Beatrace Oola ist freie Kuratorin und Gründerin der Kreativplattform Fashion Africa Now, die sich für die Sichtbarkeit von Designer*innen afrikanischer Herkunft in der deutschen Modebranche einsetzt. Die UnAufgefordert hat mit ihr über strukturellen Rassismus in der Modeindustrie und die Schönheit der African Fashion gesprochen. 

UnAuf: Wir sprechen gemeinhin von „afrikanischer Mode”, obwohl Afrika ein diverser Kontinent ist. Warum ist das so und siehst du Alternativen?

Beatrace: Ich spreche gerne von African Fashion oder Designer*innen afrikanischer Herkunft. Bei afrikanischer Mode handelt es sich um die direkte deutsche Übersetzung, aber African Fashion beschreibt eine selbstbestimmte Bewegung, die aus der afrikanischen, afrodiasporischen Perspektive heraus entstanden ist. Der Begriff beinhaltet die Vielfältigkeit, die unterschiedlichen Stile, Handwerkstechniken, und Textilien. Wir kennen ja Ethnofashion. Die ist zwar von afrikanischen und asiatischen Designs inspiriert, aber aus einer eurozentrischen Perspektive entstanden und überhaupt nicht mit African Fashion gleichzusetzen. Für Konsument*innen ist das, auf Grund ihrer Prägung, aber oft gar nicht sichtbar. Sie sehen oder hören “afrikanische Mode” und haben automatisch Ethnobilder vor Augen. Deswegen sollte der Begriff der African Fashion auch so übernommen werden und nicht ins Deutsche übersetzt werden, weil er eben eine vielfältige, zeitgenössische, afrozentrische Bewegung beschreibt.

UnAuf: Was bedeutet Schönheit für dich?

Beatrace: Schönheit ist für mich etwas Ehrliches, etwas Akzeptierendes, ästhetisch aus unterschiedlichen Perspektiven, Zulässiges. Schönheit hat für mich auch etwas mit Spiritualität zu tun. Die ist in der African Fashion Bewegung sehr wichtig. Die Textilien haben Codes und eine versteckte Sprache. Indigo zum Beispiel durfte nicht jeder verarbeiten. Du musstest als Indigo Meister eine bestimmte Rolle in der Community erfüllen und bestimmte spirituelle Eigenschaften besitzen. Das ist eine Ebene, der in der westlichen Mode kaum Beachtung geschenkt wird.

UnAuf: Wo finden wir strukturellen Rassismus in der deutschen Modebranche?

Beatrace: Strukturellen Rassismus finden wir in der Modebranche institutionell oder in Unternehmen. Struktureller Rassismus ist das Ergebnis von historischen und sozialen Prozessen, die von vielen Faktoren beeinflusst wurden. Es kann nicht auf eine einzige Person oder Gruppe zurückgeführt werden. Vielmehr ist es ein komplexes Problem, das durch strukturelle, institutionelle und individuelle Faktoren aufrechterhalten wird. Ein Beispiel ist die Frage, wo Schwarze Mitarbeiter*innen in der Modeindustrie vorkommen. Wie viele sind in einer Führungsposition, wie viele sind in der Entscheidungsmacht? Das ist im deutschen Raum wirklich minimal. Bei Fashion Veranstaltungen stellen wir fest, dass weiß positionierte Organisationen die strukturelle Förderungen erhalten. Viele denken, bei Rassismus in der Mode ginge es nur um Blackfacing oder, wenn wir keine Schwarzen Models auf dem Laufsteg sehen. Der strukturelle Rassismus in Unternehmen ist aber oft unsichtbar und zeichnet sich zum Beispiel in Honorar Verträgen oder kulturelle Aneignung aus. Es ist kein Zufall, wenn weiß positionierte Organisationen Schwarze Körper und Schwarze Ästhetik als Förderstrategie einsetzen, um Diversität zu demonstrieren. Was als „Inklusion“ präsentiert wird, ist häufig symbolische Teilhabe ohne strukturelle Umverteilung. Sichtbarkeit ersetzt keine Entscheidungsmacht. Repräsentation ersetzt keine Ressourcen.

UnAuf: Was zeichnet die Arbeit deiner Plattform aus?

Beatrace: Fashion Africa Now ist ein Sprachrohr für neue Perspektiven innerhalb der Mode- und Kreativindustrie. Wir brechen mit stereotypen Darstellungen und erzählen Narrative aus afrodiasporischer, afrikanischer und Schwarzer Perspektive neu. Dabei verstehen wir uns zugleich als Netzwerk und Plattform, die die Sichtbarkeit von Designerinnen stärkt, kulturelle Positionen sichtbar macht und Brücken zwischen unterschiedlichen Akteurinnen der Industrie baut. Unsere Arbeit basiert auf kollaborativen Partnerschaften mit Institutionen, Unternehmen, Brands und Kulturschaffenden. Durch unseren Podcast als Raum der Wissensproduktion, unser Online-Magazin als Plattform für kritisches Denken und Reflexion sowie durch Veranstaltungen und Diskursformate schaffen wir nachhaltige Zugänge zur Mode- und Kreativindustrie. Gesellschaftlich relevante Themen stehen dabei im Zentrum unserer Arbeit. Fashion Africa Now verbindet kulturelle Praxis mit wirtschaftlichen, politischen und sozialen Fragestellungen und etabliert sich damit zunehmend als Referenzort und Ansprechpartner für Politik, Wirtschaft und Kulturinstitutionen. Unser Anspruch ist es, nicht nur Sichtbarkeit zu schaffen, sondern langfristig Strukturen mitzugestalten, die kulturelle Vielfalt, kreative Exzellenz und nachhaltige Teilhabe innerhalb der globalen Modeindustrie fördern.

 

UnAuf: Wie sieht für dich die ideale Zusammenarbeit mit Labels aus?

Beatrace: Ideale Kooperationen beruhen darauf, dass sie auf Augenhöhe stattfinden und unterschiedliche Perspektiven gleichwertig behandelt werden. Das fängt schon bei den Verträgen an. Wo liegt am Ende das Copyright? Auch der Profit sollte gleichermaßen verteilt sein. Denken wir intersektional? Behält am Ende eine weiß positionierte Organisation die Rechte an Publikationen? Es gehört dazu, genau hinzugucken, ob unsere Perspektiven wertgeschätzt werden und wir gleichberechtigt agieren oder ob ein Unternehmen Diversity nur als Marketingstrategie auf einer Checkliste abhaken möchte. Tatsächlich machen wir oft die Erfahrung, dass Unternehmen zwar unser Know-how wollen, aber aufgrund des Systems denken, sie könnten sich daran einfach bedienen. Es zeigt eine absolut ignorante Haltung.

UnAuf: Inwiefern ist Schönheit für dich etwas Persönliches und inwiefern etwas Politisches?

Beatrace: Natürlich hat es immer etwas mit deiner Sozialisierung zu tun, was du schön findest. Es kann dabei einen großen Unterschied machen, ob du hier oder auf dem afrikanischen Kontinent sozialisiert worden bist. In afrikanischen Kulturen gelten zum Beispiel eine hohe Stirn, hohe Wangenknochen oder eine Zahnlücke als schön. Was in Deutschland als schön angesehen wird, beinhaltet auf jeden Fall noch kolonial geprägte Denkmuster. Menschen, die den Weißen Normen näher kommen, zum Beispiel mixed-race oder light-skinned Personen, gelten eher als schön als dark-skinned Personen. Diese Hierarchisierung ist kein individueller Zufall und auch keine bloße Geschmacksfrage. Sie verweist auf koloniale Kontinuitäten, die sich in Phänomenen wie Colorism, der Bevorzugung bestimmter Features oder der Abwertung natürlicher Haartexturen zeigen. Hier wird Schönheit politisch. Denn wenn bestimmte Hauttöne, Gesichtszüge oder Haarstrukturen systematisch privilegiert werden, reproduziert sich ein Wertesystem, das Weißsein als Maßstab setzt. Das zeigt sich auch in der Modeindustrie, zum Beispiel in Magazinen und Unternehmen. Schönheit richtet sich also nach den gängigen westlichen Normen. Sich kritisch mit Colorism in der Modebranche auseinander zu setzen, bedeutet nicht nur mehr Sichtbarkeit, sondern die Maßstäbe für Schönheit aktiv zu hinterfragen.

UnAuf: Denkst du, dass struktureller Rassismus bei der Mode von jungen Menschen in Deutschland eine besondere Rolle spielt?

Beatrace: Wie kritisch junge Menschen sind und ob sie ein dekoloniales Denken an den Tag legen, ist natürlich an Bildung gekoppelt und daran, wie weit sie sich informieren können, ob sie zum Beispiel studieren. Aber auch Student*innen wissen oft nicht, welche Folgen karitative Kleiderspenden für den afrikanischen Kontinent haben und dass Secondhand tragen im globalen Süden nicht die gleiche Bedeutung hat wie hier. Klar gibt es Öko-Fashion. Aber ein Label kann offiziell als nachhaltig gelten, auch wenn dieses Label den Überkonsum in afrikanische Länder exportiert. Die Nachhaltigkeitsdebatte ist also auch nicht davon gefreit, strukturellen Rassismus aufrechtzuerhalten. Es fehlt ein klarer Lehrauftrag, der jungen Leuten beibringt, was Überkonsum wirklich bedeutet und Ihnen klar macht, wie sie sie in diesem System agieren können, um handlungsfähig zu werden.

UnAuf: Wo verläuft für dich die Grenze zwischen kultureller Wertschätzung und kultureller Aneignung?

Beatrace: Ich erkenne den Unterschied ganz klar daran, ob Credits gegeben werden. Wenn weiß positionierte Organisationen/Unternehmen sich einfach einer Kultur bedienen, ohne auf die Herkunft zu verweisen, ist das etwas anderes, als wenn klar kommuniziert wird, woher die Inspiration kam. Ein gutes Beispiel ist Louis Vuitton. Diese Luxusmarke verwendet afrikanische Symbole, ohne der entsprechenden Community etwas zurückzugeben. Dazu gibt es aber keinen Kontext und das ist das Fatale.

UnAuf: Wie können Menschen, die von strukturellem Rassismus betroffen sind und in der Modeindustrie arbeiten, sich gegenseitig unterstützen?

Beatrace: Es ist auf jeden Fall hilfreich, wenn Menschen in einem Unternehmen zusammenkommen, um solidarisch miteinander zu sein. Auch, wenn sie nach außen gehen, um Plattformen wie Fashion Africa Now oder andere Black-Creative-Plattformen dazuzuziehen, die innerhalb ihres Unternehmens für mehr Sensibilisierung sorgen und Strukturen aufbrechen können. Dazu gehört aber auch viel Arbeit, die oft von Schwarzen Mitarbeitenden alleine abverlangt wird. Wenn ein Unternehmen sich tatsächlich solidarisch zeigen möchte, sollte diese Arbeit auch vergütet werden. Außerdem sind auch andere Mitarbeiter*innen in der Verantwortung, sich zu informieren.

UnAuf: Was war deine Lieblings Kooperation und woran arbeitest du gerade?

Beatrace: Meine Lieblings Kooperation war mit Wildling, wo es um das Thema kulturelle Aneignung ging. Ich habe dafür ein schönes Projekt mit einer nigerianischen Designerin kuratiert und am Ende ist ein Schuh dabei entstanden. Die Produktion hat teilweise in Nigeria stattgefunden und es war im Ganzen sehr sinnvoll. Gerade arbeiten wir an einem Programm mit dem Namen Fabric of a Shared Future, das letztes Jahr zum ersten Mal stattgefunden hat. Es ist ein Austausch zwischen Hamburger Kreativen und Kreativen aus Kampala, die zusammen Kunst kreiert haben, die in Kampala präsentiert wurde und jetzt auch nach Hamburg zurückgespielt werden soll. Fabric of a shared future heißt, wir brauchen unterschiedliche Perspektiven an einem Tisch. Unser Anspruch ist, Zukunft nicht isoliert zu entwerfen, sondern gemeinsam. Es geht also darum zu erfahren, was wir dabei noch verbessern können. Wenn wir über zukunftsfähige Modesysteme nachdenken, müssen wir uns fragen: Wer produziert Wissen? Wer definiert Innovation? Und wessen Realitäten gelten als Referenz? Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Kreativität lassen sich nicht aus einer einzigen geopolitischen Perspektive entwickeln. Sie entstehen im Austausch. Es ist wichtig, dass solche Gespräche auch auf dem afrikanischen Kontinent stattfinden.

UnAuf: Wann fühlst du dich am schönsten?

Beatrace: Ich fühle mich am schönsten, wenn ich eine innere Ruhe fühle und Kleidung trage, die meine Identität widerspiegelt. Ich style einfach super gerne und das geht meistens ganz schnell. Ich brauche nur dieses Gefühl von: Yes I´m ready! Auch für mich persönlich hat Schönheit etwas mit Spiritualität zu tun. Ich trage zum Beispiel meine Kauri-Muscheln in den Haaren, die für Schutz stehen und somit auch eine spirituelle Bedeutung haben.

 


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