Der Palast der Schönen Künste in Lille beherbergt Schätze aus allen Epochen. Allerdings hängt es stark vom Habitus ab, wer ins Museum gehen kann. Ein Ort zwischen exklusiver Hochkultur und künstlerischer Kritik.
Andächtig leise schreitet Eliott im langen grauen Mantel durch den Skulpturensaal des Palais des Beaux-Arts. Der 25-jährige Ökonomiestudent trägt einen gepflegten Bart. Zwischen seinen mittellangen braunen Haaren blitzt ein Ohrring hervor. Ich treffe ihn in seinem Lieblingsraum des Kunstmuseums im Erdgeschoss.
„Und was gefällt der hier besonders gut?“, möchte ich wissen. „Erstmal die Vielfalt der Skulpturtechniken. Ich selbst komme ja nicht aus dem Kunstbereich, ich bin also ein Laie, aber ich habe wirklich das Gefühl, dass sich in jeder Figur ein Moment kristallisiert“, meint er mit gedämpfter Stimme. „Und das finde ich schlichtweg spektakulär. Deshalb werde ich dessen auch noch nicht müde.“
Eliott geht regelmäßig ins Museum. Immer abends, meistens nach langen Tagen am Schreibtisch. In den Räumen des Palais des Beaux-Arts empfindet er ein besonderes Gefühl. „Es ist für mich ein Moment außerhalb der Zeit, in dem ich eine kleine intellektuelle Pause finde.“
Aufgewachsen ist Eliott in der Pariser Region, schon als Kind führten ihn seine Eltern ins Museum. „Ich würde aber nicht sagen, oft, denn wir kommen aus der Pariser Region, genauer gesagt aus Versailles. Paris war nah, aber gleichzeitig auch weit entfernt. Das bedeutete immer einen gewissen Aufwand – finanziell, aber vor allem auch zeitlich“, erklärt er sanft.
Wer ins Museum geht, hängt von der Familie ab
Tatsächlich werden die Leitplanken des passionierten Museumsgängers nicht erst in den Lehrjahren kultiviert. Die Pariser Soziologin Leïla Frouillou forscht und lehrt an der Universität in Nanterre zu sozialen Ungleichheiten im Bildungssystem. Sie gibt im Gespräch zu bedenken: „Was man beobachtet, ist, dass Museumsbesuche gelernt werden müssen – genauso wie Opernbesuche. Es handelt sich um kulturelle Praktiken, die familiär weitergegeben werden, und das erzeugt sehr starke Ungleichheiten.“ Weiter erklärt sie: „Ein Museum kann einschüchternd sein: Es kostet Eintritt, und man weiß oft nicht, wie man Werke interpretieren soll, wie man eine kritische Haltung einnimmt oder sie in einen Kontext einordnet.“
Ziemlich elitär, so ein Museum. In den 1960ern sagte der Düsseldorfer Künstler Joseph Beuys mal, jeder Mensch sei ein Künstler. Von wegen! Wie in den meisten gesellschaftlichen Feldern erscheint auch die künstlerische Teilhabe als eine Frage von Privilegien. Den Zugang zu Kunst und Kultur muss man sich eben erstmal leisten können. Nach den Worten der Soziologin erscheint mir der pompöse Palast als eine einzige Machtdemonstration bourgeoiser Ästhetik.
Mit kritischer Distanz grabe ich mich unter den hohen Decken allein immer tiefer in die Sammlungen. Im ersten Stock stoße ich, wie sollte es anders sein, auf eine Wand, die vollständig dem korsischstämmigen Herrschergeschlecht der Bonapartes gewidmet ist. Hier das Porträt einer weiblichen Familienangehörigen, dort die ansehnliche Büste irgendeines Nachfahrens von Napoleon I. Die Kunst steht hier wohl ganz im Dienst der imperialen Herrscher*innen.
An diesem Gebäude scheint sich die ganze Ironie der Französischen Revolution zu entspinnen. Das Volk stürzte die Monarchie von ihrem Thron und es begann die Herrschaft der bürgerlichen Klasse. Das ausschweifende Museumsgebäude hier am Place de la République wurde allerdings nie von einem Monarchen bewohnt. Es wurde erst deutlich nach der Revolution im späten 19. Jahrhundert errichtet. Wie das Bode-Museum in Berlin oder die Opéra Garnier in Paris steht es in der Linie der Beaux-Arts-Architektur: eine reich dekorierte Fassade außen und repräsentative Räume von kolossaler Weite innen.
Die Kunst des Ungehorsams
Gelangweilt von den immer gleichen Gemälden stapfe ich die Treppe nach unten in den Skulpturensaal. Eliott führt mich zu seiner Lieblingsskulptur. Das kleine schwarze Artefakt vor dem wir stehen, wirkt massiv. Es steht im Kontrast zu den großen weißen Körpern in diesem Saal. Ich bitte ihn, mir seine Lieblingsskulptur zu erklären. „Sie zeigt einen jungen Soldaten, der versucht, sich mit einem Dolch zu erstechen, um Befehlen nicht folgen zu müssen – vielleicht von einem Patriarchen oder einem Tyrannen.“
Der unglückliche Dissident hat aber Pech, denn er verfehlt sich knapp, sein Schwert fällt zu Boden. Nicht einmal der Freitod will ihm gelingen. Die Menschen um ihn herum, seine Familie, werden alarmiert. „Er beschließt, sich umzubringen. Nicht aus Überzeugung, sondern um der Situation zu entkommen. Ich finde das irgendwie schön, auf eine gewisse Art. Vielleicht in einem tragischen Sinne“, meint Eliott nachdenklich, aber mit einem sanften Lachen.
Ein ungeschickter Soldat, der versucht nicht zu gehorchen und dabei sein Leben opfert. Das klingt mal so gar nicht nach herrschender Klasse. Eliotts Worte tragen eine traurige Melodie. Sie singen ein Lied von erdrückendem Weltschmerz und von der Idiotie der Geschichte. Das grüblerische Werk, das ihn so berührt, ist der kläglich scheiternde Versuch nicht zu gehorchen. Ein Zerbrechen an der Ungerechtigkeit dieser Welt. Und immer wieder zieht es Eliott dafür ins Museum. Die Kontemplation ist eben nicht immer nur ein angenehmer Zustand. Es bedeutet auch, Gefühlen Raum zu geben, für die am Schreibtisch sonst kein Platz ist.
Symbolische Gewalt überwinden
Ich frage mich plötzlich, ob ich dem Palais des Beaux Arts mit meinen vorschnellen Schmähungen Unrecht getan habe. Denn natürlich hat Kunst auch ein ungemeines, befreiendes Potenzial. Immer wieder werden Autoritäten und Hierarchien in Kunstwerken in Frage gestellt. Wahrscheinlich ist niemals die Kunst selbst das Problem, sondern ein beschränkter Zugang zu ihr.
Pierre Bourdieu, Posterboy der französischen Sozialwissenschaften, verwendete dafür das Konzept der symbolischen Gewalt. Soziologin Frouillou dechiffriert den Begriff: „Sie führt dazu, dass man sich weder in der Schule noch im Museum wirklich am richtigen Platz fühlt und dass Angehörige dominierter Klassen glauben, es sei ihre eigene Schuld.“
Und das hat weitreichende Konsequenzen. „Man erkennt an, dass Schule und Museen ‚gut‘ sind, sagt sich aber: ‚Das ist nichts für mich.‘“, erklärt die Soziologin. So werde das Dominanzverhältnis im kulturellen Bereich verinnerlicht. „Dabei ist es nicht so, dass es ‚nicht für uns‘ wäre, sondern dass es ein Lernen voraussetzt, das man nicht unbedingt erfahren hat. Und das gilt es eben, ein Stück weit zu entnaturalisieren“, so Frouillou weiter.
Kurz bevor das Museum abends seine Türen schließt, verabschieden Eliott und ich uns herzlich. An diesem späten Nachmittag habe ich gelernt, dass weder Kunst noch das Museum per se gut oder schlecht sind. Kunst kann bestehende Ordnungen sowohl ideologisch zu stabilisieren als auch kritisch in Frage stellen. Letztlich kommt es aber darauf an, dass Museen zugänglicher werden. Und auf Menschen wie Eliott, die sich von der Kunst berühren lassen und ihr einen Sinn geben.
Foto: Tobias Würtz







