titel des Films bereits vermuten lässt, 1936: Palästina ist ein britisches Mandatsgebiet, welches unter direkter Verwaltung des Vereinigten Königreichs steht. In ebendieser Zeit arbeitet der Dorfjunge Yusuf in Jerusalem als Chauffeur für den einflussreichen Landbesitzer und Zeitungsherausgeber Amir. Durch seine guten Englischkenntnisse eröffnet sich ihm der direkte Kontakt mit britischen Beamten und Offizieren bei Verhandlungen oder Festen. Nachdem jedoch sein Vater bei einem Versuch mit den sich in palästinensischen Gebieten breit machenden Juden zu unterhalten erschossen wird, beginnt er seine neutrale Haltung zu hinterfragen. Insbesondere die folgenden, parteiischen Aktionen der Briten schockieren ihn.
Zeitgleich verdingt sich Khalid im Hafen von Jaffa als Schauermann. Eines Tages bekommen er und seine Kollegen mit, dass die Briten den Transport von Waffen an jüdische Privatpersonen dulden, deren Besitz ihnen strengstens untersagt ist; es beginnt sich etwas in ihnen zusammenzubrauen. Als Khalid dann noch für seine Überstunden nicht gerecht entlohnt wird – und sich stattdessen eine Tracht Prügel abholt – brechen alle Dämme. Fortan schließt er sich dem bewaffneten Widerstand in den ländlichen Gebieten an.
Besonders berührend ist jedoch die Geschichte des kleinen Jungen Kareem, welcher der Sohn eines Dorfpriesters ist. Dieser wird von seinem Vater dazu angeleitet, immer ehrlich und standhaft zu handeln, auch im Angesicht anhaltender Ungerechtigkeit. Schikane durch britische Soldaten an Checkpoints wird stets mit einem Lächeln begegnet. Als Reaktion auf eine Zugentgleisung wird jedoch eine drakonische Kollektivstrafe auf ihr Dorf ausgeübt. Kareem muss daraufhin schneller erwachsen werden, als ihm lieb ist.
Ohne Zweifel liefert Jacirs Film eine packende Darstellung des Beginns einer katastrophalen Kollision, welche bis heute andauert. Leider möchte der Film zu viele individuelle Perspektiven in seiner vergleichsweise bescheidenen, zweistündigen Laufzeit unterbringen, was dazu führt, dass der Zuschauer im Endeffekt keinen der Charaktere, beziehungsweise sein Innenleben wirklich kennenlernt. Besonders die Figur Yusuf enttäuscht als Semi-Hauptcharakter; zu wenig Platz wird seiner eigentlich vielversprechenden Geschichte als „Vermittler zwischen den Welten“ eingeräumt. Sauer aufstoßen könnte einigen auch die Entscheidung, keine einzige jüdische Person zu Wort kommen zu lassen. Nichtsdestotrotz liegt hier ein mitreißender und beeindruckend produzierter Film vor, dessen malerische Bilder noch lange nachhallen. Ermutigend ist auch die Tatsache, dass namhafte Schauspieler wie Jeremy Irons für das Werk verpflichtet werden konnten, was mit Sicherheit die Visibilität der Produktion im kompetitiven Medienzirkus erhöht. Perspektiven, die oft kein Sprachrohr im Mainstream finden, kann mit genügend Anstrengung der steinige Weg auf die großen Leinwände gelingen. Es ist allenfalls ermutigend für zukünftige Filmschaffende, die nicht in den Beverly Hills geboren sind. Abschließend lässt sich sagen, dass eventuell ein strikter Fokus auf ein bis zwei Charaktere oder eine deutlich längere Laufzeit dem Werk die bitter nötige Tiefe gegeben hätte, um die Zuschauer*innen vollends eintauchen zu lassen.
Foto: Karim Daoud Anaya © Philistine Films







