Netflix-Kolumne: Bridgerton – Jenseits von Schwarz und Weiß?

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Daphne Bridgerton und der Graf von Hastings Foto: Liam Daniel/Netflix

Alle schauen Bridgerton. Während 2020 mit dem Tigerking begann, nehmen 2021 britische Aristokrat*innen die Bildschirme ein. Die neue Serie, produziert von Shonda Rhimes, polarisiert. Warum? Ein Großteil der Darsteller*innen ist Schwarz. Haben wir es mit Empowerment oder verharmlosendem Geschichtsrevisionismus zu tun?

Bill: „Regency England, a bit more Black than they show in the movies!”

Doctor: “So is Jesus. History is a whitewash.”

(Doctor Who, Staffel 10 Folge 3 „Thin Ice”)

Bridgerton spielt im London in den 1810er Jahren, zur Zeit von König George III. (auch aus dem Hitmusical Hamilton bekannt) und Königin Charlotte. Die erste Staffel zeigt das Lieben, Leiden und Flirten der Londoner High Society. Die heiratsfähigen jungen Frauen werden der Queen vorgestellt, so viele Bälle wie möglich am Terminkalender abgehakt – alles in der Hoffnung, am Ende der „Saison“ eine Verlobung zu besiegeln. Im Zentrum der Handlung stehen nicht nur die Familie Bridgerton mit der zu verheiratenden Tochter Daphne (Phoebe Dynevor), sondern auch der Graf von Hastings (Regé-Jean Page), der alles will außer heiraten. Er sowie seine Ziehmutter, Lady Danbury (Adjoa Andoh), wurden mit Schwarzen Schauspieler*innen gecastet. Die Ensembleszenen zeichnen ebenso ein diverses Bild, egal ob in der Vorstadt, auf dem Ball oder im Armenviertel.

Kurzum, der Erfolg, die Sympathie und das Schicksal der Charaktere in Bridgerton wird nicht an der Hautfarbe festgemacht. Aber entspricht das der Realität? Nein, lautet die Kritik. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, während der sogenannten Regency Periode, war Sklaverei im Vereinigten Königreich noch nicht abgeschafft! Der Slavery Abolition Act wurde erst 1833 unterzeichnet, also weit nach der Regentschaft von Königin Charlotte und König George III.. Natürlich gab es im 18. und 19. Jahrhundert Schwarze Menschen und, worin der Doctor in der Hitserie Doctor Who Recht hat, mehr als heute oft vermutet wird. Die Zahl der Schwarzen Menschen in London zur Regency Periode wird auf bis zu 30.000 geschätzt. Zuallererst ist also die Geschichtsschreibung zu hinterfragen!

Adjoa Andoh als Lady Danbury und Regé-Jean Page als Simon Basset Foto: Liam Daniel/Netflix © 2020

Aber konnten Schwarze Menschen auch Adelspositionen innehaben? Sicher nicht in der Form, wie die Serie Bridgerton es darstellt. Zu Königin Charlottes afrikanischen Vorfahren gibt es bereits lange Gerüchte. Trotzdem scheint es unwahrscheinlich, dass sie in der Position war, den König des Vereinigten Königreichs zu heiraten, wenn sie nicht zumindest als weiß gelesen wurde. Dido Elizabeth Belle ist eine der wenigen englischen nichtweißen Adeligen, deren Existenz heute gesichert ist. Auch über sie wurde 2014 ein Film gedreht. Bridgerton ist also nicht alleine auf dieser historischen Spurensuche! In dem Film werden Rassismus und Didos Besonderheit als Schwarze Frau in der High Society allerdings sehr wohl thematisiert.

Doch abgesehen davon, dass Schwarze Menschen in Bridgerton in Machtpositionen inszeniert werden, die sie höchstwahrscheinlich gar nicht innehaben konnten, gibt es noch ein anderes Problem: Hautfarbe wird überhaupt nicht adressiert! Nur in der 4. Folge über die Bedeutung der Königshochzeit wird darüber gesprochen: Die Hochzeit von Königin Charlotte, in der Serie als Schwarze Frau dargestellt, und König George III. habe die ehemals durch Hautfarbe getrennten gesellschaftlichen Gruppen vereint. Dieser Kommentar dient anscheinend nur dazu, das “Rassismusproblem” für den Rest der Serie nicht adressieren zu müssen. Ganz selbstverständlich sind Diener*innen und Adelige, arme und einflussreiche Menschen Schwarz und weiß.

Deshalb wird der Serie Colour Evasiveness* (auch bekannt als Colour Blindness, siehe Anmerkung) vorgeworfen. Der Hauptkritikpunkt ist nicht nur, dass die Darstellung von gesellschaftlichen Verhältnissen inakkurat ist und die historische Situation von Schwarzen Menschen verharmlost, sondern auch, dass Hautfarbe fast komplett ausgeklammert wird. Geschlecht als Machthierarchie wird zum Beispiel sehr wohl thematisiert: Da gibt es Daphnes Schwester Eloise, die lieber lesen und rauchen will anstatt Kinder zu bekommen, und die Doppelmoral zum promiskuitiven Verhalten bei Männern bzw. bei Frauen kommt immer wieder auf.

Sexismus existiert, Rassismus nicht

Ein weiterer Kritikpunkt an Bridgerton wird unter Colourism zusammengefasst. Colourism ist, so schreibt Alice Hasters in ihrem 2019 erschienenen Bestseller, die „Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe innerhalb einer rassifizierten Gruppe“. Dabei steht Bridgerton keinesfalls alleine da! BI_POC, die in Serien und Filmen gezeigt werden, sind überwiegend light skin. Natürlich erfahren sie alle Diskriminierung, weil sie als nichtweiß gelesen werden. Aber allein die Tatsache, dass dark skin Menschen extrem unterrepräsentiert sind, zeigt, dass bei der Darstellung von BI_POC immer noch weißes Ideal besteht. Wir alle lieben Jackson Avery (Jesse Williams) aus Grey’s Anatomy für seine grünen Augen. Aber versuche mal, Beispiele für dark skin Serienheld*innen zu finden, die nicht ebenfalls eine*n dark skin Partner*in an die Seite gestellt bekommen! Ebenso gibt es bei Bridgerton mit Martins Imhangbe, der den besten Freund des Grafen von Hastings spielt, nur eine halbwegs wichtige Nebenrolle, die dark skin ist. Während der Hintergrund ein Abziehbild von Diversität darstellt, ist der Vordergrund nicht so divers, wie es auf den ersten Blick scheint! Aber auch das wird in der Serie natürlich nicht thematisiert.

Hautfarbe scheint in dieser alternativen Geschichte keine Rolle zu spielen. Das kann empowernd sein. Schwarze Menschen stehen selten an der Spitze eines historischen Dramas, in dem es nicht um Sklaverei geht. Gleichzeitig wurden in der Umsetzung wichtige Stufen übersprungen. Colour Evasiveness besagt: Solange es in der Gesellschaft nicht egal ist, welche Hautfarbe ein Mensch hat, bringt es nichts, so zu tun, als gäbe es sie nicht. Die Basis, auf der tagtäglich Diskriminierung passiert, wird als irrelevant erklärt – die Diskriminierung selbst kann so aber nicht beseitigt werden!

 

*Auch bekannt als Colour Blindness. Da die Gleichsetzung von Blindheit mit Ignoranz aber als behindertenfeindlich kritisiert wird, wird stattdessen immer öfter „evasiveness“ (=Vermeidung, ausweichendes Verhalten) benutzt. 

 

Wenn dich die Serie (und das Thema) interessiert, kannst du hier mehr erfahren: 

“Dido Elizabeth Belle” – Kultur – SZ.de (sueddeutsche.de)

Netflix:„Bridgerton“ hat ein Problem mit Rassismus (refinery29.com)

Bridgerton offers us the myth of a post-racial Britain that doesn’t exist – gal-dem (gal-dem.com)

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