Illustration: Kati Szilagyi

Was passiert mit einem, wenn man 24 Stunden lang mit einem unbekannten Menschen in einem Raum verbringt, das einzige Kommunikationsmittel das Smartphone oder der Computer? Unsere Autorin berichtet vom ungewöhnlichen Experiment eines New Yorker Künstlers, das die Grenzen zwischen Realität und Virtualität verschwimmen lässt.

Die Welt schaut zu

Um aus Virtualität Realität entstehen zu lassen, begebe ich mich auf den Weg nach New York, für ein außergewöhnliches Treffen mit einer Person, die ich bis dato nur aus dem Internet kenne. Mein Ziel ist das Studio des Performancekünstlers Miao Jiaxin. Der Plan: Zwei Menschen, die sich nur über soziale Netzwerke kennen, begegnen sich und verbringen gemeinsam 24 Stunden in dem 15 Quadratmeter großen Studio. Der Haken: Schlafen ist verboten und jeder, der mag, kann per Livestream zuschauen.

Zehn Uhr: Ich betrete das Studio, die Performance beginnt. Anfangs bedrohlich, rückt die Webcam, die alles simultan ins Internet überträgt, bald in den Hintergrund. Viel präsenter erscheint unser Schweigen. Kein einziges Wort, nicht mal ein „Hallo“, kommt über unsere Lippen. Das wäre auch verboten, denn der Künstler hat für die Performance weitere Regeln aufgestellt: Wir dürfen uns nicht ansehen, nicht berühren, nicht miteinander sprechen.

Die letzte Minute

Es wird ein Leben simuliert, bei der die einzig mögliche Kommunikation digital via Smartphone oder Computer abläuft: Zwei Menschen ganz nah beieinander und doch jeder für sich. Von außen ließe sich vermuten, wir ignorierten uns. Sicher ein merkwürdiges Bild, aber vielleicht näher an der Realität, als zunächst vermutet.

Die ersten drei Stunden vergehen rasch und ich blicke den 21 verbleibenden mit Zuversicht entgegen. Essen, Trinken, Fernsehen – und Chatten. Wir vertreiben uns die Zeit. Doch irgendwann kommt die Müdigkeit, dann kommen die Zweifel. Ich bin froh als sie endlich anbricht: die letzte Minute. Miao und ich umarmen uns unter den Augen von 800 Zuschauern.

Dieser Artikel stammt aus der UnAuf 232 (Oktober 2015).

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