Mit Werken wie Sympathy for Mr. Vengeance, Oldboy und Lady Vengeance hat Park Chan-wook einige der gefeiertsten und zugleich umstrittensten Filme des modernen südkoreanischen Kinos geschaffen. Was offenbart Park Chan-wooks Vengeance-Trilogie über die moralische Korruption, die sich hinter den engen gesellschaftlichen Normen Koreas verbirgt?
Mit einer Karriere, die sich über mehr als zwanzig Jahre erstreckte, war No Other Choice (2025) Park Chan-wooks lang erwarteter dreizehnter Spielfilm. Im Zuge der Kino-Wiederveröffentlichung von Oldboy (2003), ist es an der Zeit, auf seine bekannteste Werkreihe zurückzublicken; eine Trilogie, die filmische Techniken und visuelles Erzählen neu geprägt hat wie nur wenige zuvor.
Die Vengeance-Trilogie erzählt Geschichten von Vergeltung und Vergebung, von Empathie und Gewalt, sowie von Männlichkeit und Horror. Dabei sind die Filme der Reihe durch weit mehr verbunden als ihre zentralen Themen von Rache und Erlösung.
Sympathy for Mr. Vengeance (2002)
Als erster Teil von Chan-wooks Vengeance-Trilogie etabliert Sympathy for Mr. Vengeance die visuellen und erzählerischen Ansätze, die sich durch die gesamte Reihe ziehen. Die Welt, in der sich die Figuren bewegen, ist leicht von der Realität verschoben – gerade genug, um die Erwartungen des Publikums an vertraute Genremuster durch extreme Gewalt und Absurdität zu brechen,
Viel stärker als seine folgenden Filme konzentriert sich Sympathy for Mr. Vengeance auf Klassenunterschiede.Von Anfang an zieht der Film einen scharfen Kontrast zwischen den beiden zentralen Figuren. Ryu (Shin Ha-kyun), ein Industriearbeiter in einer Elektrofabrik, ist körperlich eingeschränkt und hat wenig Kontrolle über seine Lebensumstände. Als Kontrast nimmt Dong-jin (Song Kang-ho) als Fabrikbesitzer eine Machtposition ein. Ryu versucht, seiner schwerkranke Schwester zu helfen, die eine Nierentransplantation benötigt. Er wendet sich an illegale Organspender und bietet seine eigene Niere sowie Geld im Tausch für eine passende Niere an. Beide Nieren, sowie sein Geld werden gestohlen und die Händler verschwinden. Obwohl später ein legaler Spender gefunden wird, kann Ryu die Operation nicht mehr bezahlen. Um Geld aufzutreiben, entführt Ryu Dong-jins kleine Tochter Yu-sun.
Obwohl Ryu und Dong-jin an gegenüberliegenden Enden sozialer Hierarchien stehen, beginnen sie, einander zu spiegeln. Beide werden mit der Bedrohung konfrontiert, eine geliebte Person zu verlieren. Die einzige Lösung: genug Geld beschaffen. Unabhängig von deren Stellung in der Gesellschaft müssen sie ihren Körper im Namen des Kapitalismus opfern. Damit wirft der Film die Frage auf ob wir uns weigern oder sogar unfähig sind, unsere eigene Position in der Gesellschaft zu verlassen und in offene Kommunikation miteinander zu treten.
Oldboy (2003)
Bei Park Chan-wooks zweiten Teil der Vengeance-Trilogie Oldboy handelt es sich um sein bekanntestes und erfolgreichstes Werk. Der Film folgt Dae-su, dargestellt vom legendären koreanischen Schauspieler Choi Min-sik, der fünfzehn Jahre lang inhaftiert ist, ohne sich daran zu erinnern, wer oder was seine Gefangenschaft verursacht hat. Um Rache an seinem Entführer zu finden, muss sich Dae-su seiner Vergangenheit stellen.
Oldboy entfaltet eine Welt aus neonbeleuchteten Fluren, dunklen Hotelzimmern und surreal komponierten Einstellungen, in denen Gewalt zugleich präzise choreografiert und verstörend roh wirkt. Schönheit und Grausamkeit existieren dabei nebeneinander: blutige Kämpfe werden mit eleganter Kameraführung inszeniert, intime Momente kippen plötzlich ins Alptraumhafte. Ein Spiegelbild der verführerischen, zugleich zerstörerischen Natur von Rache. Die Kameraführung von Oldboy war in den letzten zwanzig Jahren zutiefst einflussreich für viele Filmemacher. Besonders die Kampfsequenz im Flur, gedreht in einer einzigen kontinuierlichen Einstellung, hat die Art und Weise, wie Kampfszenen auf der Leinwand gefilmt werden, nachhaltig verändert. Zahlreiche westliche Actionfilme und TV-Serien, wie John Wick (2014) oder Daredevil (2015–2018), haben bekanntermaßen direkte Inspiration aus dieser berühmten Szene gezogen.
Dae-su beginnt, ein Tagebuch zu führen, um sich an seine Vergangenheit zu erinnern und herauszufinden, was zu seiner jetzigen Gefangenschaft geführt hat. Durch ein selbstauferlegtes Trainingsprogramm erwirbt er bemerkenswerte Kampffähigkeiten und verwandelt sich nach und nach in eine distanzierte und unerbittliche Kampfmaschine. Dae-sus Männlichkeit ist primitiv, wild, aber zugleich mühelos cool und gefasst.
Doch egal wie cool oder unbesiegbar, Park Chan-wooks Darstellungen von Männlichkeit sind stets von einem gewissen Gefühl der Isolation begleitet. Um zu dieser unerbittlichen, gewalttätigen Figur der Rache zu werden, ist Dae-su in ein Gefängnis eingeschlossen, aus dem er nicht entkommen kann; seine Transformation ist eine einsame, trostlose Erfahrung.
Unter einem grotesken Porträt eines Mannes stehen die einleitenden Zeilen von Ella Wheeler Wilcoxs Gedicht Solitude: „Laugh and the world laughs with you. Weep and you weep alone.“
Obwohl Oldboy zunächst als eine Geschichte erscheint, die von moralischer Korruption getrieben wird, liegt sein tieferes Anliegen darin, ein moralisches In-sich-Gehen zu provozieren, das auf der Konfrontation der eigenen Erinnerungen basiert. Durch das Erinnern und Nacherzählen seiner Erfahrungen kann Dae-su sich dem stellen, was ihn geprägt hat, und es aus einer anderen Perspektive neu bewerten. Um den Verlauf seines Lebens zu bestimmen, muss er aktiv die Fragmente seiner eigenen Vergangenheit zusammensetzen und neu interpretieren.
Lady Vengeance (2005)
Der letzte Film in Park Chan-wooks Rache-Trilogie dreht die Geschlechterrolle der Hauptfigur um. Lee Young-ae spielt Lee Geum-ja, eine Frau, die Rache sucht, nachdem sie wegen eines Mordes inhaftiert wurde, den sie nicht begangen hat.
Im Gegensatz zu den männlichen Protagonisten der vorherigen Filme zeigt sich bei Lee Geum-ja schon früh eine andere taktische Herangehensweise. Ein Kirchenchor spricht über ihre Schönheit und vergleicht sie nach ihrer Freilassung mit einem engelsgleichen Wesen. Weil sie eine Frau ist, wollen andere Menschen an ihre Unschuld glauben. Mehrere Szenen zeigen Lee mit einem Heiligenschein auf dem Kopf, womit Vergleiche zu Darstellungen der Jungfrau Maria nahelegt werden. Während die Männer in der Rache-Trilogie ihre Stärke durch brutale Gewalt demonstrieren, spielt Lee mit den auf sie projizierten weiblichen Stereotypen und nutzt sie, um Menschen zu ihren Gunsten zu manipulieren.
Ein weiterer deutlicher Kontrast zeigt sich in den Szenen ihrer Gefangenschaft. Während Oldboys Inhaftierung eine einsame, trostlose Erfahrung ist, bildet Lee eine Gemeinschaft mit anderen weiblichen Insassinnen, die sie letztlich in ihrem Streben nach Rache unterstützen. Während Oldboy eine Geschichte über Erinnerung erzählt, konzentriert sich Lady Vengeance stärker auf das Thema Vergebung. Als thematisch letzter Film der Trilogie beschäftigt sich Lady Vengeance mit der Frage, was die Seele nach einer unverzeihlichen Tat zur Ruhe kommen lässt: Ist es die Gnade der Betroffenen oder die Rache an denjenigen, die das Leid verursacht haben?
Lees Tochter, die nach ihrer Inhaftierung adoptiert wurde, verkörpert dabei die Möglichkeit der Vergebung: Um sie zurückzugewinnen, muss Lee ihren Rachedurst hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen. Zerrissen zwischen ihrer Tochter und ihrem Verlangen nach Rache, muss Lee lernen, mit ihren Sünden zu leben und andere um Vergebung zu bitten; eine Aufgabe, die sich als weitaus schwieriger erweist als die Suche nach Rache.
Eine Studie über Rache
Ein kontroverser Aspekt der Vengeance Trilogie, der in der Diskussion über die Filme immer wieder hervorgehoben wird, ist ihre Brutalität und Schockeffekt. Park Chan-wooks Filme erschüttern die bequeme, distanzierte Haltung, aus der wir Filme normalerweise betrachten, und zwingt die Zuschauenden aus ihrer vertrauten Rolle als passive Beobachter. „Wir wissen, dass Rache eine sinnlose Handlung ist, die nur zur Leere führt“, erklärt Park Chan-wook in einem Gespräch mit Inverse Magazine. Die Gewalt in Park Chan-wooks Rache-Trilogie soll Rache nicht rechtfertigen oder glorifizieren; sie zeigt den Zuschauern die brutale Realität dessen, was passiert, wenn Rache ohne Grenzen eskaliert.
Foto: CJ Entertainment







